Der Leoparden-Mantel sitzt, ebenso die hippieske Sonnenbrille und der Dutt auf dem Kopf. Eunice Beckmann tanzt durch den Hausflur. Von einer auf dem Boden stehenden Kamera wird alles festgehalten. Jeder Move, jeder Twerk und jedes Wort, das sie zum Spice-Girls-Hit «Wannabe» mitsingt.

Fertig gefilmt schickt Beckmann das Video an die Uefa, dort wird das Material verarbeitet, schliesslich auf Youtube hochgeladen – um dann dort zum grossen Hit zu werden. Fast 700 000 Mal wurde Beckmanns Tanzeinlage schon angeschaut. «Als ich die Zahl gesehen habe, dachte ich nur ‹wow›!» Nie hätte sie gedacht, dass es so gut ankommen würde.

Beckmann erzählt dies unaufgeregt, sie spricht ganz leise. Die ausgeflippte Tänzerin vom Video scheint weit weg. Stattdessen sitzt da eine junge, ruhige Frau. Den Leo-Mantel hat sie ebenfalls eingetauscht. Stattdessen trägt sie ein Sporttrikot, welches vom Wappen des FC Basel geziert wird. Denn der FCB, das ist Beckmanns Arbeitgeber.

Filmt sie nämlich nicht gerade ihre Tanz-Einlagen mit Teamkollegin Rachel Rinast, dann spielt sie Fussball bei den FCB-Frauen. Seit gut einem Jahr schon ist die Wuppertalerin beim FCB, «weil mich das Konzept des Klubs einfach überzeugt hat. Mit der Infrastruktur hier können nicht einmal alle Frauen-Bundesliga-Teams mithalten». Die 26-Jährige weiss, wovon sie redet.

Youtube Video: PART ONE: Eunice in New York | PRESS PLAY

Vor ihrem Engagement in Basel spielte sie lange in Deutschland. Zuerst beim Wuppertaler SV, ihrem Jugendklub. «Da war ich noch bei den Jungs dabei und dachte, dass ich das einzige Mädchen überhaupt bin, das Fussball spielt.» So wollte sie auch das erste Mädchen werden, das irgendwann bei den Männern in der Bundesliga spielen würde.

«Ich wollte immer Fussballerin werden, und das schien für mich der logische Schritt.» Am Ende spielte sie nur bis zu den Junioren bei den Jungs. «Aber immerhin bis in die höchste Liga, wo wir gegen Schalke oder Dortmund gespielt haben.» Bei Letzteren habe damals ein gewisser Mario Götze im Kader gestanden, an mehr Namen kann sie sich nicht erinnern.

Die Erfolge beim Hass-Verein

Danach kam der Wechsel zu den Frauen. Nach der Zeit bei Duisburg ging es zu Bayer Leverkusen, jenem Verein, für den sie seit Kindeszeiten schwärmte. «Mein Bruder war absoluter Bayern-München-Fan. Da musste ich mir natürlich einen anderen Verein suchen», sagt sie, lacht und fügt an: «Die Bayern habe ich immer gehasst.»

Und doch ist es genau bei ebendiesen Bayern, wo Beckmann ihre grössten Karriereerfolge feiert. Denn plötzlich lag ein Angebot auf dem Tisch und die damals 22-Jährige konnte nicht Nein sagen. «Mein Bruder hat mich dann immer aufgezogen damit, das ist ja klar.»

Youtube Video: PART TWO: The SIXERS Won!! | PRESS PLAY

In München wurde sie zwei Mal Deutscher Meister, beim ersten Mal war sie gar die beste Torschützin des Teams. «Das war schon eine echt coole Zeit!» Aufgrund mangelnder Spielpraxis aber zog sie weiter, nach Amerika zu den mittlerweile aufgelösten Boston Breakers, jetzt in die Schweiz.

Aber die Jahre bei Bayern, die haben ihr nicht nur unglaubliche Erinnerungen wie jene der Meisterfeier auf dem Rathausbalkon am Marienplatz gemeinsam mit den Männern beschert, sondern auch Verbindungen, die sie heute noch pflegt. Jene mit Lisa Evans und Laura Feiersinger. «Wir waren bei Bayern eine Clique und hatten sehr viel Spass.»

Via die beiden Ex-Mitspielerinnen kam auch der Kontakt zur Uefa zustande, an die Beckmann mittlerweile einmal in der Woche Videos mit Aufnahmen aus ihrem Alltag schickt. «Die Uefa hat mich angefragt für das Projekt ‹We Play Strong›, und ich fand das super cool.»

Die Aktion des europäischen Fussballverbandes soll allen, die den Frauenfussball nur vom Fernsehen oder gar nicht kennen, zeigen, wie das Leben einer Fussballerin aussieht. «Viele wissen gar nicht, wie oft wir trainieren oder was wir alles machen müssen, aber dass wir nebenbei doch auch noch Spass haben und ausgehen können.»

Youtube Video: PART THREE: Eunice in Philadelphia | PRESS PLAY

Dass sie dies nun vermitteln kann, macht ihr unglaublich Spass. Vor allem deshalb, weil das Ganze sich via Youtube abspielt. Denn: «Ich liebe Youtube! Ich schaue nie Fernsehen, seit Jahren nicht mehr. Ich schaue nur Youtube. Egal, ob es um Fitness, Beauty oder Fashion geht. Das ziehe ich mir alles da rein.»

Beckmann strahlt, wenn sie von ihrem Hobby erzählt. Dass sie jetzt dank der Uefa den Fussball mit dem Youtube verbinden kann, ist ein Glücksfall für die Deutsche mit ghanaischen Wurzeln.

Die Ziele gegen den Top-Verein

Der einzige Wermutstropfen ist , dass ihren Leistungen auf dem Platz kaum so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird wie jenen im Internet. Die Spiele der FCB-Frauen sind schlecht besucht. Und das, obwohl das Team um Top-Skorerin Beckmann (bereits 15 Meisterschaftstore) eine starke Saison spielt, hinter dem Dominator FC Zürich auf Platz 2 liegt und im Cup-Viertelfinal steht.

In diesem geht es an diesem Samstag (18.30 Uhr, Sportanlage Heerenschürli) gegen genau diesen FCZ. «Wir waren schon oft nah dran, sie zu schlagen. Jetzt sind sie fällig. Wenn wir alle 100 Prozent abrufen können, schaffen wir das. Es wäre genial, sie im Pokal packen zu können.» Gelingt das tatsächlich, wird Beckmann wohl wieder tanzen. Nicht im Leoparden-Mantel durch den Hausflur, aber mit dem FCB-Dress über den Platz.