Sm'Aesch Pfeffingen

Einkaufen statt Play-Offs: Eine neue schweisstreibende Aufgabe

Gabi Schottroff beim Einkauf. Normalerweise spielt sie bei Sm'Aesch Pfeffingen Volleyball, die Saison wurde aufgrund des Coronavirus aber abgebrochen.

Gabi Schottroff beim Einkauf. Normalerweise spielt sie bei Sm'Aesch Pfeffingen Volleyball, die Saison wurde aufgrund des Coronavirus aber abgebrochen.

Statt in den Play-Offs zu spielen, kaufen die Sm’Aesch-Pfeffingen-Spielerinnen wie Gabi Schotroff für Risikopatienten ein. Ein Augenschein.

Gabi Schottroff liest es noch mal. Und noch mal. Aber sie wird einfach nicht schlau aus diesem Wort, das auf ihrer digitalen Einkaufsliste auf ihrem Handy steht. «Schachtelkäse, was soll das sein?» Heisst der Käse so? Oder befindet er sich in einer Schachtel? Auch die Nachfrage bei der Verkäuferin ist nicht hilfreich. Auch sie: ratlos.

Vielen Leuten geht es im Moment wie Schottroff. Mit Einkaufslisten fremder Leute ausgestattet gehen sie einkaufen für jene Leute, denen selbst der Gang in den Coop oder die Migros verwehrt bleibt. Den Risikopatienten, welche aufgrund des Coronoavirus ihr zu Hause nicht verlassen sollen. Sie sind auf Hilfe angewiesen. Auf Hilfe von Leuten wie Gabi Schottroff.

Gabi Schotroff, Profi-Volleyballerin und neuerdings Einkaufshilfe.

Gabi Schotroff, Profi-Volleyballerin und neuerdings Einkaufshilfe.

«Das kenne ich auch nicht. Was ist Brüsseler Salat? Ich muss das googeln», sagt Schottroff und sucht Hilfe im Internet. Des Rätsels Lösung ist schnell gefunden, der Chicorée-Salat in den Einkaufswagen gelegt. Der Wagen ist zwei geteilt, Schottroff kauft für zwei Leute ein. Einen älteren Mann in Aesch und eine Dame aus Therwil. Die beiden wurden ihr zugeteilt, die Angaben hat sie erst am Abend zuvor gekriegt. «Ich wollte alles noch von Hand aufschreiben. Aber dafür blieb keine Zeit mehr.»

Es ist neun Uhr morgens, als wir Schottroff treffen. Sie hat diese Uhrzeit gewählt. Einerseits, weil sie weiss, dass die Leute auf ihre Lebensmittel angewiesen sind und zu Hause auf sie warten. Andererseits aber auch, weil sie am Nachmittag noch in die Physio-Therapie muss. Ein vorletztes Mal. Danach muss sie gewissermassen selber schauen, dass sie wieder in Wettkampf-Form kommt. Und das erst noch, wenn sämtliche Spiele abgesagt wurden. Ein herber Schlag. Denn die Matches sind Schottroffs Lebensinhalt.

Vergriffenes Müsli, getrennte Rechnungen

Die 23-Jährige greift ins Regal. Sie stellt die Gries-Crème zurück. Es muss ein Gries-Töpfli sein. «Aber wie sieht das aus? Das habe ich noch nie gekauft. Und ich kenne mich in der Migros nicht aus», sagt Coop-Kind Schottroff mit langsam aufkommender Verzweiflung. Die Suche bringt die Sportlerin ins Schwitzen, die Jacke fliegt in den Einkaufswagen. Dass gewisse Dinge nicht auffindbar sind, ist wie eine Niederlage. Ein Gefühl, dass sie zuletzt kaum mehr kannte.

Grassiert keine Pandemie, dann ist Schottroff Profi-Volleyballerin. Die Mittelblockerin spielt bei Sm’Aesch Pfeffingen, war auf Meister-Kurs. Bis das Coronavirus kam, die Saison abgebrochen wurde und am grünen Tisch entschieden werden wird, ob und wer Meister wird und wer nächste Saison europäisch spielen wird. Bis Ende April hätten die Play-Offs gedauert. Bis dann hätte Schottroff nach überstandenen Kapselverletzung auch wieder normal trainieren können, wäre im Sommer zur Schweizer Nati. «Ob das stattfinden wird, steht in den Sternen. Und ob ich ohne Wettkämpfe bis dann fit genug wäre, ist das andere.» Sie könne es ohnehin nicht beeinflussen. Sie versucht sich zu Hause so gut wie möglich fit zu halten. Aber die nötigen Sportgeräte besitzt sie nicht. Also nutzt sie die Zeit, um sich an der Aktion von Sm’Aesch zu beteiligen. Alle Schweizer Spielerinnen kaufen für die Leute ein, die nicht raus dürfen.

«Es ist das erste Mal, dass ich an der Aktion mitmache. Zuvor hatte ich noch keine Zeit», erzählt Schottroff. Sie packt die Bananen ein - «ich hoffe es sind die richtigen, sonst nehme ich sie» - greift nach Dosen-Erbsen, Seife, Milchdrinks. Rund dreissig Minuten dauert der Einkauf. An der Kasse wird getrennt bezahlt. Schottroff schiesst das Geld vor, später kriegt sie es per Banküberweisung zurück. Das erklärt sie dem älteren Herrn, als er uns die Tür öffnet. «Wir haben leider nicht alles gefunden. Das Crunch-Müsli war vergriffen.»

Schottroff liefert die Ware ab. Der ältere Herr ist glücklich - und bedankt sich später gar mit einem digitalen Blumenstrauss.

Schottroff liefert die Ware ab. Der ältere Herr ist glücklich - und bedankt sich später gar mit einem digitalen Blumenstrauss.

Ein Dankeschön gibts aus drei Metern Abstand und ohne Hände schütteln. Die Mission ist erfolgreich abgeschlossen. «Ich mache das gerne noch einmal, wenn es mich braucht.» Nur: Schottroff weiss nicht, wann sie das nächste Mal in der Region ist. Eigentlich wohnt sie im Kanton Schwyz, in ihrer Zweitwohnung in Aesch ist sie nur während der Saison – oder für die Physio. Heute findet diese ein letztes Mal statt. «Auch dort gibt es jetzt Kurzarbeit. Daher werde ich fortan via Telefon betreut. Nur wer gerade operiert wurde, wird vor Ort behandelt.» Wie lange das dauern wird und sie wieder in die Region, die Physio und in die Halle zurückkehren wird? Es ist wie so vieles im Leben der Profi-Sportlerin in Zeiten des Coronavirus ein Rätsel.

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