Schach
Er hat statt französisch das Schachspielen perfekt erlernt

Der als Nummer 1 gesetzte Radoslaw Wojtaszek aus Polen kann am Sonntag das Schachfestival Basel gewinnen. Doch nicht nur deswegen sorgt der Grossmeister für Aufsehen. Er hat auch seine Herzdame mit dabei.

Georges Küng
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Die Königin und ihr Prinz: Alina Kashlinskaya und Radoslaw Wojtaszek. zinke

Die Königin und ihr Prinz: Alina Kashlinskaya und Radoslaw Wojtaszek. zinke

zinke/sportives.ch

Bereits mit dreieinhalb (!) Jahren wurde Radoslaw Wojtaszek (26) vom Schach-Virus befallen. «Meine Mutter ist Französisch-Lehrerin in Polen und besuchte Bekannte in Frankreich. Und für die lange Reise kaufte sie ein Schach-Set. Neugierig bestaunte ich die Figuren; und weil es im Haus der französischen Freunde auch Kinder hatte, spielten wir Schach. Oder bewegten zumindest die Figuren», erinnert sich Radoslaw Wojtaszek an jene Tage, welche «mein Schach-Schicksal bestimmen sollten.» Dass er nie die französische Sprache erlernt hat, kann er verkraften.

«Rangierungen und Statistiken sind nebensächlich»

Wieder zuhause, trat der Pole in seiner Heimatstadt Kwidzyn einen Schachklub bei – und seither hat er eine stete, linear-aufsteigende Entwicklung gemacht. Im Jahre 2004 wurde er sowohl Europa- und -Weltmeister bei der Jugend und durfte sich bereits mit 18 Jahren Grossmeister nennen. Mit einer ELO-Zahl von 2711 gehört er «der Crème de la Crème» an, wie OK-Mitglied Peter Erismann festhält. Denn wer über 2700 ELO-Punkte hat, ist absolute Weltklasse, auch wenn derzeit 49 Spieler diese Punktzahl (und mehr) aufweisen. Und weil der Turniersieg von Zürich von Ende Dezember noch nicht berücksichtigt ist, wird der Osteuropäer nach dem Basler Schachfestival unter die Top 30 vorrücken. «Rangierungen und Statistiken sind nebensächlich. Ich konzentriere mich jeweils auf die nächste Partie und blicke maximal dem kommenden Turnier entgegen», erklärt Wojtaszek, der als Co-Leader heute Mittag um den Turniersieg im Hotel Hilton spielt.

Als jüngste Europäerin die Grossmeister-Norm geschafft

Die «zweite Hälfte» von Wojtaszek heisst Alina Kashlinkskaya (19). Die Russin aus Moskau schaffte, als jüngste europäische Spielerin, im Alter von 15 (!) Jahren die Grossmeister-Norm (WGM). Und ist seit gut zwei Jahren seine Freundin. Die Verständigung erfolgt «zur Hälfte in englisch und jeweils einen Viertel in russisch und polnisch», erklären sie unisono. Zumindest linguistisch sind Radoslaw und Alina auf dem gleichen Level, «im Schach gewinnt er natürlich fast immer», schmunzelt die Moskowiterin. Dennoch kann sie schach-technisch von ihm profitieren, denn «er weiss genau, in welcher Stimmung ich nach einer Partei bin», so die Russin.

Vor einer Woche in Zürich gewonnen

Vor einer Woche gewann er das Zürcher Turnier, sie den Damenpreis. «Mit dem Preisgeld können wir endlich mal shoppen gehen. Wir werden dies jedoch in der übernächsten Woche in Amsterdam tun, denn ich spiele ein Turnier in Holland», so Radoslaw Wojatszek. Weil es im Schach, zumindest in Zürich und Basel – im Vergleich zum Fussball – bescheidene Preisgelder gibt, wäre das Einkaufen an der Zürcher Bahnhofstrasse wohl ein unerschwinglicher Luxus gewesen. Und sollte Kashlinskaya den Damenpreis in Basel gewinnen, so dürfte sie am übernächsten Montag ihrem Partner wohl ebenfalls ein Geschenk machen. Denn dann wird Radoslaw Wojtaszek seinen 27. Geburtstag feiern.

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