Fussball
Einst als «eines der grössten Schweizer Stürmertalente» gehandelt, verdient der Ex-Basler Orhan Mustafi sein Geld nun in Hongkong

Mit 18 Jahren debütierte Orhan Mustafi für den FC Basel in der Super League und schoss gleich zwei Tore. Ihm wurde eine grosse Zukunft prophezeit. Nun ist Mustafi 26 Jahre alt und spielt in Hongkong. Warum er dennoch glücklich ist und nochmals alles gleich machen würde.

Sandro Zappella
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Orhan Mustafi fühlt sich wohl in Hongkong, wird aber irgendwann wieder in der Schweiz spielen.

Orhan Mustafi fühlt sich wohl in Hongkong, wird aber irgendwann wieder in der Schweiz spielen.

Facebook: Orhan Mustafi

Orhan Mustafi, Sie spielen seit über zwei Monaten für den FC Kitchee in Hongkong. Wie geht es Ihnen?

Orhan Mustafi: Sehr gut, danke. Es ist 13 Uhr, ich bin soeben vom Training nach Hause gekommen und habe jetzt Zeit, um an den Strand oder ins Stadtzentrum zu gehen.

Das klingt angenehm...

Das ist es. Derzeit sind die Temperaturen zwar etwas milder, so gegen die 20 Grad. Kalt kann man dem hier also wirklich nicht sagen.

Orhan Mustafi hat von seinem Zuhause nur fünf Minuten an den Strand.

Orhan Mustafi hat von seinem Zuhause nur fünf Minuten an den Strand.

zvg/watson

Sie haben kein Training am Nachmittag?

Nein, wir trainieren nur einmal pro Tag, meist von 11 bis 13 Uhr. Danach habe ich Zeit, um Inseln zu erkunden oder sonst etwas zu unternehmen. Manchmal habe ich auch spielfreie Wochenenden, da liegen auch mal Ausflüge nach Thailand, China oder Vietnam drin, das ist alles sehr schnell zu erreichen.

Sie haben 2008 mit 18 Jahren beim FC Basel dein Super-League-Debüt gegeben und gleich zwei Tore erzielt. Die «Sonntags Zeitung» nannte Sie damals «eines der grössten Stürmertalente der Schweiz». Wie kommt es, dass das einstige Supertalent jetzt in Hongkong spielt?

Ich war zuvor fast ein halbes Jahr vereinslos. Ich wollte nicht einfach das erstbeste Angebot annehmen. Da ich immer schon mal länger nach Asien wollte, hat es gepasst. Der spanische Spielerberater Jaime Bauza ist dann mit dem Angebot aus Hongkong gekommen.

Aber Ihnen wurde eine grosse Karriere prophezeit. Sie haben in den Auswahl-Mannschaften für die Schweiz gespielt, Ottmar Hitzfeld hatte Kontakt mit Ihnen – sind Sie enttäuscht von Ihrem Karriereverlauf?

Klar habe ich mir vieles anders vorgestellt. Aber enttäuscht bin ich nicht. Ich bin glücklich mit meinem Leben und mit meiner Karriere. Ich habe viel gelernt, auch menschlich. Ich war leider oft verletzt, habe aber gelernt damit umzugehen. Ich kann es ja nicht ändern. Ich bin einfach zufrieden und froh, dass ich einen Beruf habe, der mir so viele Freiheiten gibt. Ich bin mir bewusst, dass ich das nicht immer machen kann.

Wie meinen Sie, Sie haben sich damit abgefunden?

Natürlich träumt jeder Fussballer von der Bundesliga oder Premier League. Das war auch mein Ziel. Aber da gibt es viele Einflüsse, man kann nicht immer alles selbst entscheiden. Jetzt lebe ich Tag für Tag und geniesse den Moment. Man weiss ja nie, was alles noch kommt.

Würden Sie gewisse Entscheidungen anders treffen, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten?

Nein, ich bereue nichts. Ich würde jeden Schritt, jeden einzelnen Wechsel, wieder genau gleich machen. Dass ich zu oft und in den falschen Momenten verletzt war, kann ich nicht ändern. Aber das ist in Ordnung, ich habe mich damit abgefunden. Dank meinem Karriereverlauf lebe ich jetzt in Hongkong.

Und das war das Richtige?

Absolut. Ich wollte etwas Neues. Weit weg. Also habe ich Hongkong gegoogelt, mir Bilder angesehen und entschieden, es zu wagen. Vielleicht kommt solch eine Chance nie wieder. Ich mache derzeit sowas wie eine fussballerische Weltreise. Ich kann durch meinen Beruf ein anderes Land, eine andere Kultur kennenlernen.

Seit zwei Monaten sind Sie nun in Hongkong, einem der am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt. Haben Sie sich gut eingelebt?

Ich wurde in der Mannschaft gut aufgenommen. Die Menschen hier sind sehr gastfreundlich. Zudem bin ich mit meiner Freundin hergekommen, sie ist Studentin aus Frankreich, die hier ein Praktikum absolviert.

Mit dem Ungaren Krisztian Vadocz haben Sie einen Spieler in der Mannschaft, der wie Sie mal bei GC war.

Als wir uns hier getroffen haben, war das natürlich gleich Gesprächsthema. Wir haben uns in Zürich aber knapp verpasst und spielten dort nie zusammen. Aber es ist schon ein riesiger Zufall, dass wir beide erst bei GC und nun beim FC Kitchee spielen.

Orhan Mustafi

Nachdem der Stürmer ein halbes Jahr beim FC Zürich gespielt hatte, wechselte er zur Saison 2008/09 zum FC Basel mit einem Vertrag, der bis zum 30. Juni 2012 gelaufen wäre. In seinem ersten Ligaspiel erzielte Mustafi gleich zwei Tore für den FCB.

Für die Saison 2009/10 wurde er an den FC Aarau ausgeliehen. Zur Spielzeit 2010/11 wechselte er für ein Jahr auf Leihbasis zum deutschen Zweitligisten Arimini Bielefeld. Am 23. Juni wechselte der Offensivspieler definitiv vom FC Basel 1893 zu GC. Sein dortiger Vertrag lief bis zum 30. Juni 2014, anschliessend wurde er nicht mehr verlängert. Ab Oktober 2014 lief er für Le Mont in der Challenge League auf, bis er im November 2016 nach Hongkong wechselte.

Haben Sie enge Kontake zu anderen Mitspielern?

Mit Zhi Gin Lam spielt ein Deutscher in meinem Team. Es tut manchmal gut, sich im Training in der Muttersprache zu unterhalten, mit jemandem der aus der gleichen Kultur kommt.

Und mit den anderen Mitspielern können Sie sich nicht unterhalten?

Doch natürlich. Eigentlich sprechen alle ziemlich gut Englisch. Zumindest gut genug, um sich zu verständigen. Das gilt zum Glück auch für den Coach, Trainingssprache ist Englisch. Auf den Strassen und im Verkehr ist zum Glück ebenfalls alles in Englisch beschriftet, das hilft natürlich.

Sie sind mit dem Auto unterwegs?

Nein, das kannst du hier vergessen. Es hat viel zu viel Verkehr. Kein einziger Spieler meiner Mannschaft hat ein Auto, es kommen alle mit der Metro ins Training.

Sie sprechen den vielen Verkehr an. In Hongkong leben fast gleich viele Einwohner wie in der Schweiz, aber auf 37-mal weniger Fläche. Muss ziemlich eng sein.

Das ist es (lacht). Es ist alles voll mit Hochhäusern, es sind alles brutal enge und kleine Wohnungen. An Plätzen, an denen du in der Schweiz ein Häuschen hinstellst, bauen die 10 Blöcke bis in den Himmel.

Orhan Mustafi beim Training in Hong Kong.
5 Bilder
Der Schweizer spielt seit November 2016 beim FC Kitchee.
Orhan Mustafi fühlt sich wohl in Hongkong, wird aber irgendwann wieder in der Schweiz spielen.
Orhan Mustafi
Orhan Mustafi zusammen mit dem spanischen Fussballer David Villa.

Orhan Mustafi beim Training in Hong Kong.

Facebook: Orhan Mustafi

Wohnen Sie in einem dieser Blöcke?

Meine Unterkunft ist ein Mix zwischen Hotel und Wohnung. Das Gebäude ist etwa 18 Stockwerke hoch, ich sag dir, da drin hat's gefühlt 50'000 Wohnungen (lacht).

Und Ihre Wohnung?

Sie hat zwar drei Zimmer, ist aber dennoch sehr klein. Ich fühle mich wohl, aber es ist schon anders als gewohnt.

Die Aussicht aus Mustafis Apartment.

Die Aussicht aus Mustafis Apartment.

zvg/watson

Was kostet der Spass?

2'300 Franken im Monat. Der Verein zahlt aber für die Unterkunft.

Hongkong ist ja bekannt für seine hohen Lebenshaltungskosten.

Es ist unglaublich teuer. Sonst sind die asiatischen Länder ja eigentlich alle ziemlich billig, aber hier kann man fast 1:1 rechnen mit der Schweiz.

Ist Ihr Lohn gleich hoch wie bei Ihrer letzten Station in Le Mont?

Nein, der ist höher, sonst hätte ich das nicht gemacht. Ich kann gut mit dem Geld leben, werde aber sicher kein Millionär.

Von Hongkong ist es nicht mehr weit nach China. Dort werden im Moment horrende Löhne bezahlt.

Das ist mir bewusst. Ich hoffe, ich kann hier auf mich Aufmerksam machen. Es gibt in Asien natürlich sowohl finanziell als auch spielerisch attraktivere Ligen, aber die Hong Kong Premier League kann ein gutes Sprungbrett sein.

Wie schätzen Sie das Niveau ein?

Ziemlich ähnlich wie in der Schweizer Challenge League. Die Asiaten sind halt eher klein und deshalb physisch unterlegen. Vom Tempo und der Technik kann man sie aber etwa mit der Challenge League vergleichen.

Da sind Sie mit Ihren 1,91 Meter gegenüber den kleinen Asiaten ja klar im Vorteil.

Nicht wirklich, die haben praktisch alle ausländische Innenverteidiger im Team, die sind dann schon grösser.

Wie sind die einheimischen Spieler taktisch geschult?

Sie sind ein bisschen im Rückstand, haben sich die letzten Jahre aber stark verbessert. Eigentlich alle Teams haben ausländische Trainer, viele Spanier sind hier, auch in den Jugendakademien. Auch unser Staff besteht, ausser dem Cheftrainer, grösstenteils aus Ausländern.

Gibt es eine Fankultur in Hongkong?

Wir haben ein eher kleines Stadion, das 6000 Zuschauer fasst, dafür ist es immer gefüllt. Die Fans machen Stimmung, in den Fankurven wird 90 Minuten gesungen, eigentlich genau gleich, wie dies in Europa der Fall ist.

Asiaten sehen für uns Europäer ja ziemlich ähnlich aus. Können Sie Ihre Mitspieler auseinander halten?

Das war am Anfang tatsächlich ein Problem. Wenn du täglich zusammen trainierst, geht es dann aber mit der Zeit. Ich muss aber ehrlich gestehen, dass ich noch nicht alle Namen kann. Es ist aber auch schwierig, da sie alle so ähnliche Namen haben, die sich teilweise nur durch einen Buchstaben unterscheiden.

Hier lässt es sich leben: Hong Kong im Panorama-Überblick.

Hier lässt es sich leben: Hong Kong im Panorama-Überblick.

Keystone

In der Meisterschaft läuft es bei Ihnen noch nicht so rund, Sie hatten bei Kitchee bisher erst zwei Teileinsätze.

Hier wird nur auf Kunstrasen gespielt, deshalb hatte ich anfangs etwas Mühe mit den Knien. Der Kunstrasen hier ist nicht zu vergleichen mit dem in der Schweiz. Hier ist er viel härter, hat eine viel schlechtere Qualität.

Gibt es keinen Naturrasen für das Training?

Nein, wir trainieren auch bei 40 Grad auf dem Kunstrasen. Beim ersten Training fühlte es sich an, als würde ich im Feuer Fussball spielen.

Kommen Sie eigentlich irgendwann zurück in die Schweiz?

Spätestens wenn ich eine Familie plane. Ich will, dass meine Kinder in der Schweiz aufwachsen.

Weshalb spätestens?

Wenn ein gutes Angebot aus der Super League kommen sollte, würde ich wohl zurückkehren. Das Niveau ist schon deutlich höher als hier. Ich bin offen für alles.

Ihre Reise ist also noch nicht zu Ende. Sie waren ja auch schon mal nahe an der Schweizer Nati...

Ottmar Hitzfeld hat mit mir gesprochen und gesagt, dass meine Zeit noch kommen werde. Ich hatte mit Alex Frei, Marco Streller und Eren Derdiyok zu jener Zeit aber sehr grosse Konkurrenz.

Sie sind als Albaner in Mazedonien zur Welt gekommen. War es nie ein Thema für eines dieser Länder zu spielen?

Mein Ziel war es, für die Schweiz zu spielen. Als ich eingesehen habe, dass es nicht reichen wird, hatte ich auch Kontakt zum mazedonischen Verband, doch es ist nie etwas zustande gekommen. Auch diese Länder haben sich fussballerisch entwickelt.

Das heisst?

Von Le Mont kommst du nicht in die Nati. Auch nicht in diejenige von Mazedonien oder Albanien. Die haben mittlerweile richtig gute Spieler. Aber ich würde natürlich nicht nein sagen, wenn es doch noch klappen sollte.

Sie sind ja noch jung.

Das stimmt. Ich will mich jetzt hier zeigen und aufdrängen.

Hongkong in der Nacht

Hongkong in der Nacht

Keystone

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