Handball
Eine EM-Endrunde zu Hause, aber ohne Lokalmatadoren

Die Schweizer U20-Junioren wollen sich an diesem Wochenende in Pratteln und Birsfelden für die EM-Endrunde qualifizieren. Die drei regionalen Kandidaten fehlen aus unterschiedlichen Gründen.

Rainer Sommerhalder
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Maximilian Gerbl setzt sich gegen drei Gegner durch. Christoph wesp

Maximilian Gerbl setzt sich gegen drei Gegner durch. Christoph wesp

Die Diskrepanz ist bemerkenswert. Die Schweizer A-Nationalmannschaft der Handballer kämpft derzeit gegen den Fall in die Bedeutungslosigkeit. Die Juniorenauswahlen eilen von Erfolg zu Erfolg. Sechsmal hat sich die Schweiz seit 2010 für WM- oder EM-Endrunden qualifiziert und dort mitten in der Weltspitze etabliert. Wieso gelingt dem Nachwuchs, wovon die Elite kaum zu träumen wagt?

Feilen an der Zukunft

U20-Nationaltrainer Michael Suter gibt zu bedenken, dass ein Handballer in der Regel erst mit 25 Jahren sein ganzes Potenzial entfaltet. Und dass die Nachwuchsteams vor 2010 ebenfalls ein Jahrzehnt lang nicht an Grossanlässen vertreten waren. Will heissen: «Es braucht noch etwas Geduld, aber die Arbeit mit den Junioren hat das erklärte Ziel, in Zukunft wieder eine kompetitive A-Nationalmannschaft stellen zu können», sagt Suter und zeigt sich optimistisch.

Sein Team soll morgen Freitag im KUSPO Pratteln (18.00 Uhr gegen Kroatien) und am Samstag (16.30 Uhr gegen Ungarn) sowie am Sonntag (13.30 Uhr gegen Litauen) in der Sporthalle Birsfelden den nächsten Beweis erbringen, dass man auf dem richtigen Weg ist. Zwei der vier Mannschaften reisen Ende Juli an die Europameisterschaft nach Österreich.

U18 hat es vorgemacht

Im Januar hat bereits die U18-Auswahl ihr EM-Ticket gelöst. Ein halbes Dutzend Spieler dieses Teams steht auch im Kader der U20. «Wir stellen sicher das jüngste dieser vier Teams», sagt Suter, der von einer schwierigen Ausgangslage spricht, aber an die Erfolgschancen glaubt. Im Startspiel trifft die Schweizer auf die kroatische Auswahl, die einen Vize-Weltmeistertitel im Erfolgsrepertoire aufweist. An der EM vor zwei Jahren erreichte der Schweizer Nachwuchs gegen diese Kroaten sensationell ein Unentschieden. Der Glaube an eine erneute Überraschung ist gross.

Ungarns Auswahl ihrerseits profitiert davon, dass sie im Rahmen eines intensiven Förderprogramms diese Saison als zusätzliches Team in der obersten ungarischen Liga mitspielen durfte. Rhythmus und Spielverständnis dürften entsprechend hoch sein. Litauen hingegen ist der grosse Unbekannte. Wie stark die Balten sein werden, kann Suter erst nach den ersten Auftritten des Aussenseiters schlüssig beantworten.

Kein Pass, keine Lust, kein Glück

Das Schweizer Team hat seine Qualitäten und wird sich nicht verstecken. Doch ausgerechnet die drei Lokalmatadoren mit Kadererfahrung und gemeinsamer Vergangenheit beim organisierenden TV Birsfelden werden aus verschiedenen Gründen fehlen. Severin Kaiser, der in der NLB beim Aufstiegsanwärter TV Endingen spielt, gab im Januar überraschend den Rücktritt aus der Schweizer Nachwuchsauswahl. Der linke Flügelbeklagte sich über zu wenig Einsatzzeit und zog die für ihn richtig erscheinenden Konsequenzen.

Grosses Pech beklagte Lukas Meister, der im Nachwuchs der Kadetten Schaffhausen spielt. Er zog vor wenigen Tagen im Training eine Schulterverletzung zu und fällt mehrere Wochen aus. «Lukas wäre als Kreisläufer auf jeden Fall dabei gewesen», sagt sein Klub- und Auswahltrainer Michael Suter.

Die Sache mit der Bürokratie

Ebenso gross wie bei Meister ist die Enttäuschung bei Maximilian Gerbl. Der 18-Jährige kam mit seiner Familie vor acht Jahren von München nach Basel, spielte zuerst beim RTV Basel und später beim TV Birsfelden Handball. Mit 16 Jahren debütierte der rechte Flügel in der 1. Liga, seit zwei Jahren wird er regelmässig zu den Stützpunkttrainings der Schweizer Auswahl aufgeboten. «Ich fühle mich in Basel so richtig zu Hause. Hier gehöre ich hin, deshalb will ich für die Schweiz spielen», sagt Gerbl. Weil die Hoffnungen gross waren, dass es bis zum 3. April mit dem Schweizer Pass reichen würde, bot der Nationaltrainer den Noch-Deutschen zu den letzten beiden Lehrgängen der U20-Nati auf. In den drei ersten Testspielen für die Schweiz gelangen ihm vier Tore. Aber letztlich musste sich Max Gerbl den Mühlen der hiesigen Bürokratie beugen.

Nun fiebert er am Spielfeldrand als grösster Schweizer Fan mit und hofft auf gleich zwei Exploits: Dass sich die U20 für die Endrunde qualifiziert. Und dass auch die Schweizermacher den Termin der EM-Endrunde (Start 24. Juli) schaffen.