Orientierungslauf

Bester Baselbieter Orientierungsläufer aller Zeiten: Der ungewöhnliche OL-Star Fabian Hertner sagt adieu

Tränen der Freude zum Schluss: Gemeinsam mit Mutter Barbara lässt Fabian Hertner nach der Langdistanz-Bronzemedaille den Emotionen freien Lauf.

Nach zwölf Weltmeisterschaften verabschiedet sich Fabian Hertner am emotionalen Höhepunkt. Sein Auftritt in Lettland ist sein letzter. Und sie endet mit einem Erfolgserlebnis: Hertner holte Bronze über die OL-Landgistanz.

Das Gefühl, erholt am Start zu stehen, in den Wald zu stechen und in einen Fluss zu kommen, hatte ihn immer fasziniert. «Du fühlst dich, als ob du Bäume ausreissen könntest», sagt Fabian Hertner.

Fünf Tage zuvor steht der Baselbieter im lettischen Sigulda am Start zur WM-Langdistanz. Nur Eingeweihte wissen: Es ist Hertners letzter Wettkampf als Spitzensportler. Fünf Stunden muss er als letzter Starter in der Quarantäne ausharren. «Es war mir bewusst, dass es anders sein wird, wenn ich am Start stehe.» In seiner Karriere hatte der OL-Halbprofi sich oft damit motiviert, sich einzureden: «Jetzt machst du dies durch und nachher nie mehr.» Diesmal ist es endgültig das letzte Mal. Die letzte Chance, über die Langdistanz eine Medaille zu ergattern.

Im OL fand Fabian Hertner die grosse Liebe: Gemeinsam mit Ex-Nationalkaderläuferin Sara Lüscher gründete er eine Familie.

Im OL fand Fabian Hertner die grosse Liebe: Gemeinsam mit Ex-Nationalkaderläuferin Sara Lüscher gründete er eine Familie.

An Weltmeisterschaften immer bereit

Der gebürtige Prattler gehörte nie über eine Saison hinweg zu der absoluten Weltspitze. Aber an Weltmeisterschaften war er immer bereit. Seit 2009 bestritt Hertner 23 WM-Wettkämpfe und war dabei bloss fünf Mal nicht unter den ersten fünf klassiert. Waren die WM-Titelkämpfe vorbei, liess Hertner es schleifen. Über die Wintermonate setzte er mit dem technischen OL-Training fast ganz aus, gewährte seinem Kopf jene Erholung, die er verlangte. In den letzten Jahren stellte er sich immer häufiger die Frage: «Will ich noch immer täglich bis zu vier Stunden für mein Training aufwenden?»

Nachdem er im Sommer 2017 in der Staffel, dem letzten WM-Rennen in Estland, ungewohnt patzte, war für Hertner klar; so kann seine Karriere nicht enden. Ein letztes Mal begann er im Winter auf das grosse Ziel WM hinzuarbeiten. Denn wenn er trainierte, tat er es kompromisslos. Wenige Tage nach seinem Rücktritt sagt er nun: «Ich hätte kein Problem damit, zwei Wochen auf dem Sofa zu liegen.»

Wie Hertner sich anpasste

Im umfangreichen OL-Kalender gehören die Ausnahme-OL-Athleten Matthias Kyburz und Daniel Hubmann, wenn immer sie am Start stehen, zu den Topfavoriten. Hertner bewunderte sie dafür, erkannte aber früh, hierfür nicht geschaffen zu sein. «Als kleiner Bub wollte ich auch alles», sagt er heute. «Aber ich habe weder die Energie noch den Charakter dazu.» Hertner setzte sich eines, manchmal zwei Ziele pro Jahr und lief am Tag x gegen die Weltbesten immer um den Sieg.

WM-Gold im Einzelwettbewerb blieb dem Baselbieter (links) verwehrt. Mit Daniel Hubmann (mitte) und Matthias Kyburz schaffte er dies.

WM-Gold im Einzelwettbewerb blieb dem Baselbieter (links) verwehrt. Mit Daniel Hubmann (mitte) und Matthias Kyburz schaffte er dies.

Dass er so funktioniert, realisierte Hertner an seiner ersten Elite-WM 2006. Fliegend hatte er bei den besten Schweizer OL-Läufern Fuss gefasst und sich im ersten Jahr für die Titelkämpfe qualifiziert. Prompt gewann der physisch starke Hertner in Dänemark den Vorlauf über die Sprint-Distanz. Wie er über die Lautsprecher hörte, befand er sich im Final beim Übergang überraschend auf Goldkurs. Mit dieser Situation wusste der 21-jährige Hertner nicht umzugehen. Mit einem kompletten Blackout irrte er über die vier letzten Posten ins Ziel und rutschte auf den 26. Rang ab.

Dieses Rennen war Sinnbild für Hertners Art, OL zu laufen. «Ich war ein Top- und Flopläufer. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen riesen orientierungstechnischen Seich mache, war immens», analysiert der heute 33-Jährige. Hertner lernte um die Medaillen und nicht um Gold zu laufen. Fortan legte er zusätzliche Sicherheit in seine Läufe. In Italien fehlten ihm 2014 über die Mitteldistanz 30 Sekunden zu Gold. Er büsste die Zeit in einem Waldstück ein, in welchem er bewusst Tempo rausnahm und deshalb fehlerfrei aufs Podest lief.

Entwicklung zum WM-Topläufer

Nicht aber aufs oberste Treppchen. «Ich hätte wahrscheinlich nie eine Goldmedaille gewinnen können», sagt Hertner. So wurde der Elektroingenieur nie zum absoluten Idol – schaffte aber mit gezielter Adaption, was ihm mit 21 Jahren niemand zugetraut hatte. Er wurde zum WM-Topläufer. Hertner ist stolz darauf: «Ich wuchs vom Risikoläufer zu einem der konstantesten Läufer der Welt.» Weil Hertner immer gewichtete, halten sich bei ihm WM- und Schweizermeisterschafts-Medaillen in etwa die Waage. Die goldene WM-Medaille durfte er sich gemeinsam mit seinen Teamkollegen «Chlöde» Hubmann und «Chlai» Kyburz 2015 in der schottischen WM-Staffel doch noch umhängen lassen.

Initialzündung zu Hertners Spitzensportkarriere war die Jugend-EM 2002. Bloss vier Jahre nachdem er mit dem OL-Sport begonnen hatte, gewann der damals 17-jährige Baselbieter auf Anhieb eine Gold- und Bronzemedaille. Er realisierte, dass er es nach ganz oben schaffen könnte, und rannte nun viel fleissiger auf die Schauenburgerflue, den Prattler Hausberg. An der Junioren-WM 2005 nahm er die nächste Treppenstufe und gewann im Tessin Mitteldistanz-Gold. Die Karriere des OLV-Baselland-Läufers war lanciert. Bei seinem finnischen Klub investierte Hertner viel in die Kartentechnik. Ein halbes Jahr verbrachte er zudem in Trondheim, wo er nichts anderes machte, als jeden Tag auf der Karte zu trainieren.

Startschuss einer internationalen Karriere: Die Mitteldistanz-Goldmedaille an der Junioren-WM 2005 im Tessin.

Startschuss einer internationalen Karriere: Die Mitteldistanz-Goldmedaille an der Junioren-WM 2005 im Tessin.

Harte Arbeit und das Gespür für den eigenen Körper machten Hertner zu einem der weltbesten OL-Läufer. Und sein Gefühl stimmte auch im dichten Wald von Sigulda. Hertner lief in seinem letzten Rennen, als könne er Bäume ausreissen. Auch zuletzt dosierte er richtig und gewann zum Abschied Bronze.

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