Eigentlich war der Sieg das erklärte Ziel von Olympia-Skip Silvana Tirinzoni. Seit dieser Saison spielt sie mit neuem Team, da zwei ihrer Partnerinnen aus beruflichen und privaten Gründen einen Schlussstrich zogen. Doch weil neben Melanie Barbezat auch Alina Pätz zum Team stiess, ging vor der Saison ein Raunen durch die Curlingszene. Ein erstauntes Raunen. Denn Pätz, ihres Zeichens zweifache Weltmeisterin, und Tirinzoni sind nicht nur Top-Spielerinnen, sondern sie waren auch Konkurrentinnen. Die Meinungen der Szenekenner schwankten zwischen grösstem Respekt und grössten Zweifeln, ob das gut gehen kann.

In Arlesheim beim Women’s Masters, dem höchstdotierten Curling-Turnier auf Schweizer Boden, startet das neue Power-Team stark. Tirinzoni und ihre Mitstreiterinnen gewinnen am Freitag und Samstag alle vier Gruppenspiele souverän – bis auf die Partie gegen das Schweizer Team um Selina Witschonke, das Tirinzoni & Co. denkbar knapp mit 6:5 für sich entscheiden. Ähnlich souverän wie in der Gruppenphase geht es für das neu formierte Team am frühen Sonntagmorgen in den Playoffs los. Gegen die Chinesinnen um Di Zhang setzen sich die Schweizerinnen im Viertelfinal mit 6:4 durch. «Da haben wir sehr solid gespielt, auf dem Niveau, das wir uns vorstellen», sagt Vize-Skip Alina Pätz. Doch dann kommt der Bruch.

Von Beginn an in Rücklage

Im Halbfinal gegen Binia Feltscher und ihre Frauen geraten Tirinzoni, Pätz & Co. ins Schlittern und werden eiskalt erwischt. Schon im ersten End geraten sie gegen Team Feltscher mit 0:2 ins Hintertreffen. «Diesem Rückstand rannten wir hinterher», analysiert Pätz. Tirinzoni ergänzt: «Wir haben danach eigentlich nicht schlechter gespielt, aber wir hatten ein paar Missverständnisse drin, haben falsch gewischt, dumme Fehler gemacht.»

Trotzdem kommen sie noch einmal heran. Immer wieder gibt’s vom Publikum Szenenapplaus für Tirinzoni und Pätz. Im zweitletzten End gelingt es ihnen gar, mit einem Dreier-Haus die Führung zu übernehmen. 7:6 steht es vor dem entscheidenden Durchgang für Team Tirinzoni. Aber Feltscher hat den Vorteil, dass sie den letzten Stein spielen kann. Diesen nutzt sie und entscheidet mit ihren Mitstreiterinnen den Halbfinal mit 8:7 für sich.

Zuschauer sind Mangelware

Während die Verliererinnen bei knapp fünf Grad in der Curling-Halle die Köpfe schütteln, scheint draussen die Sonne. 23 Grad im Schatten. Eine leichte Brise wiegt die welken Blätter von den Bäumen. Auf den vier Tennisplätzen des TC Arlesheim schlagen sich zwei junge Spieler die Bälle zu – in T-Shirt und kurzer Hose. Es liegt wohl auch daran, dass am Finaltag nur knapp hundert Leute zuschauen, während sich ein paar der weltbesten Curlerinnen messen. Die meisten sind Angehörige und Freunde der Spielerinnen. «Es ist wirklich sehr familiär. Leider. Trotz Weltklassesportlerinnen spielen wir vor allem in der Schweiz manchmal fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das ist extrem schade», sagt Tirinzoni enttäuscht.  Und freut sich auf die kommenden Wochen in Kanada, wo der Sport deutlich mehr Fans in die Stadien lockt – und die Temperaturen draussen vielerorts deutlich tiefer sind.

Ein vorgezogener Final, das sei die Partie Feltscher gegen Tirinzoni, da waren sich viele Besucher einig. Und trotzdem musste sich Feltscher wie schon im Vorjahr mit Platz 2 begnügen. Die aufstrebende Zürcherin Elena Stern und ihre Mitstreiterinnen entscheiden den Final mit 6:4 für sich und kassieren die Siegerprämie von 10 000 Franken.

Trotz Sterns’ Sieg werden Tirinzoni und ihr Team die Schweiz an der EM in Talinn Mitte November vertreten. Das stand schon vor dem Schweizer Spitzenturnier in Arlesheim fest. Zu stark war das neue Schweizer Spitzenteam schon zu Beginn der Saison. Und es soll noch besser werden in den nächsten Wochen. In Kanada, wo sich Tirinzoni, Pätz & Co. bei ihrem neuen Trainer, Peter Gallant, den Feinschliff für die EM holen. In der Hoffnung, schon nach wenigen Monaten die gewagte Zusammenarbeit zu vergolden.