Eray Cömert atmet kurz ein, schaut nach links, atmet wieder aus, schaut noch einmal nach links, nimmt vier Schritte Anlauf und schiesst. Sekunden später ist der Ball im Netz. «Ich habe gewusst, dass ich das kann. Ich habe gewusst, dass ich den Schuss habe. Also habe ich einfach abgezogen», rekapituliert Cömert die Entstehung seines Tors zum 3:0 für die Schweizer U21-Nati gegen Liechtenstein.

Dass der Treffer am Ende wertlos ist, weil die Schweiz vier Tage zuvor gegen Bosnien und Herzegowina verloren und damit die EM im nächsten Jahr verpasst hat, ist Cömert egal. «Ich freue mich immer extrem, wenn ich ein Tor mache. Egal, in was für einem Spiel.»

Oft hat er noch nicht getroffen. Dafür zuletzt gleich zwei Mal innert kurzer Zeit. Vergangenen Dienstag mit der U21 – und am 23. August, beim Hinspiel des FC Basel gegen Apollon Limassol in den Europa-League-Playoffs. Das Tor zum 3:2 war sein erstes als Profi. Eines, das am Ende ebenfalls wertlos war. Der FCB schaffte den Sprung in die Gruppenphase nicht.

Cömert läuft es

So schlecht es seinen Teams derzeit läuft, so gut läuft es Cömert selber. Im Sommer ist er nach einem Leihgeschäft in Sion zum FCB zurückgekehrt. Zu jenem Verein, für den er seit 2009 spielt, bei dem er 2016 sein Profi-Debüt gefeiert hat, und den er im März 2017 nur verlassen hat, um bei Lugano und später bei Sion Spielpraxis zu sammeln.

Nach der Rückkehr verpasste er die ersten Spiele noch aufgrund einer Schulterverletzung. Ende Juli gegen Xamax stand er erstmals wieder auf dem Platz – und ist seither in der Problemzone Innenverteidigung die einzige Konstante.

Cömert spielte immer von Beginn an – mit Ausnahme des Spiels gegen Ex-Klub Sion, das er aufgrund einer Sperre verpasste. Auch das war eine Premiere für ihn. Gleichzeitig das einzig Negativ-Erlebnis seit seiner Heimkehr. Denn es läuft bei ihm. Die Gründe dafür sieht er ganz bei sich, ohne dabei narzisstisch zu wirken. Vielmehr ist es das Vertrauen in sich. Unbändiges, gesundes Vertrauen.

«Mein Charakter ist einfach so. Ich bin einer, der sehr viel Selbstvertrauen hat, der an sich glaubt, und weiss, was er kann. Das versuche ich auch immer auf den Platz zu bringen», sagt Cömert. Nervosität ist ihm fern, auch wenn er fast etwas verlegen lachen muss, wenn er das sagt. Verlegenheit. Etwas, das man sonst bei ihm selten sieht. Zu ruhend in sich, zu abgeklärt ist er. Auf wie neben dem Platz. Und dabei ist er erst 20 Jahre jung.

Fussball-Familie Cömert

Die Ruhe und Stärke zieht er aus der Verbindung zu seiner Familie. Seit Sommer wohnt er wieder zu Hause. Nicht, weil er keine Wohnung gefunden hätte. «Es ist eine Erleichterung», sagt er und dies nicht nur, weil er jetzt die Wäsche wieder der Mama geben kann. «In Lugano und Sion war ich viel alleine. Natürlich hat man die Teamkollegen, aber die Familie ist etwas anderes. Da redet man über andere Dinge. Jetzt wieder mit meinen Eltern und meinem Bruder zusammen zu wohnen, wieder daheim zu sein, tut gut.»

Vater und Bruder sind bei jedem Spiel von ihm im Stadion. Vom Vater hat er die Liebe zum Fussball, vom Bruder wird er beraten. «In unserer Familie dreht sich alles um Fussball. Ausser bei meiner Mutter, aber die passt sich dann halt an», sagt er lachend. Vater und Bruder sind auch seine härtesten Kritiker. «Auch wenn ich selbstkritisch bin, brauche ich auch ihre Kritik. Ich kann überall noch besser werden.»

Vorbild dafür ist Sergio Ramos. Schon als Cömert noch jünger war, sagte er, dass die Aggressivität und der Leadership des Spaniers Dinge sind, die auch ihn ausmachen. Dinge, die er auch seinem Lieblingstier zuspricht: dem Löwen. Auf seinem Oberschenkel hat er sich einen Löwen-Kopf tätowiert. «Dieses Tier repräsentiert meine Persönlichkeit. Wenn er etwas will, dann packt er sich das. Das gilt auch für mich.»

Der Löwe unter der Haut – auch der verbindet Cömert mit Ramos. Das Tattoo habe er sich aber nicht deshalb gestochen, schliesslich wolle er keine Kopie, sondern ein eigener Spielertyp werden. In einem Punkt würde er sich Ramos aber durchaus gerne noch annähern. Der Spanier hat eine für einen Innenverteidiger riesige Torgefahr.

«Das kann bei mir ruhig auch noch mehr kommen», sagt Cömert und lacht. Ob er sich bald auch beim FCB den Ball schnappt und per Freistoss direkt verwandelt, wie er das am Dienstag getan hat? «Das werden wir sehen.» Dass er es kann, weiss er.