Europäisch unterwegs

FCB-Captain Valentin Stocker: «Das Leben hat immer mit Loslassen zu tun»

Valentin Stocker trägt gegen Nürnberg erstmals offiziell die Captainbinde.

Valentin Stocker trägt gegen Nürnberg erstmals offiziell die Captainbinde.

Valentin Stocker fehlt heute gegen Getafe zwar gesperrt. Beim Besuch in seiner Heimat Luzern spricht er dennoch über die Ausgangslage im Spitzenspiel, seine sensiblen Momente und nötige Distanz.

Valentin Stocker ist Luzerner, aber irgendwie auch Basler. So sagt er es zumindest selber. Und so passt es, dass der Captain des FC Basel in Luzern wohnt, nach den Trainings jeweils in die Heimat fährt, sich aber gleichwohl mit Basel verbunden fühlt und «ich manchmal lieber den Tag hier verbringe, weil ich die Vibes der Stadt spüren will.» Basel passe in vielen Dingen besser zu ihm, erklärt der weltoffene Stocker. Und wenn man ihm so lauscht an diesem Herbstnachmittag, als er in Richtung Vierwaldstädtersee schlendert, da glaubt man, in seinen Worten über Basel auch Parallelen mit Berlin zu hören, dem dritten Ort, an dem er lebte und den er liebt. Um über Heimat, Distanz und Kritik zu sprechen, treffen wir Valentin Stocker in einem seiner Lieblingscafés in Luzern, im Herzen der Stadt.

Wieso haben Sie diesen Ort gewählt?

Valentin Stocker: Hier arbeiten gute Kollegen von mir. Und ich fühle mich hier einfach relativ normal (lacht).

Interview mit Valetin Stocker, FCB

Valentin Stocker im Café Alpineum in Luzern, einem seiner Lieblingsorte, "weil ich hier relativ normal bin."

Interview mit Valetin Stocker, FCB

Was heisst, Sie fühlen sich hier relativ normal? Dass Sie hier nicht der Fussballer, sondern der Mensch Valentin Stocker sind?

Ja, genau.

Können Sie denn nicht überall als Mensch Valentin Stocker Kaffee trinken gehen?

Doch, das schon. Es ist lustig, ich gehe beispielsweise oft im Basler Gundeli-Quartier Kaffee trinken. Da habe ich gerade kürzlich jemanden getroffen, der früher in einem Kaffee und jetzt in einem neuen Restaurant da arbeitet. Der wusste überhaupt nicht, wer ich bin. Das ist auch mal easy (lacht).

Also geniessen Sie dieses unerkannt bleiben?

Ja, ja. Wenn ich ganz ehrlich bin, war es in Berlin diesbezüglich schon am allerschönsten. Da haben mich wenn dann Touristen aus der Schweiz erkannt und angesprochen. Hier in der Schweiz fühlt man sich schon etwas beobachtet, die Leute interessiert es, wer ich bin, was ich mache. Das ist absolut okay, ich will mich hier nicht beschweren. Aber ich kann es auch nicht leugnen, dass ich es geniesse, wenn ich ein bisschen inkognito unterwegs bin. Wie hier in diesem Café.

Hatten Sie jemals negative Konfrontationen?

Auch das kommt vor. Meist werden diese Sachen aber erst nachgerufen, wenn du schon 200 Meter weg bist. Bei mir ist das aber Ewigkeiten her seit dem letzten Mal. Wenn in Basel die Fans aber beispielsweise sagen, wie schade sie es finden, dass wir gegen Xamax nicht die Tabellenführung zurückgeholt haben, dann verstehe ich das. Es ist ja wirklich schade. Sie sagen dann aber auch gleich, dass es cool ist, wie es in der Europa League läuft. Das ist in Basel schon sehr speziell. Du hast nicht dieses Verbitterte, Negative, dieses Alles-ist-schlecht. Sie wünschen sich vielleicht Besserung, aber dass sie wissen auch, dass man alles dafür gibt. Das ist schön.

Sie geniessen es, inkognito zu sein. Und Sie sind auch eine Person, die Ihr Privatleben nicht so öffentlich darstellt auf den sozialen Medien. Wie schwer ist es, heutzutage vieles privat zu halten?

Für mich war von Anfang an wichtig, dass ich gewisse Sachen einfach voneinander trennen kann. Auch vom Kopf her. Ich wollte als Mensch nicht abhängig sein vom sportlichen Erfolg, aber auch umgekehrt. Das ist sicher ab und zu eine Gratwanderung. Manchmal gelingt das besser, manchmal schlechter. Schlussendlich habe ich aber auch über die Jahre gelernt, dass es eine Resonanz in den Zeitungen gibt, wenn man gewisse Bilder postet oder ständig über dasselbe spricht. Damit musst du einfach rechnen. Es ist ja auch nicht so, dass ich sage: Mein ganzes Privatleben muss unbedingt mega geheim sein. Wenn Dinge geschrieben werden, die stimmen, dann ist das vollkommen okay für mich.

Aber es war ein sehr bewusster Schritt, vieles dennoch sehr privat zu halten.

Definitiv. Aber ich poste dennoch gerne ein Bild, wenn ich im Wallis oder in den Ferien bin. Oder ich bin seit 10 Jahren mit meiner Freundin zusammen, da ist es auch logisch, dass man mal zusammen etwas postet. Wenn man glücklich ist, finde ich, darf man das auch zeigen. Es geht mir mehr darum, dass ich als Fussballer in der Öffentlichkeit stehe und auch dafür bewertet werde. Es soll nicht darum gehen, ob ich ein spezielles Auto fahre oder teuer oder günstig in die Ferien gehe.

Schränkt diese Einstellung ein?

Natürlich schränkt es ein. Es ist schon so, dass man sich oftmals viel zu viele Gedanken macht. Wie kommt das rüber? Was könnte da noch passieren? Du weisst es aber am Ende ja doch nie. Gewissermassen bist du da einfach ausgeliefert. Hochzeiten und Kinder sind auch so ein Thema. Man versteht die Medien, die etwas machen wollen. Andererseits versteht man ja auch uns, dass bei uns gewisse Sachen nicht für alle Leute bestimmt sind. Schlussendlich sind wir auch nur Menschen. Auf unseren Fehlern wird einfach oft gerne herumgeritten. Das braucht ein dickes Fell, eine dicke Haut.

Haben Sie sich das angeeignet oder hatten Sie das schon immer?

Das ist eine gute Frage. Ich mache mich eigentlich immer angreifbar, wenn ich mich mit gewissen Dingen identifiziere. Da bin ich auch sehr sensibel. Ich denke auch, dass ich mein Privatleben mit der medialen Präsenz so gestaltet habe, dass es mich selber sehr angreifbar macht. Die ganzen Sachen, bei denen es um den Fussball geht oder nur mich persönlich betreffen, die lassen mich eigentlich ziemlich kalt.

Also wenn jemand Ihre Leistung auf dem Platz kritisiert …

… dann ist mir das eigentlich egal, ja. Wenn es dann aber um mein Engagement mit Tieren geht und ich da kritisiert werde, dann ist das schon etwas, was mich mag.

Wie gehen Sie damit um?

Erstmal hat es für mich persönlich eine Entwicklung gebraucht. Ich musste sagen, dass ich für gewisse Dinge einstehe und dann ist es mir auch eigentlich egal. Aber gerade bei der Geschichte mit der Auffangstation in Süditalien… da muss ich schon sagen: In was für einer Welt leben wir eigentlich, wenn ich dafür kritisiert werde? Persönlich sagt es einem ja niemand ins Gesicht. Aber es ist sicher so, dass es ein Selbstvertrauen braucht, um zu wissen, dass das, wofür du dich entschieden hast, richtig ist und es auch wert ist, dafür zu kämpfen und einzustehen, statt nachzugeben und aufzugeben. Im Moment ist ja aber ohnehin alles super und richtig, was vor eineinhalb als falsch zählte. Da habe ich dann Mühe, das ernst zu nehmen.

Nervt es, sich für etwas Gutes rechtfertigen zu müssen?

Ich habe tatsächlich selten die effektive Konfrontation, in der ich mich rechtfertigen muss. Zeitungen lese ich nicht mehr, schon lange nicht mehr. Daher ist es einfach ein Teil, der nicht mehr dazu gehört. Ab und zu bekomme ich es im Nachhinein mit, aber dann kann ich es auch einfach wieder vergessen.

Gab es denn da einen Schlüsselmoment, in dem Sie merkten, dass es besser ist, keine Zeitungen mehr zu lesen?

Das ist eigentlich ganz einfach, ja: Ich wurde mit 18 Fussballprofi, hatte diesen Aufstieg mit der Finalissima 2008, und da habe ich gemerkt, dass mir alles über den Kopf steigt. Alle wollten Bilder, ich hatte jegliche Interviewanfragen, Sportpanorama, alles Mögliche. Das Rampenlicht, der Erfolg, das war mir einfach alles zu viel. Ich habe mich schon früh selber reflektiert und hatte dann irgendwie ein schlechtes Gewissen, das dazu führte, das ich mich selber zu fragen begann: Wie hast du dir das überhaupt verdient?

Wie meinen Sie das?

Innerlich hast du oftmals einen Kampf, bei dem du dich fragst, wie gewisse Menschen in gewissen Situationen sein können, an Krankheiten leidend beispielsweise, und du bist hier und bist plötzlich so präsent, dass alle etwas von dir wollen. Da habe ich komplett zu gemacht. Ich wollte da keine Interviews geben, wollte nichts machen. Ich wollte einfach nur in die Ferien und für mich alleine sein.

Valentin Stocker im Gespräch in seiner Heimat Luzern.

  

Sie kennen aber auch die negative Seite.

Ja, es gibt immer beides. Nach ein paar Jahren, wenn du alles mal erlebt hast, sowohl das Hochjubeln als auch das Runterfallen, dann relativiert sich alles irgendwie. Das war dann auch der Zeitpunkt, wo ich gesagt habe: Es tut mir nicht gut, die Medien zu lesen, weil es sehr oft sehr negativ ist.

Und welche Gedanken machen Sie sich heute?

Klar ist es mittlerweile einfacher, alles einzuordnen. Aber ich habe nach wie vor Phasen, in denen ich mich frage, wieso ich so viel Glück im Leben verdient habe. Das geht denke ich aber nicht nur mir so. Aber wenn es negativ wird, dann denkst du schon auch oft, dass es ungerechtfertigt ist. Beide Extreme sind in meinen Augen nicht gut – weder das Hochjubeln noch das übermässige Kritisieren. 

Wir befinden und gerade in Luzern, worüber Sie sagen, dass es Ihre Heimat ist. Sie fühlen sich aber auch in Basel zu Hause und schwärmen immer von Berlin. Was bedeutet für Sie Heimat?

(überlegt sehr lange) Ich denke, dass man an jedem Ort etwas vermisst, was man einem anderen Ort geschätzt hat. Ich habe sicher überall ein Stück weit mein Herz verloren. In Luzern hier ist es logisch, hier habe ich meine Familie, meine Freunde und meine Freundin, wobei sie mich ja überall hin begleitet hat. Von dem her ist sie sicher definitiv mein grösster Rückhalt. Auch in Berlin war sie die Person, auf die ich mein Leben bauen und auf die ich mich verlassen konnte. Aber auch Basel hat durch die erfolgreiche Geschichte, die ich hier habe, einen grossen Platz in meinem Herzen. Und Berlin auch, klar. Ich probiere alles von den Orten mitzunehmen, die mir gut tun.

Aber Luzern ist speziell. Schliesslich pendeln Sie immer noch jeden Tag hin und her. Das tut man nicht umsonst.

Wir haben, als ich in Berlin war und meine Rückkehr noch nicht auf dem Radar war, etwas in der Innerschweiz gekauft. Ich bin mir aber auch am überlegen oder fände es cool, nach Basel zu ziehen. Das könnte ich mir sehr gut vorstellen und würde ich sofort tun, wenn es etwas Passendes gibt.  

Also brauchen sie diese Distanz zwischen Basel und Luzern, zwischen Arbeit und Privatleben, nicht mehr zwingend auch räumlich?

Nein, nein, zwingend nicht. Aber ich muss Ihnen auch sagen, dass es mir sehr gut tut, diesen Abstand zu bekommen und diese räumliche Distanz zu haben. Das ist vom Kopf her natürlich schon einfacher um abzustellen und abzuschalten.

Sind Sie auch in der Jugend schon gependelt?

Ich hatte damals ein Zimmer in Muttenz, bin aber auch damals schon oft gependelt, ja.

Sie sind bereits mit 15 ausgezogen. Ziemlich früh, um die Familie zu verlassen, zumal Sie auch ein Familienmensch sind.

Für meine Eltern war das sicher nicht so einfach. Ich bin quasi gleichzeitig mit meinem älteren Bruder ausgezogen.  Aber ich denke, das war wie in allen Familien auch. Das Leben hat doch schlussendlich immer auch mit Loslassen zu tun. Manchmal fällt das einfacher, manchmal schwerer. Aber meine Eltern wussten, dass ich damals in Basel auf sehr fruchtbaren Boden traf puncto sportlicher Entwicklung. Dann war es irgendwo durch auch okay.

Hat Sie dieses frühe Loslassen geprägt?

Es führte sicher dazu, dass ich viel selbstständiger geworden bin. Schlecht denke ich hat mir das nicht getan.

Das Loslassen wird Sie irgendwann auch in Ihrem Beruf beschäftigen.

Ja, ich habe jetzt dann bald 350 Spiele für den FCB, bin 30 und komme langsam in den Herbst.

Überlegen Sie sich schon, was danach kommt?

Natürlich setze ich mich damit auseinander. Aber ich habe noch 1,5 Jahre Vertrag und hoffe, dass ich den noch so gut wie möglich erfüllen kann, gesund bleibe und weiterhin helfen kann. Danach schauen wir.

Spielen da die Gedanken, nach Basel zu ziehen, auch mit hinein?

Sicher ja. Es kommt aber auch darauf an, was die Pläne des FCB sind. Beispielsweise ob es der Verein cool fände, wenn ich ihm erhalten bleibe, im Nachwuchs oder so. Aber die Verantwortlichen fragen sich sicher auch: Was stelle ich mir vor? Kann ich es mir überhaupt vorstellen? Oder will ich etwas ganz anderes machen? Diese Gespräche werden in den nächsten Jahren sicher stattfinden.

Und: Was stellen Sie sich vor?

Explizit habe ich mich noch nicht entschieden, dass es in diese oder jene Richtung gehen soll. Aber es gibt sicher Dinge, die mich interessieren. Der eine Bereich sind die Lösungen im Offensivfussball. Heutzutage hast du auch Goalietrainer, im Offensivfussball braucht man aber auch Automatismen oder lösungsorientierte Laufwege, bei denen die Spieler wissen, wie sie zu Abschlüssen und Chancen kommen. Ich konnte mich meine ganze Karriere nie auf Schnelligkeit oder Distanzschüsse verlassen, sondern habe immer Lösungen gesucht aufgrund von Räumen und Situationen. Das wäre sicher etwas, was ich mir vorstellen könnte, den Jungen mitzugeben. Das Andere, was mich auch sehr, sehr interessiert, ist im Rehabereich. Der Zeitraum nach einer Verletzung und vor dem Mannschaftstraining. Diesen Übergang. Aber auch im kognitiven Bereich oder der Verletzungsprophylaxe. Da wäre ich bereit etwas zu lernen, wenn es erwünscht wäre, und ich könnte sicher auch einiges dazu beitragen, weil ich oft verletzt war und Reha gemacht habe.

Es gäbe aber auch noch andere Möglichkeiten. Sie besitzen das Wirten Patent. Wäre ein Café wie dieses hier eine Option?

Ich habe das Patent sicher nicht umsonst gemacht. Ich habe mir meine Gedanken gemacht und habe es im Hinterkopf. Aber es ist eher etwas für später, so in zehn Jahren mal. Denn erstmal hoffe ich, dass ich mir nach meiner Karriere raus nehmen kann, dass ich meine Wochenenden anders planen kann und weiss, dass ich nicht nochmal voll am Peak sein muss.

Sprechen wir noch etwas über das Hier und Jetzt. Der FCB spielt heute gegen Getafe und kann einen grossen Schritt Richtung K.o.-Phase machen. Was erwarten Sie von diesem Spiel, in das der FCB ersatzgeschwächt geht, weil beispielsweise Sie und Kevin Bua gesperrt sind?

Grundsätzlich ist es so, dass wir jetzt einfach noch einen Sieg brauchen. Dann erreichen wir zusammen etwas mega Cooles. Wir haben gegen Eindhoven gesehen, dass wenn wir alles auf den Platz bringen und wieder dieses eine Spiel haben, dass wir dann sicher auch solche Gegner und auch Getafe schlagen können zu Hause. Auch wenn wir so geschwächt sind. Ich habe da wirklich vollstes Vertrauen. Die Jungen sind nicht ohne Grund bei uns. Ich hoffe einfach, dass alle kleinen Puzzle-Teilchen, die man nicht so beeinflussen kann, passen. Aber wir müssen auch ganz ehrlich sein: Wir haben eher drei Punkte aus Getafe entführt als dass wir sie an eine Wand gespielt haben. Daher werden sie sicher mit sehr vielen Emotionen im Bauch zu uns kommen. Ich glaube, dass alles möglich ist. Das haben wir in dieser Gruppe ja gesehen. Aber es wird sicher nicht so einfach.

Was geht ihn Ihnen in solchen Spielen vor, wenn Sie nur zuschauen können?

Ich bin sau nervös ehrlich gesagt. Es ist wirklich schlimm (lächelt). Du willst mithelfen, aber kannst nicht. Ich werde aber versuchen, es zu geniessen, weil ich glaube, dass es eine mega coole Atmosphäre sein wird im Stadion. Ich habe gehört, dass es eine grosse Choreo gibt, daher hoffe ich, dass uns dass alles in die Richtung pusht, dass wir wieder eine magische Nacht in Basel haben können. Und wenn wir zehn Punkte haben nach diesen vier Spielen, dann wäre das echt übertrieben gut.

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