Ludogorez Rasgrad
FCB-Gegner Ludogorets: «Nur eine Revolution kann uns retten»

Die Champions League mit Ludogorets Rasgrad ist für viele Bulgaren ein Hoffnungsschimmer inmitten der Fussballdepression. Der frühere Nationalcoach Markov ist skeptisch.

Markus Brütsch aus Sofia
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Plamen Markov kämpft unter widrigen Umständen für Bulgariens Fussball.

Plamen Markov kämpft unter widrigen Umständen für Bulgariens Fussball.

Markus Brütsch

Plamen Markov steht an diesem Samstagmorgen in Sofia vor dem Balgarska-Armija-Stadion. Bereit zum Fototermin. Zehn Jahre lang hat er hier für den CSKA gespielt, den erfolgreichsten Klub Bulgariens. Bei fünf von 31 Meistertiteln ist er als Spieler dabei gewesen. Ebenso, als der Armeeklub 1982 im Europacup den Meister Liverpool besiegte und erst im Halbfinal an Bayern München scheiterte.

Markov nahm mit Bulgarien an der WM 1986 teil und spielte für Metz. Er wurde Trainer, gewann mit CSKA den Cup, und vor allem war er bis heute der letzte Coach, der Bulgarien an eine Endrunde führte – 2004 an die EM nach Portugal. Jetzt leitet er in Sofia eine Fussballschule für Kinder. Markov zählt zu den profundesten Kennern des bulgarischen Fussballs.

Plamen Markov, von hier bis zum Nationalstadion ist es ein Steinwurf. Dort ist am Mittwoch der FC Basel zu Gast. Werden Sie dabei sein?

Plamen Markov: Ja. Es ist für uns Fussballliebhaber ein Glück, dass mit Ludogorets nach Jahren wieder eine bulgarische Mannschaft in der Champions League mitmischt. So können wir Real Madrid, Liverpool und Basel sehen.

Kiril Domuschiev sei Dank.

Stimmt, der Präsident hat mit seinem Geld Ludogorets zu dem gemacht, was er heute ist. Er hat den Klub aus der kleinen Stadt Radgrad (370 km entfernt von Sofia; die Red.) von der dritten Liga zum Meistertitel und dann in die Champions League geführt. Domuschiev ist ein cleverer Geschäftsmann, der vor allem in der Pharmaindustrie viel Geld gemacht hat. Er zählt mit seinen 45 Jahren zu den reichsten Bulgaren.

Er erinnert an Dietmar Hopp, der Hoffenheim mit bis 250 Millionen Euro aus der Regionalliga in die Bundesliga brachte und dort etablierte.

Das sind jedoch noch einmal andere Dimensionen. Aber natürlich, in Bulgarien, wo ein Spitzenklub wie CSKA Sofia ein Budget von vier Millionen Euro hat, ist Ludogorets mit dem doppelten Etat ein Krösus. Im Vergleich zum FC Basel aber gleichwohl ein armer Schlucker.

Trotzdem: Geld allein schiesst noch keine Tore.

Genau, Ludogorets hat in den letzten Jahren schon vieles richtig gemacht. Es ist ausgezeichnet organisiert und hat mittlerweile eine Infrastruktur, von dem alle anderen Vereine hier träumen. Auch wenn das Stadion für die Champions League zu klein ist. Aber das soll sich ändern.

Viele Bulgaren stehen nicht in diesem Team. Dafür viele Südamerikaner.

Es sind drei Bulgaren in der Stammformation. Es ist aber interessant zu beobachten, dass auch die Fans von CSKA, Lewski und anderen Klubs in der Champions League hinter Ludogorets stehen. Man kann sagen: Rasgrad eint im Moment den bulgarischen Fussball.

Im Moment ... Es fragt sich bloss, wie nachhaltig das Projekt in Rasgrad ist. Wenn der Präsident eines Tages die Lust verliert, wird der Verein am Abgrund stehen.

Diese Gefahr besteht. Vorerst jedoch ist Ludogorets gut für die Fans. Auch für die Talente, die Vorbilder sehen. Doch das Ganze ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein und löst die riesigen Probleme unseres Fussballs nicht.

Die politische Wende war schlecht für diesen. Und die aktuelle wirtschaftliche Situation des Landes macht wenig Hoffnung, es werde besser.

Der Staat, die Städte und die Gemeinden kümmern sich um nichts mehr. Die Infrastruktur ist eine Katastrophe. Die Stadien vergammeln nach und nach. Für nichts ist mehr Geld da. Das Nationalstadion ist das einzige im ganzen Land, in dem international noch gespielt werden darf. Das Hauptproblem ist aber die Korruption. Diese verhindert jede Weiterentwicklung unseres Fussballs. Nur eine Revolution kann uns retten. Es braucht neue Köpfe.

Es heisst auch, die Wettmafia habe Einfluss auf die Ergebnisse in den bulgarischen Ligen.

Was kann ich dazu sagen? Die Situation ist ein Desaster. Der Verband tut nichts.

Ausser, wie die Klubs, fleissig die Trainer zu wechseln.

Ja, und dazu kann ich Ihnen ein gutes Beispiel geben. Ich hatte 2008 zum zweiten Mal die bulgarische Nationalmannschaft übernommen. Wir spielten ein sehr erfolgreiches Jahr mit drei Siegen und drei Unentschieden, hatten aber zwei Tage vor Weihnachten noch ein Freundschaftsspiel in Serbien, das wir 1:6 verloren. Danach hat mich Verbandspräsident Borislav Michailow (der 102fache Nationalspieler hütete 1998 für ein NLA-Spiel das Tor des FC Zürich; die Red.) entlassen. So läuft das hier.

Nach dem 1:2 in Norwegen letzte Woche scheint für Bulgarien auch die EM 2016 in weiter Ferne und Coach Lyuboslav Penev auf der Abschussliste.

Das Problem sind doch nicht die Trainer. Natürlich können auch wir uns verbessern. Was aber soll man tun, wenn keine guten Spieler nachkommen? Wo sind heute die Spieler von der Klasse eines Hristo Stoitchkov, Yordan Letchkov oder Krassimir Balakov? Es gibt sie nicht. Die Nachwuchsförderung ist am Boden.

Immerhin kümmern Sie sich mit Ihrer Fussballschule um den Nachwuchs.

Wir haben 300 Kinder bei uns. Doch es geht hier nicht nur um Leistung. Es gibt kein Casting. Alle können mitmachen. Uns interessiert auch die soziale Seite.