In diesem Sommer hätte es für Ersatzgoalie Djordje Nikolic ganz schnell gehen können. FCB-Stammtorwart und Konkurrent Jonas Omlin war bei Augsburg im Gespräch. Rückblickend gibt Nikolic zu, dass er damit geliebäugelt hat, dass ihm etwas Ähnliches passiert wie Omlin im Jahr zuvor. Auch der Luzerner war damals als Nummer 2 zum FCB gekommen und nach dem Abgang von Tomas Vaclik nach Sevilla schneller als erwartet die Nummer 1. «Es hätte bei mir unter Umständen auch so laufen können», sagt Nikolic.

FCB-Sportchef Ruedi Zbinden hatte dem 22-jährigen Serben im Trainingslager sogar gesagt, dass der FCB ihn braucht, dass er nicht erneut verliehen werden soll. «Wenn mein Verein mich braucht, dann habe ich kein anderes Thema im Kopf. Dann bleibe ich hier und gebe mein Bestes», sagt Nikolic. Nach zwei Jahren als Leihspieler in Schaffhausen, Thun und Aarau kehrt er im Sommer also zum FCB zurück. Doch auf die Nummer 1 muss er noch mindestens ein Jahr warten.

Kommunikativ wie er ist, spricht Nikolic Kollege Omlin direkt auf die Augsburg-Gerüchte an. Als dieser ihm sagt, dass er beim FCB bleibt, ist der Serbe nicht überrascht. «Europa League mit dem FCB ist in meinen Augen auch für Jonas ein guter Schritt», sagt Nikolic. Nach drei Jahren in der Schweiz spricht er ausgezeichnet deutsch. Sein Lieblingsausdruck: «der nächste Schritt».

Einen Schritt, den man nur einem Kind verzeiht

Seinen ersten Schritt in Richtung Fussballprofi macht der kleine «Djole» in Belgrad. Obwohl sowohl seine Mutter als auch später seine Schwester Profibasketballerinnen waren beziehungsweise werden sollten, gibt es für den Jüngsten in der Familie früh nur Fussball. Weil er nicht nur daheim, sondern auch auf dem Bolzplatz stets der Jüngste ist, muss der schon damals gross Gewachsene ins Tor. «Das war super für mich», sagt Nikolic heute.

Noch als Primarschüler macht Djole dann etwas, dass man in Serbien eigentlich «nur einem Kind verzeiht». Er wechselt von der Fussballschule von Roter Stern in die Jugendabteilung von Erzrivale Partizan. «Als Erwachsener ist so ein Schritt eher nicht empfehlenswert. Bei uns in der Familie wird schon oft gestritten, weil mein Grossvater für Partizan ist und mein Vater für Roter Stern», sagt Nikolic und lacht. Der 22-Jährige lacht gerne und oft. Nationalen Eitelkeiten begegnet er ebenso mit Humor wie kleineren Alltagsproblemen: «Ich hoffe, unser Interview dauert nicht so lange, denn ich muss später Basketball schauen. Serbien spielt.»

Wer Nikolic gegenübersitzt und seinen Worten lauscht, hat nicht das Gefühl, dass dieser Mann erst 22 Jahre alt ist. Das mag daran liegen, dass Djole schneller erwachsen wurde als die meisten anderen Kinder. Schon mit 15 macht er den nächsten «wegweisenden Schritt», und zwar aus eigenem Antrieb und gegen den Wunsch der Eltern.

Nikolic will nicht mehr bei Partizan Goalie Nummer 6 sein, sondern in der höchsten Liga spielen. Beim Provinzklub Jagodina ergibt sich die Chance. «Normalerweise gehen alle guten jungen Fussballer Serbiens irgendwann zu Roter Stern oder Partizan. Ich machte den umgekehrten Weg. Das haben viele, auch meine Eltern, nicht verstanden, aber es war gut für mich», erklärt Nikolic heute. Mit 16 ist er für ein Jahr Stammgoalie, auch in der serbischen U-Nati ist er gesetzt. Obwohl er alleine in Jagodina wohnt, sieht er seine Familie oft.

«Ich konnte zum Glück immer mit den älteren Spielern zurück in die Stadt fahren», erzählt Nikolic. Alles lief nach Plan und es wurde noch besser. Im März flatterte ein Angebot vom FCB ins Haus. «Was? Basel will mich? Bitte mach alles, dafür, dass das klappt», sagt Nikolic zu seinem Berater. Nach knapp zwei Jahren alleine in Jagodina ist der damals 19-Jährige bereit für den «nächsten Schritt»: alleine nach Europa. «All meine Kollegen hatten irgendeinen Verwandten in der Schweiz, aber ich war wirklich ganz alleine», sagt Nikolic.

Die Provokationen nach der Barrage haben sich gelegt

Seit drei Jahren ist Nikolic nun beim FCB unter Vertrag. Jahr 1 nutzte er, «um zu sehen, was ich machen muss, um Nummer 1 zu werden». In den Jahren 2 und 3 sammelte er via Leihe Spielpraxis, «ein sehr wichtiger Schritt». 60 Pflichtspiele machte er in Challenge und Super League. Sogar das bittere Barrage-Out mit Aarau, als Nikolic und Co ein 4:0 aus dem Hinspiel noch verspielten, nennt er «eine wichtige Erfahrung, die mich wachsen lässt». Denn: «Auch so eine Enttäuschung bringt dich langfristig weiter.» Die vielen kleinen Provokationen seiner damaligen Gegner und heutigen Teamkollegen Kemal Ademi und Afimico Pululu haben sich mittlerweile auch gelegt.

Der Vertrag von Djordje Nikolic läuft 2020 aus. «Mein Ziel ist es nach wie vor, hier in Zukunft als Nummer 1 zu spielen», sagt er. Die Saison als Nummer 2 beim FCB ist nur ein weiterer Schritt zum Ziel. «Ich hoffe, dass ich im nächsten Sommer Nummer 1 bin. Am liebsten wäre ich das natürlich bereits morgen. Doch alles, was im Leben passiert, hat einen Grund.»

Nikolic bezeichnet sich selber als geduldigen Menschen. Er erklärt, dass er in Basel gelernt hat, geduldig zu sein. Doch Geduld im Sinne von Nikolic bedeutet auch Hartnäckigkeit. «Wenn ich etwas will, mache ich alles dafür, bis ich mein Ziel irgendwann erreiche», sagt er. Viele kleine Schritte auf dem Weg zu seinem Ziel hat der Serbe bereits gemacht. Ein weiterer Zwischenschritt ist eigentlich nicht eingeplant. Was nachher kommen soll, dagegen schon: «Das Nati-Aufgebot wird kommen, wenn ich im FCB-Tor stehe», sagt Nikolic, lacht und verabschiedet sich und ist rechtzeitig zur Basketball-WM daheim.