Biathlon
«Eine reine Kopfsache» – wie der Baselbieter Biathlet Mario Dolder Motivation für die weitere Karriere findet

An den Olympischen Winterspielen in Südkorea konnte Mario Dolder keine gute Leistung abrufen. Die Enttäuschung über den zerplatzten Traum war gross. Was sich seither verändert hat.

Rainer Sommerhalder
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Biathlet Mario Dolder –den Fokus dann finden, wenn es wirklich wichtig ist.

Biathlet Mario Dolder –den Fokus dann finden, wenn es wirklich wichtig ist.

KEYSTONE

Mario Dolder brauchte Abstand. Der Baselbieter Weltklasse-Biathlet blickte gerade auf völlig verkorkste Olympische Spiele in Südkorea zurück. Und er fragte sich: «War es das?» All dieser Aufwand, die unzähligen Trainings, die ganze Energie, um dann beim Höhepunkt jedes Sportlerlebens durchzufallen?

Ein Rücktritt stand zur Debatte. Vor allem aber wollte der 28-Jährige eine Auslegeordnung machen. Ganz alleine für sich. Es war klar, dass sich Dinge ändern mussten. Dolder wollte die Gewissheit finden, dass sich der Aufwand lohnt. Dass er sein Leistungsvermögen auch dann zeigen kann, wenn es draufankommt. Der sechste Platz in Östersund zu Beginn des letzten Winters wirkte da wie ein Hochglanzprospekt, der für eine erneute Buchung dieser Athletenreise warb. «Östersund ist Beweis dafür, was an einem wirklich guten Tag für mich möglich ist», sagt Dolder.

Die Zuversicht ist zurück

Lenzerheide – wenige Tage vor dem Start in die neue Weltcupsaison. Die Sonne scheint. Auch in Mario Dolders Gesicht. Der Ausdruck seiner Körpersprache hat nichts mehr mit jenem in Pyeongchang gemein. Motivation und Zuversicht sind beim Sissacher längst zurück. Die Ereignisse und Entscheidungen im Sommer haben ihm gutgetan. Drei Monate hat er für sich trainiert, ohne das Nationalkader. Auf dem Rücken trägt er ein neues Gewehr. Dieser Wechsel war auch mental ein wichtiger Baustein. Denn bei Olympia passte im Schiessstand gar nichts mehr zusammen.

In den beiden internen Selektionsrennen für den Weltcup vor einer Woche verfehlt Mario Dolder nur eine von 20 Scheiben. Er gewinnt ein Rennen und wird einmal Zweiter. «Zu sehen, dass das Schiessen stabil und die Laufform solid sind, verleiht viel Selbstvertrauen», sagt Dolder. Der Winter kann kommen. Am Sonntag geht es in Slowenien los.

Neu ist nicht nur die Waffe auf dem Rücken, sondern auch der Ring am Finger. Mario Dolder hat Ende April seine langjährige Freundin geheiratet. Es sei ein sehr emotionales Ereignis gewesen, sagt der angehende Bauingenieur. Gefühle sind für ihn, den so sachlichen und analytischen Menschen, ein besonders wichtiges Elixier. Auch deshalb habe der Blick zurück die Antwort geliefert, wohin die Zukunft gehen soll. «Mit einem Gefühl wie in Pyeongchang wollte ich nicht aufhören», sagt Dolder. Er möchte stattdessen Stimmungen wie beim Exploit in Schweden erleben. «Das war so ein geiler Tag, voller Emotionen.»

Zwei Jahre im Minimum

Mindestens zwei weitere Saisons lang will Dolder Spitzensport betreiben, um dann im Frühling 2020 zu entscheiden, ob er nochmals einen Anlauf für die Olympischen Spiele 2022 in Peking macht. In anderthalb Jahren schliesst er auch sein Studium ab und kann dann zwischen Sportler- und Berufsleben auswählen.

Zuerst aber möchte er es im Weltcup krachen lassen. Der Baselbieter sagt, dass bei ihm alles «eine reine Kopfsache» sei. Dem Kopf will er künftig mehr Freiheiten geben. Er, der gewissenhafte Sportler, der sich so sehr auf seine Wettkämpfe fokussieren kann. Genau an diesem Punkt muss er ansetzen. «Ich will mehr Lockerheit in meiner Rennvorbereitung und dann fokussiert sein, wenn es wirklich drauf ankommt. Dolder sagt selbstkritisch, dass er es in der Vergangenheit mit dem kompromisslosen Fokus wohl übertrieben habe. Verbissenheit nennt man das. «Ich habe genauestens darauf geachtet, ja nichts falsch zu machen.» Keine Hände schütteln, denn die sind voller Bakterien. Und ja keine Störung der Konzentration.

Künftig soll ihn nicht mehr die Angst leiten, im Vorfeld der Rennen vielleicht etwas falsch zu machen. Ein Lernprozess – gerade für einen wie Dolder. Mit dem Ring am Finger geht es einfacher. «Meine Heirat hat mir gezeigt, dass es Dinge gibt, die letztlich viel, viel wichtiger sind als der Sport.» So soll es sein: der Ehering als Zeichen von Emotionen und nicht als Hort von Bakterien.