«Ich bin der Erste, der zugibt, dass ich mein Land in die Scheisse geritten habe. Die Kritiken sind verständlich.» Carlos Zambrano sitzt bereits im Mannschaftsbus, als er diese Zeilen verfasst. Er postet sie auf Instagram. Es ist sein Versuch, sich bei seinem Land zu entschuldigen. Sein Land, das ihn bis zu diesem Moment so sehr vergöttert, ihn zu einem Helden ernannt hatte – und dann so bitter enttäuscht wurde.

Fast genau vier Jahre ist das her, wir schreiben den 30. Juni 2015. Peru hat an der Copa América soeben 1:2 gegen Chile verloren. Ausgerechnet gegen Chile. Die Duelle der beiden Nachbarländer sind aus historischen Gründen immer sehr heiss. Die Brisanz des «Clásico del Pacífico», wie das Spiel der beiden Länder in Südamerika genannt wird, gründet im Salpeterkrieg, in dem im 19. Jahrhundert um die Vorherrschaft an der Pazifikküste Südamerikas gekämpft wurde.

Und ausgerechnet in diesem heissen Duell, das im Juni vor vier Jahren auch noch darüber entschied, wer ins Finale der Südamerika-Meisterschaft einzieht, verlor Zambrano die Nerven. In der zwanzigsten Minute trat er Charles Aranguiz mit dem Fuss in den Rücken. Nachdem er bereits Gelb gesehen hatte, war die einzige logische Konsequenz: Platzverweis. Peru schaffte die Sensation zu zehnt nicht, das Aus im Halbfinale war besiegelt. Die Aficionados wähnten sich ob Zambranos Dummheit im falschen Film, der damals 25-Jährige sagte passenderweise: «Natürlich bin ich jetzt der Bösewicht im Film.»

Die Zerstörungskampagne

Fortan schoss sich das ganze Land auf Zambrano ein, dem sie einst den Spitznamen «Kaiser» verpassten, in Anlehnung an Franz Beckenbauer. Zambrano wurde vorgeworfen, dass er absichtlich einen Platzverweis provozierte. Die Presse zog ihn durch den Dreck, hängte ihm eine homoerotische Beziehung an, aufgrund derer er gar vor Gericht zog. Der peruanische Sportjournalist Erick Osores sprach von gezielten Aktionen, die man im Nachgang zu Zambranos roter Karte und dem verpassten Finale gegen ihn startete.

«Ich habe nicht vergessen, wie sie versuchten, ihn totzuschreiben. Sie haben ihn in einen Käfig gesteckt, ihn zu isolieren begonnen und eine Zerstörungskampagne gegen ihn gestartet.» Trotzdem versiegte Zambranos Liebe zu seinem Land nie. Auch drei Jahre nach seinem letzten Einsatz, im Frühjahr dieses Jahres, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung, dass er eine Rückkehr in die Nationalmannschaft niemals ausschliessen würde. Bei der laufenden Copa gehört er zum Kader Perus.

Überragende Leistung im Viertelfinal

Zambrano ist aber nicht nur ein Teil dieser Mannschaft, vielmehr ist er der Fels in der Abwehr. Mit ihm hat Peru bislang kein Spiel verloren. Als er wegen eines Schlages, den er gegen Bolivien kassierte und aufgrund dessen er sich auswechseln lassen musste, das Spiel gegen Brasilien verpasste, gingen seine Kollegen gleich mit 0:5 unter. Seine Bedeutung wurde erst in seiner Abwesenheit deutlich. Für den Viertelfinal gegen Uruguay letzten Samstag meldete er sich wieder fit, auch wenn peruanische Medien davon sprechen, dass er angeschlagen gewesen sei. Aber Zambrano biss durch.

Es schien, als wolle er wieder gutmachen, was er vor vier Jahren verbrochen hatte. Ein Ziel, das er mehr als erreichte. Zambrano war der überragende Spieler dieses Viertelfinals, das erst im Penalty-Schiessen entschieden wurde. Gegen die Weltklasse-Stürmer Luis Suarez und Edinson Cavani schaffte er es, die Null hinten zu halten. «Er hat der Abwehr eine Hierarchie gegeben und sich dadurch zu einem der besten Akteure dieses Spiels gemacht», so eine Peruanische Zeitung. Als Krönung wurde er in der Folge in die Top-Elf der Viertelfinals gewählt.

Happy End mit vierjähriger Verspätung?

Aber viel wichtiger für Zambrano ist, dass man ihm verziehen hat in seinem Heimatland. Er genoss die Glückwünsche, die via Instagram auf ihn einprasselten. Bilder von ihm wurden gepostet, versehen mit seinen Spitznamen «Kaiser» und «Löwe», aber noch öfters mit Danksagungen und dem Wort «Held». Der heute 29-Jährige hat es geschafft, vom Helden zum Bösewicht und wieder zum Helden eines Landes zu werden. «Nach der ganzen Kampagne von damals gegen ihn hat er uns in diesem Spiel gegen Uruguay mehr als nur eine Hand gereicht», so Sportjournalist Osores.

Die Geschichte soll aber noch nicht zu Ende sein. In der Nacht auf Donnerstag (2.30 Uhr) trifft Peru auf Chile und damit jenes Land, mit dem alles Übel für Zambrano begann. Es ist eine Chance, diese negativen Szenen endlich aus den Gedächtnissen zu löschen. Auf Nachfrage sagt er, dass es kein besonderes Spiel für ihn sei, Vorgeschichte hin oder her. «Es ist einfach ein weiteres Spiel, das wir gewinnen müssen, um den Final zu erreichen.» Es wäre eine Sensation, für das Land, aber vor allem für Zambrano. Denn es wäre sein Happy End, das mit vierjähriger Verspätung doch noch eintrifft.