Dieses Mal ist etwas anders. Dieses Mal steht das Kämpferherz nicht sofort auf der Matte. Dieses Mal hat Philipp Degen Tränen in den Augen, als er im Auto sitzt und sich die Worte des Vertrauensarztes nochmals durch den Kopf gehen lässt: «Die Schulter kaputt… eine Operation unumgänglich… mindestens fünf Monate Spielpause… ein Ende der Schmerzen nicht absehbar…»

Degen ist kurz davor, den Hörer in die Hand zu nehmen, seine Liebsten anzurufen und ihnen zu sagen: «Das wars, ich höre auf.» Die Motivation, schon wieder den steinigen und langen Weg durch die Reha zu gehen, ist an diesem Oktobertag ganz weit weg.

Die Lust auf Fussball ist wieder da

In die Gegenwart: Degen sitzt im viel frequentierten Kaffee im Stadionbauch und rührt im Espresso. Es ist ein Degen, wie man sich einen Degen vorstellt: Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus, er verwirft Hände, schaut alle zehn Sekunden auf sein Handy, rutscht auf dem Ledersofa hin und her, grüsst vorbeigehende Passanten – kurz: Der Zappel-Philipp ist in seinem Element. Er sagt: «Ich habe wieder grosse Lust auf Fussball.»

Wie kam es zum Sinneswandel? Degen: «Ich bin von Grund auf ein Kämpfer, aufgeben kommt für mich nicht infrage.» Nach 16 Jahren wegen einer Verletzung von der Fussballbühne abtreten, das habe der Kopf in diesem Moment einfach nicht zugelassen. «Ein paar Tage nach der Diagnose spürte ich: Noch einmal kämpfe ich mich zurück, das will ich mir noch einmal beweisen. Nur mir – und niemand anderem.»

Das Ziel ist erreicht. Degen ist seit zwei Wochen wieder matchfit und wartet seitdem auf seinen ersten Einsatz in der Rückrunde. «Noch einmal dahin zu kommen, das habe ich gebraucht. Jetzt bin ich mit mir im Reinen», sagt er und fügt an: «Immer wieder hat mir die Verletzungshexe eins reingewürgt. Noch einmal wollte ich ihr beweisen, dass ich stärker bin als sie. Jetzt haben wir Frieden geschlossen.»

Die dicke Krankenakte des Philipp Degens

Was das heisst? Degen: «Sollte ich mich morgen im Training schwer verletzen, würde ich sofort aufhören. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne mich als Versager zu fühlen. Ich habe mir und der Welt genug oft bewiesen, dass ich ein Stehaufmännchen bin.» In der Tat, seine Krankenakte ist so dick wie ein Tolstoy-Wälzer. Ein Auszug: Rippenbruch, Loch in der Lunge, Pfeiffersches Drüsenfieber, Fussbruch, kaputte Adduktoren. Degen mit entspannter Miene: «Das Schicksal hat es so gewollt, dass Verletzungen mein ständiger Begleiter sind. Das habe ich mittlerweile akzeptiert.»

Degen klingt, als hätte er abgeschlossen. Nicht nur mit den Verletzungen. Sondern nach 16 Profijahren auch mit der Karriere. Wer ihn reden hört, der kommt unweigerlich zum Schluss: Im Sommer ist Schluss. Stimmt der Eindruck? Degen lächelt scheu, schaut zu Boden, scharrt mit den Füssen, faltet die Hände und sagt: «Ich will hier und jetzt nicht etwas definitives verkünden. Es ist auch noch keine definitive Entscheidung gefallen. Ich habe mir meine Gedanken gemacht, ich habe Pläne – auch für das Leben nach der Fussballerkarriere. Was ich sagen kann: Ich bin auf der Zielgeraden, ich bin im Winter der Karriere.» Sicher ist: Sollte der 33-Jährige im Sommer aufhören, wäre das die kleinere Überraschung, als die Vertragsverlängerung.

Degen will einfach nochmals «Spass haben»

Auch wenn die Entscheidung wohl wirklich noch nicht gefallen ist. Zwillingsbruder David, mit dem Philipp nicht nur die Wohnung und das Konto, sondern auch die Gedanken teilt, sagt: «Wir reden viel über die Zukunft. Aber auch ich bin mir noch nicht sicher, was er im Sommer vorhat.» Auch mit dem FC Basel laufen die Gespräche, Sportdirektor Georg Heitz sagt: «Ich habe das Gefühl, Philipp ist noch hin- und hergerissen, wie seine Zukunft aussehen soll.» Ob noch bis Ende Mai oder darüber hinaus – Degen will in der letzten Phase seiner Karriere nur eines: «Spass haben.»

Was nicht gebunden ist an einen Stammplatz auf der rechten Abwehrseite. Er sagt: «Ich bin realistisch. Michi Lang macht seine Sache sehr, sehr gut. Ich sehe ihn nicht als Konkurrenten, sondern als wichtiges Element für unseren Erfolg. Wenn ich spiele, dann gebe ich alles auf dem Platz. Wenn nicht, dann unterstütze ich die andern und sage meine Meinung, wenn man mich fragt.»

Degen will dem Fussball verbunden bleiben

Und was kommt nach der Karriere? Was kann Philipp Degen ausser Fussball spielen? Die Antwort kommt schnell: «Der Fussball ist mein Leben, in irgendeiner Form will ich ihm verbunden bleiben. Ich habe in Deutschland und England gespielt und ein Netzwerk aufgebaut, das sich über die ganze Welt erstreckt. Und ich habe Erfahrungen gesammelt, unschöne Dinge gesehen, vor denen ich andere Spieler bewahren möchte. Meine Stärke liegt darin, Menschen zur Seite zu stehen und ihnen Wege aufzuzeigen.»

Also Spielerberater? «Was auch immer es sein wird – ich werde nicht als Einzelmaske agieren. Ich werde Teil sein eines Teams, in dem jeder auf seinem Gebiet ein Spezialist ist.» Tönt vage – und ist es auch. Gut vorstellbar, dass Philipp Unterschlupf findet in den vielen Geschäftsfeldern von Zwillingsbruder David und dort seine Kontakte spielen lässt.

Nach 40 Minuten ist die Zeit um, Degen muss zum Training. «Ich will alles aufsaugen, ewig bin ich ja nicht mehr dabei», sagt er, verabschiedet sich und eilt im Stechschritt um die Ecke.