Basels Sportvereine

FC Gelterkinden: Für 25'000 Franken für einen Tag Borussia Dortmund gemietet

Der FC Gelterkinden lud in den 90er Jahren gerne Spitzenteams auf die Wolfstiege ein und scheute weder Kosten noch Aufwand.

Für einen kurzen Moment dachte Hanspeter Heuberger, dass sein Traum platzen würde. Sein Traum, klingende Fussballnamen auf der ländlichen Wolfstiege in Gelterkinden zu bestaunen. Das Spiel zwischen Neuenburg Xamax und Admira Wacker war seit geraumer Zeit auf den 18. Juli 1990 angesetzt und die Vorbereitungen waren nahezu abgeschlossen. Wenige Tage vor dem lang ersehnten Spiel erhielt Heuberger, damaliges Vorstandsmitglied des FC Gelterkinden, einen unerwarteten Anruf von Michel Fleury, dem Sportchef von Xamax.

Dieser teilte mit, dass sie nicht auf der Wolfstiege antreten können, zu viele Mausehäufchen habe es auf dem Rasen. Sie hätten deswegen das Spiel nach Sissach verlegt – ausgerechnet zum Rivalen des FCG. «Ich habe beinahe einen Herzinfarkt gekriegt», erinnert sich Heuberger. Doch sein Gemütszustand verbesserte sich rasch. Dem Anruf von Fleury ging ein Streich vom damaligen Sportchef des FC Gelterkinden voraus. Er wollte Heuberger gehörig einen Schrecken einjagen und seine Reaktion dabei filmen.

Was folgte war nicht nur das Spiel zwischen Xamax und Admira Wacker, sondern ein wahres Stelldichein von bekannten Fussballgrössen. Karl-Heinz Rummenigge, Ottmar Hitzfeld, Christoph Daum – alle gastierten im ländlichen Gelterkinden. Die Initialzündung für das internationale Schaulaufen fiel bereits 1984, sechs Jahre vor dem berüchtigten Telefon von Fleury. Der FC Gelterkinden transferierte Beat Suter, der später auch für die Nationalmannschaft auflaufen sollte, an den FC Basel und erhielt dafür das Basler Zugeständnis, bei der Eröffnung der Wolfstiege ein Spiel gegen den SC Freiburg auszutragen. Heubergers Traum von internationalen Spielen war damit lanciert. «Viele haben über mein Vorhaben gelacht und gesagt, dass es sowieso nichts werde», erinnert er sich. Er belehrte sie eines Besseren.

Mit dem Spiel zwischen Xamax und Admira Wacker zog Heuberger seinen ersten grossen Fisch ans Land. Erneut spielte Beat Sutter, der inzwischen bei Xamax unter Vertrag stand, die Rolle des Mittelmannes. «Für die wunderschönen Stunden, die wir bei Ihnen verleben durften, sagen wir Ihnen Dankeschön», schrieb daraufhin ein begeisterter Gilbert Facchinetti, damaliger Xamax-Präsident, ein Fax an Heuberger. Für den Gelterkinder war es eine Motivationsspritze für weitere Grossereignisse.

Borussia Dortmund kommt mit 30 Minuten Verspätung

Zwei Jahre später wagte er sich an eine ganz grosse Nummer des deutschen Fussballs, Borussia Dortmund. Mit seiner unverblümten Art rief er in der Dortmunder Geschäftsstelle an, wurde mit Präsident Michael Meier verbunden und wollte ihn von einem Spiel in Gelterkinden überzeugen. Doch dieser brauchte Bedenkzeit. «Als er mich zurückrief und einwilligte, fiel ich aus allen Wolken», sagt Heuberger. Als Bedingung forderte Meier, dass sein BVB mit Trainer Ottmar Hitzfeld aufgrund dessen Vergangenheit gegen den FC Basel antritt. Ein Wunsch, den Heuberger nur allzu gern erfüllte. 25’000 Franken überwies Gelterkinden an Dortmund und versprach den Deutschen vertraglich, ein guter Gastgeber zu sein.

Für das Spiel platzte die Wolfstiege aus allen Nähten. 3000 Tickets druckte der FCG für die Basler Vorverkaufsstelle aus, keine drei Tage später gab es bereits keine mehr. Kurzfristig bauten die Verantwortlichen eine zusätzliche Stehtribüne und erhöhten das Ticketkontingent auf 4200. Die zusätzlichen 1200 Eintrittskarten reservierte der FC Gelterkinden für die Abendkasse. «Gleichzeitig meldeten wir, dass das Spiel ausverkauft sei. Doch ich wusste genau, dass noch viele Zuschauer aus Deutschland kommen würden und diese Information nicht mitbekämen», sagt Heuberger. Der FCG verkaufte die Tickets an der Abendkasse und behielt, die gesamten Einnahmen für sich.

Der riesige Zuschaueraufmarsch trieb die Verantwortlichen aber auch an die Grenzen. Der Weg von der Autobahnausfahrt zum Stadion war lahmgelegt, der Bus der Dortmunder war mitten im Verkehrschaos gefangen. «Deswegen mussten wir das Spiel sogar um 30 Minuten verschieben», sagt Heuberger.
Das letzte Spiel zweier internationaler Vereinsmannschaften trug ein Jahr später, im Jahr 1993, der FC Basel gegen den VfB Stuttgart aus. Dem Jahrhundertspiel zwischen Dortmund und dem FC Basel konnte dieser Anlass zwar nicht mehr das Wasser reichen, speziell aber war er dennoch. Mit Roger Schreiber spielte ein weiterer ehemaliger FCG-Junior und heutiger Trainer der ersten Mannschaft beim FC Gelterkinden für den FC Basel.

Ein fast unvorstellbare internationale Vergangenheit auf der Wolfstiege


«Heute sind solche Fussballfeste aufgrund der Sicherheitsauflagen und dem finanziellen Aufwand nicht mehr möglich», sagte André Benz, aktuelles Vorstandsmitglied des FC Gelterkinden. Der einstige Traum, der belachen wurde, ist lebhaften Erinnerungen gewichen, die nicht vergessen werden.

Interview mit einem ehemaligen FCB-Spieler und aktuellem FCG-Trainer der ersten Mannschaft: Nachgefragt bei Roger Schreiber

Roger Schreiber träumt von einem Spiel gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber.

Roger Schreiber träumt von einem Spiel gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber.

Was macht den FC Gelterkinden für dich aus?
Roger Schreiber: Der FCG ist ein sehr familiärer Verein. Bei uns kann man sagen: FCG Spieler kann man nicht werden, das muss man sein. Bei meinen bisherigen Transfers habe ich gemerkt, dass es nur wenige Spieler gibt, die sich mit dem Verein wirklich identifizieren können. Sie werden zwar aufgenommen, haben aber Schwierigkeiten, das FCG-Gen zu bekommen.


Was macht das FCG-Gen aus?
Dass man mit wenig zufrieden ist. Keiner verdient bei uns Geld. Wenn man diesen Aufwand betreiben will, muss man der Verein sehr gerne haben. Bei uns gehört auch das Gesellige dazu: Nach dem Training sitzen wir immer wieder in die Beiz und trinken noch einen zusammen. Andere Mannschaften bilden da eine Zweckgemeinschaft, trainieren und gehen wieder heim.


Willst du mal wieder weg vom FC Gelterkinden?
Sag niemals nie. Wenn ich von einer U-Mannschaft des FCB ein Angebot bekäme, würde mich das schon reizen. Ich würde aber nie einen anderen Verein aus der gleichen Liga coachen.


Was ist das verrückteste Erlebnis, das du als FCG-Trainer hattest?
Als Juniorentrainer hatte ich eine negative Situation, als es einen Spielabbruch im Spiel gegen die Black Stars gab. Wir haben kurz vor Schluss den Ausgleichstreffer erzielt. Nach einer Provokation meines Spielers kam es zu einem Gerangel und die gegnerischen Fans stürmten auf das Spielfeld. Wir bekamen eine hohe Busse und das Spiel wurde 0:0 gewertet. Das war eine unrühmliche Sache.


Was war deine beste Ausrede, um ein Spiel oder ein Training zu schwänzen?
Das gab es bei mir nicht. Ich habe mich immer auf Spiele gefreut und fehlte auch in Trainings nicht wegen Ausreden. Diese Einstellung fehlt mir teilweise bei meinen Spielern.


Was wäre, wenn ihr gegen den FCB spielen dürftet?
Das wäre ein Highlight und für mich natürlich sehr speziell. Wir schaffen auch daran, ein solches Spiel zu erleben und wollen den Basler Cup gewinnen, um im Schweizer Cup einen Grossen auf der Wolfstiege begrüssen zu dürfen. Die Chance auf ein Weiterkommen wäre zwar klein, aber wir gehen in jedes Spiel, um es zu gewinnen.


Warum ist die Wolfstiege besser als das Joggeli?
Das Joggeli ist eine hochmoderne Arena. Unsere Wolfstiege ist hingegen momentan etwas renovationsbedürftig. Es laufen Projekte, um alles im Jahr 2021 zu erneuern. Auf der Wolfstiege fühlt man sich aber daheim. Positiv ist sicherlich auch die tolle Lage direkt am Waldrand.


Wie muss ein Spieler drauf sein, damit er zum FCG passt?
Er muss sich mit dem alten Platz und der Tatsache, dass er kein Geld verdient, anfreunden können. Unsere Mannschaft will auf dem Platz Gas geben. Wir haben Fighter lieber als Filigrantechniker. Wir sind eine Arbeitermannschaft, die von Kampfgeist und Kollektiv lebt.

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