Super League
FCB-Sportchef Marco Streller sagt nach dem verpassten Meistertitel: «Wir sind im Stolz verletzt»

Seit Samstag ist klar, dass die achtjährige Meisterserie des FC Basel reisst. Da ändert auch der 6:1-Kantersieg gegen den FC Thun nichts. FCB-Sportchef Marco Streller äussert sich nach dem Spiel zum neuen Meister, seinen Zukunftsplänen und den Gründen für das Scheitern. Er sagt: "Wir haben es im ersten Monat der Rückrunde versaut."

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FCB-Sportchef Marco Streller schaut nach dem verpassten Titel schon nach vorne.

FCB-Sportchef Marco Streller schaut nach dem verpassten Titel schon nach vorne.

FCB-Sportchef Marco Streller beim Spiel gegen den FC Thun.

Herr Streller, YB wurde am Samstag Meister und dann hat man am Sonntag so tolle Stimmung im Joggeli. Hätten Sie das erwartet?

Marco Streller: Zuerst: Gratulation an YB, sie sind der verdiente Meister dieses Jahr. Zugleich muss ich sagen, dass das am Samstag alle rund um den FCB sehr geschmerzt hat. Uns als Verantwortliche, die Fans, alle. Trotzdem waren die Fans heute extrem präsent, genauso wie die Mannschaft. Das war eine gute Reaktion. Das Nicht-Meister-Werden kann auch etwas auslösen.

Wie meinen Sie das?

Es ist ein bisschen zur Gewohnheit geworden, dass wir Meister werden. Natürlich wären wir alle gerne auch diese Saison Meister geworden. Es schmerzt enorm, dass es nicht geklappt hat. Aber man muss auch anerkennen, wenn jemand besser ist. Und das war YB dieses Jahr. Nichtsdestotrotz hat es etwas ausgelöst, auch bei mir selbst. Wir sind im Stolz verletzt.

Zugleich wirkte das Team befreit.

Ja, sie haben sehr befreit aufgespielt. Jetzt müssen wir die Saison einfach gut zu Ende spielen. Wir sind seit ein paar Wochen wieder stabil. Aber wir sind sehr schlecht in die Rückrunde gestartet und das hat dann auch den Unterschied gemacht. YB hat keine Schwächen gezeigt. Es ist gut, dass die Entscheidung jetzt gefallen ist. Wir konnten gratulieren, das ist jetzt durch. Jetzt können wir uns wieder auf uns konzentrieren.

Doch noch einmal kurz ein Blick zurück: Sie sagten, dass es geschmerzt habe, als Sie erfuhren, dass YB Meister ist. Haben Sie das Spiel geschaut?

Nein, ich war am 40. Geburtstag meines Cousins und habe dann einfach das Resultat mitgekriegt. Später habe ich noch erfahren, dass Luzern sogar einen Penalty verschossen hatte. Aber so ist das halt manchmal. Aber den Match habe ich mir nicht angetan.

Wie haben Sie denn eigentlich mitbekommen, wie das Spiel ausgegangen ist?

Wenn so viele Leute zusammenkommen, hat es auch den einen oder anderen FCB-Fan dabei und man kriegt es zwangsläufig mit.

Konnten Sie das Fest überhaupt geniessen?

Es war trotz allem ein annehmlicher Abend, wir konnten uns ja schon ein bisschen darauf vorbereiten. Wir wussten, dass es YB sein wird. Ich glaube, in Bern hat es ein paar Leute gegeben, die bis zum Schluss nicht wirklich daran glaubten. Nach der Leidenszeit ist es ja unglaublich. Wir haben uns darauf eingestellt.

Was hat den Unterschied ausgemacht?

Es sind viele Faktoren, die da zusammengespielt haben. Wir haben viele Wechsel gehabt, auf allen Ebenen. Zugleich war YB noch nie so stabil wie diese Saison. Sie haben keine Schwäche gezeigt. Auch als sich Goalie David von Ballmoos verletzte und klar war, dass Marco Wölfli kommt, der Sinnbild des Scheiterns von YB war. Er hat eine überragende Rückrunde gespielt.

Sie kennen Marco Wölfli aus der Nationalmannschaft. Trotz der Konkurrenz müssen Sie auch mit ihm mitfühlen können.

Ich habe ihm gestern nach dem Spiel ein SMS geschrieben. Den Inhalt mache ich nicht bekannt. Aber ich habe ihm gratuliert. Genau gleich wie Wuschu Spycher. Sie haben es einfach gut gemacht. Das muss man anerkennen. Auch wenn es wehtat, das schreiben zu müssen.

Bei so viel Schmerz muss sich YB nächste Saison wohl warm anziehen, oder?

Der YB-Meistertitel war so omnipräsent. Wenn man das Handy anstellt oder den Fernseher: Überall war von YB die Rede. Man musste sich damit auseinandersetzen. Man wusste, dass der Tag kommen wird. Das hat sich ja seit Wochen angebahnt. Trotzdem, wenn es definitiv ist, dann tut es weh. Weil wir es uns nicht gewohnt sind.

War es eine Saison zum Vergessen?

Wir sind Zweiter geworden und alles scheint schlecht. Aber wir haben die beste Champions-League-Kampagne der Vereinsgeschichte gespielt, fünf von acht Spielen gewonnen. Trotz all der Wechsel. Das darf man nicht vergessen. Natürlich sind auch Fehler gemacht worden. Die gilt es nicht mehr zu wiederholen. Ich wehre mich eigentlich dagegen, dass dieses Scheitern uns auch gut getan hat, aber ich will das unbedingt wieder geradebiegen mit den Jungs. Wir brauchen diese Jetzt-Erst-Recht-Stimmung.

Was braucht es für die nächste Saison, um zurückzukommen?

Die zweite Halbzeit in Bern hat gezeigt, dass es nicht viel braucht. Wir haben es versaut im ersten Monat der Rückrunde. Wenn wir die ersten beiden Heimspiele gewonnen hätten, wären wir dran geblieben, wie sie dann reagiert hätten, weiss ich nicht. Es wird die eine oder andere Veränderung geben, aber wir werden nicht alles komplett auf den Kopf stellen. Aber in der Schweiz ist es halt einfach so, dass Spieler Begehrlichkeiten wecken. Das wird YB auch merken. Da haben Wuschu und ich sicherlich genug Arbeit vor uns.

Haben Sie im Winter zu viele Transfers getätigt?

Wahrscheinlich schon, ja. Wir haben auch Fehler gemacht und zu denen muss man stehen. Damit haben wir gerechnet. Jeder muss Fehler machen, um weiterzukommen. Man darf sie einfach nicht wiederholen. Mir wurde viel gratuliert zu den Winter-Transfers. Jetzt ist es nicht so herausgekommen, wie wir uns das vorgestellt haben. Aber wir sind sehr überzeugt, dass sie uns in der nächsten Saison helfen werden.

Wird dann Raphael Wicky noch Trainer sein? Sie haben gesagt, dass Sie mit ihm in die neue Saison gehen wollen, wenn sie das Minimalziel Platz 2 erreichen.

Ich habe ernst gemeint, was ich gesagt habe. Wir werden sicherlich noch alles analysieren. Aber wir haben Raphi aus einem guten Grund gewählt. Er hat sehr vieles, sehr gut gemacht. Er ist noch jung, auch er hat Fehler gemacht, wie wir alle. Aber ich bin froh, haben wir an ihm festgehalten. Ich weiss nicht, ob er in einer anderen Liga nach dem Rückrundenstart noch Trainer gewesen wäre.