Vor zweieinhalb Jahren war sie in der Schweiz noch unbekannt. Nicht einmal Insider des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) wussten über sie Bescheid. Jetzt ist sie gestandene Schweizer Nationalspielerin, WM- und EM-Teilnehmerin und grosse Hoffnungsträgerin bei den Frauen des FC Basel. Sie, das ist Rachel Rinast: 26-jährig, Doppelbürgerin mit deutschem und Schweizer Pass, Multitalent. Aber der Reihe nach.

Rinast hat sich in den vergangenen zwei Jahren in der Schweizer Frauenfussballszene im Eilzugtempo einen Namen gemacht. Beim Kick-off-Event der neuen NLA-Saison in Biel Mitte August war das Interesse an ihrer Person merklich grösser als an den Bundesliga-Rückkehrerinnen von den FC-Zürich-Frauen, Cinzia Zehnder und Martina Moser.

Alle drei gehörten an der diesjährigen Europameisterschaft in Holland dem Nationalkader an. Mit dem unglücklichen Aus in der Gruppenphase befasst sich die Neo-Baslerin nicht mehr gerne: «Ich bin ein positiver Mensch und blicke lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit. Jetzt freue ich mich einfach riesig auf den FC Basel.»

Plötzlich ging es schnell

Dass Rachel Rinast in der kommenden Saison für den FCB ihre Fussballschuhe schnüren wird, verdanken die Klub-Verantwortlichen einem pfiffigen Spielerberater. Ihm kam im Frühjahr 2015 während eines Smalltalks mit Rinast die Idee, die das Leben der Aussenverteidigerin veränderte. Die damals 24-Jährige hat im Gespräch beiläufig erwähnt, dass ihre Mutter Schweizerin ist. Der Spielerberater habe verwundert nachgehakt, ob sie denn auch die Schweizer Staatsbürgerschaft habe, erinnert sich Rinast.

Plötzlich ging es ganz schnell für Rachel Rinast

Plötzlich ging es ganz schnell für Rachel Rinast

«Als ich dies bejahte, fiel er aus allen Wolken.» Dann ging alles ganz schnell: Anruf bei Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg, Beobachtung von Rinast in einem Ernstkampf mit ihrem damaligen Verein 1. FC Köln, erstes Nati-Aufgebot für den Algarve-Cup, erstes Spiel gleich von Beginn an. «Eine sehr aufregende Zeit», blickt die 1,76 Meter grosse Linksfüsserin zurück.

Rinast fand Frauenfussball blöd

Ohne den aufmerksamen Spielerberater hätte Rinast wohl weder für die Schweiz noch für den FC Basel gespielt. Denn seit sie mit vier Jahren ihre Ballett- gegen Kickschuhe tauschte, war die Doppelbürgerin ausschliesslich in Deutschland tätig. Bis im Alter von 16 Jahren spielte sie bei den Jungs mit, den Frauenfussball fand sie zu dieser Zeit «blöd». «Jetzt sehe ich das natürlich anders», sagt sie und schmunzelt.

Über mehrere Vereine in der Landes- und 2. Bundesliga kam sie 2010 zum 1. FC Köln. In der Domstadt konnte sie fünf Jahre später ihre ersten Erfahrungen in der 1. Bundesliga sammeln. 2016 ging sie zu Leverkusen, kämpfte mit dem Verein gegen den Abstieg. Auch deshalb erachtet Rinast ihren Wechsel in die Schweizer Liga zum FC Basel nicht als Rückschritt, wie sie sagt: «Es macht deutlich mehr Spass, wenn man sich mit seinem Verein gegen oben orientieren kann. Die NLA muss sich gegen die 1. Bundesliga sowieso nicht verstecken.»

Moralischer Grund für Wechsel

Nebst dem sportlichen Ehrgeiz und der Lust nach Titeln gibt es auch noch einen moralischen Beweggrund für ihren Wechsel nach Basel. Sie wolle dem Schweizer Frauenfussball etwas zurückgeben, sagt sie. «Es ist ja nicht gerade förderlich für das Niveau der Liga, wenn die talentierten Schweizer Fussballerinnen in Deutschland oder sonst wo im Ausland spielen», erklärt sie.

Bei den FCB-Frauen will sich Rachel Rinast als Führungsspielerin durchsetzen

Bei den FCB-Frauen will sich Rachel Rinast als Führungsspielerin durchsetzen

Beim FCB will Rinast eine tragende Rolle übernehmen und mit der Equipe die Favoritinnen aus Zürich angreifen – in beiden Wettbewerben: «Unser Ziel ist das Double. Ich bin überzeugt, dass wir die Qualitäten dazu im Team haben», sagt sie. Hohe Ziele seien ohnehin immer besser als bescheidene, denn «wer kleine Brötchen backen will, ist im Fussball falsch aufgehoben». Genau einen solchen Spielertyp haben die Verantwortlichen beim FCB in der Sommerpause gesucht. Bei der Vorstellung von Rinast attestierte der Klub seiner Neuerwerbung «hervorragende Qualitäten».

Talentierte Leichtathletin

Rachel Rinast ist aber nicht nur eine begnadete Fussballerin, sondern auch eine talentierte Leichtathletin. Als Jugendliche betrieb sie intensiv Siebenkampf. Im Speerwurf war sie besonders gut. Von da komme auch ihr langer Einwurf, erzählt sie stolz. Neben dem Sport hat Rinast auch noch ein musikalisches Talent: ihre Stimme. Bereits als Schülerin spielte sie Geige, sang im Schulchor.

Als sie das Abitur im Sack hatte, gewann sie den nationalen Wettbewerb «Jugend musiziert». Damit hätte sie ein Stipendium für ein Gesangsstudium in der Tasche gehabt, doch sie verzichtete und setzte lieber auf ein Sport- und Philosophiestudium, wo sie inzwischen den Masterlehrgang für das Lehramt absolviert. «Wenn ich mit ungefähr 30 Jahren aufhöre mit Fussball, will ich im Musikbusiness einen Anlauf nehmen», sagt sie.

Bevor sich Rinast ihrem Gesangstalent widmet, will sie erst noch beim FC Basel für die Musik sorgen. Bei einem allfälligen Meistertitel wäre wohl auch klar, wer das Siegerlied in der Kabine der Rotblauen anstimmen würde.