Europäisch unterwegs

FCB-Verteidiger Raoul Petretta: «Da wusste ich: ich will nie mehr weg»

Seit der U7 spielt Raoul Petretta, heute 22-Jährig, für den FC Basel. Kurz nach seinem Wechsel hab es hier auf seinem ersten Platz ein Abschiedsspiel für ihn.

Die bz trifft vor den Partien der Europa League jeweils einen FCB-Spieler an einem speziellen Ort. Heute: Raoul Petrettas erster Fussballplatz in Badisch-Rheinfelden. Er spricht über einen Erweckungsmoment in Südafrika, seine Zeit als Torwart und seinen grossen Traum nach dem Karriereende.

«Wissen Sie, wie lange ich nicht mehr hier war?», sagt Raoul Petretta und schaut sich um. Einmal von links nach rechts. Er erblickt die Tore, die keine oder nur verissene Netze haben. Sowohl die kleinen als auch die grossen. Eine alte Ersatzbank aus Plastik. Und etwas weiter weg einen Schirm. Raoul Petretta lächelt.

Wir befinden uns auf dem Sportplatz in Badisch-Rheinfelden. Dort, wo Raoul Petretta seine ersten fussballerischen Schritte gemacht hat. «Es ist ein schönes Gefühl, wieder hier zu sein. Das muss ich sagen.» Fünfzehn Jahre, rechnet er, sei es her, seit er zum letzten Mal an diesem Ort gewesen sei, wo alles begann. «Dabei wohne ich nur eine Minute von hier! Gleich da drüben», sagt er und zeigt in Richtung seiner Wohnung.

Raoul Petretta auf dem Fussballplatz in Badisch-Rheinfelden.

Raoul Petretta auf dem Fussballplatz in Badisch-Rheinfelden.

Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Ort?

Raoul Petretta: An viel kann ich mich tatsächlich nicht mehr erinnern. Ich war 4 Jahre alt, als das hier anfing. Mein Vater hat mich damals her gebracht. Er hatte hier mit dem Verein bereits zu tun und fragte mich, ob ich mitmachen möchte. Ich hab ja gesagt, aber was auch sonst, ich war so klein (lacht). Mein Bruder spielte auch schon hier. Und ich weiss noch, dass ich mich ins Tor gestellt habe.

Ins Tor?

Ja, das begann an einem Hallenturnier, da war ich drei Jahre alt. Damals spielten wir nur in der Halle. Und ich ging einfach ins Tor, weil sie keinen anderen hatten. Erst vor kurzem habe ich ein Video von damals wieder gesehen. Das war lustig, weil ich mich dort einfach mitten in einem Spiel auf die Tribüne setzte, weil ich keine Lust mehr hatte. Ich ging einfach weg und sie spielten ohne Torwart weiter. Rückblickend war das vielleicht der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass Goalie nicht das Richtige ist für mich (lacht).

Sie spielten fortan in der Offensive, wurden als Neuner im Alter von 6 Jahren vom FCB entdeckt. Wissen Sie noch, wie das ablief, als Sie zum FCB gingen?

In der Jugend habe ich alles mal gespielt. Ganz früh war ich Stürmer, dann Flügel, unter Raphael Wicky wechselte ich ins Zentrum und jetzt spiele ich hinten links. Aber auf Ihre Frage: Als mein Vater mir sagte, dass ich beim FC Basel ein Probetraining machen könne, sagte ich: Was ist der FCB? Damals kannte ich den FCB aus der Schweiz noch nicht. Das erste Training habe ich nicht mehr im Kopf. Aber meine langen Haare mit dem Stirnband, die ich damals noch hatte, an die erinnere ich mich.

 

Raoul Petretta schlendert über den Platz. Auf einem kleinen Teil davon spielen Kinder. Sie rufen immer wieder «SC Freiburg, olé!» – bis sie ihn sehen. «Hey FC Basel! Dich kennen wir! Was macht ihr hier?» Raoul Petretta geht zu den Kindern hin, klatscht ab. Seit er sechs Jahre alt ist, spielt er beim FCB. Die U7 war seine erste Altersstufe. Dann dreht er sich wieder um und sagt: «Mein letztes Spiel hier habe ich mit dem FCB bestritten.»

Wieso mit dem FCB?

Es war ein Spiel gegen mein altes Team. Das wurde für mich organisiert, damit ich noch mal her kommen und hier spielen kann. Ein Abschiedsspiel für einen 7-Jährigen. Ich erinnere mich, dass sie mich offiziell dort unter dem Schirm (Petretta deutet auf den Schirm in 20 Metern Entfernung) verabschiedet haben. Mein Trainer hat damals angefangen zu weinen.

Unter diesem Schirm wurde Raoul Petretta als Siebenjähriger verabschiedet.

Unter diesem Schirm wurde Raoul Petretta als Siebenjähriger verabschiedet. 

Und Sie?

Ich nicht, ich habe mich ja auf den FCB gefreut! (lacht) Ich bin aber auch einer, der nicht sehr nahe am Wasser gebaut ist.

Wann haben Sie denn das letzte Mal geweint?

Als mein Opa gestorben ist. Ich bin ein extremer Familienmensch. Ich brauche das. Beispielsweise ist der Sonntag unser Familientag, dann essen wir normalerweise alle zusammen. Meine Eltern, mein Bruder, meine Oma. Das ist natürlich schwierig mit meinem Job. Aber ich versuche sonst vier Mal die Woche mit meinen Eltern zu essen. Ich habe einen starken Bezug zu meinen Eltern. Mein Vater hat eine schwierige Vergangenheit, keine gute. Daher hat er immer gesagt, er wolle es besser machen. Ich denke, dass unsere Bindung auch daher so stark ist. Meine Eltern und mein Bruder sind meine ersten Bezugspersonen. Das ist typisch italienisch, südländisch halt.

Das klingt fast ein bisschen nach einem Ritual. Haben Sie ein solches auch vor Spielen?

Tatsächlich mache ich immer das Gleiche ja: ich bete. Das habe ich schon früher gemacht. Damals noch mit meiner Mama vor dem schlafen gehen. Das ist etwas, was ich von ganz klein beibehalten habe. Ich bete vor allem für die Gesundheit.

Gehen Sie auch in die Kirche?

Leider wenig. Ich habe mir vorgenommen, wieder mehr zu gehen. Aber es ist nicht einfach. Auch das wäre meistens am Sonntagmorgen, dann haben wir aber Training oder sind vor einem Spiel im Hotel. Aber früher war das ein fester Bestandteil. Und einer, der mir auch Kraft gibt.

 

Die Sonne scheint an diesem Nachmittag in Rheinfelden, die Temperaturen sind warm. Raoul Petretta zieht sich seine Jacke aus. Auf dem linken Arm trägt er ein grosses Tattoo. Es zeigt einen kleinen Jungen in Fussballklamotten, die 28 auf dem Rücken, der Blick in ein grosses Stadion gerichtet. Vor ihm ist eine Treppe, die steil nach oben geht. Ein Symbol für den Weg. Passend dazu ziert seinen Arm noch der Satz: «Der Weg ist das Ziel» auf Englisch. «Der kleine Junge bin ich», erzählt Raoul Petretta und fügt an: «Ich schaue in den Traum, irgendwann in einem grossen Stadion zu spielen.»

War es immer ihr Traum, Fussballer zu werden?

Ja, ich war schon als kleiner Junge verrückt nach Fussball! Immer, wenn ich konnte, habe ich gespielt. Auch als ich schon beim FCB war, kam ich jeweils heim vom Training, meine Freunde haben an der Tür geklingelt und ich ging bis es dunkel wurde und meine Oma mich nach Hause rief weiter spielen. Es war früher immer so: Aufstehen, Schule, Training, daheim essen, weiter kicken, schlafen. Und wieder von Anfang.

Haben Sie damals schon realisiert, dass Sie besser sind als die Anderen?

Ja, ich bin tatsächlich schon früh heraus gestochen. Als ich 12 war, sagte mir jemand vom FCB, dass ich einen Berater bräuchte. Meine Eltern empfanden dies aber als zu früh. Der Mann vom FCB wollte mir damit deutlich machen, dass ich es wohl schaffen werde. Aber eine Garantie hat man ja nie. Konkreter wurde es, als ich mit 15 einen ersten Vertrag beim FCB unterschrieb. Das war keine grosse Sache, einfach Tankgeld für meine Eltern und Kickschuhe für mich. Aber dass man mit 15 einen Vertrag bei Basel unterschreibt, das gibt es selten.

Und Sie haben früh schon mit dem älteren Jahrgang, dem 97er, trainiert.

Immer eigentlich. Alle haben mir immer gesagt, dass ich es schaffen werde, wenn ich so weiter mache. Ab der U16 zirka habe ich selber daran zu glauben begonnen. Für mich lief aber auch immer alles im grünen Bereich. Immer bei den Älteren bis zur U21, dann nahtlos in die erste Mannschaft, kaum war ich da durfte ich spielen, bekam einen Profivertrag. Heute kommt man nicht mehr so schnell rein. Da dauert es eher ein halbes Jahr, bis man zum Debüt kommt. Ich wurde aber ins kalte Wasser geworfen und das hat gut funktioniert.

Raoul Petretta: «Früher war ich verrückt nach Fussball.»

Raoul Petretta: «Früher war ich verrückt nach Fussball.»

Sie profitierten Sie von der Förderung der 97er. 

Ja, der FCB hat in diesen Jahrgang viel investiert. Wir hatten schon früh viele Turniere, sind mit 15 bis nach Südafrika geflogen und haben auch fast jedes Turnier gewonnen, bei dem wir waren. Und ich habe viele individuelle Preise abgeräumt.

Was für Preise?

Bei vielen Turnieren jenen als bester Spieler. Bei wirklich vielen (lacht etwas schüchtern). Das ist schon speziell. Vor allem wenn man bedenkt, dass da beispielsweise ein Turnier in Barcelona dabei war, bei dem wir im Final gegen Real Madrid spielten. Den Preis von dort habe ich immer noch zu Hause, genauso wie jenen als «Rookie of the year», den ich mit 15 bekam. Aber damals war ich noch Offensivspieler, und die bekommen ja immer die Preise, nicht wir Defensiven (lacht). Aber das Turnier in Barcelona war nicht das Speziellste.

Sondern? Welches?

Jenes in Südafrika. Wir sind damals im Danone Cup weiter gekommen und durften nach Südafrika. Wir spielten den Final im Orlando Stadium vor 25›000 Zuschauern. Mit 15! Wir haben das Spiel zwar 0:4 verloren… aber es war beeindruckend. Und extrem laut, weil die Leute mit diesen Dingern (Petretta macht eine Handbewegung, um ein Instrument nachzuahmen), ach, wie heissen die?

Vuvuzelas?

Ja, genau die! Mit denen machten sie Lärm. Und du stehst da unten auf dem Feld, vor 25›000 Zuschauern, das muss ich nochmal sagen. Da willst du nicht mehr weg von diesem Feld. Du bist gewohnt, auf irgendeinem kleinen Platz zu spielen und dass keiner kommt, ausser deinen Eltern. Und dann so ein Erlebnis. Das ist extrem speziell. Und vor allem etwas, bei dem du merkst: Das will ich immer haben.

 

Mittlerweile sind wir ein paar Meter weiter im «Europa-Stadion», dem neuen Stadion des FSV Rheinfelden. Jenem Klub also, der aus Raoul Petrettas erstem Klub entstanden ist. Gespielt hat er hier nie, das Stadion wurde erst nach seinem Weggang gebaut. Aber er ist regelmässig hier, um seinen Freunden und seinem Bruder beim Kicken zuzuschauen. Kreisliga-Feeling für den FCB-Profi. «Ich mag das sehr gerne. Ehrlich, ich schau mir das wirklich gerne an. Manchmal gehe ich auch zum Dorfverein neben an. Ich schaue das aus Prinzip gerne, weil es noch der reine Fussball ist, und weil es anders ist.»

Raoul Petretta im Europa-Stadion, nur unweit seines ersten Platzes entfernt. Hier schaut er seinen Freunden jeweils zu.

Raoul Petretta im Europa-Stadion, nur unweit seines ersten Platzes entfernt. Hier schaut er seinen Freunden jeweils zu. 

Was ist für Sie der Hauptunterschied?

Sie trinken vor dem Spiel ein Bier, wir nicht! (lacht) Auch nach dem Spiel trinken sie Bierchen, das ist einfach lustig. Ich mag das sehr gerne. Aber ich würde meine Situation nie eintauschen wollen. Zum Glück nicht, sonst wäre irgendwas falsch! Mit 36 geh ich dann mit ihnen spielen, das reicht.

Gibt es andere Dinge, auf die Sie sich nach Ihrer Karriere freuen? Auch wenn das Ende selbstredend noch weit weg ist.

Ich habe immer viele Dinge verpasst, als ich 16 oder 17 war. Eigentlich habe ich meine ganze Jugend verpasst, wenn ich das so sagen darf. Aber das ist okay, das wollte ich so. Was mir aber tatsächlich gefehlt hat, ist, dass ich als Grenzgänger nie richtig in die Ferien konnte. Wenn wir in der Schule hier in Deutschland Ferien hatten, hatte ich beim FCB Training und wenn trainingsfrei war beim FCB hatte ich hier Schule. Meine ersten richtigen Ferien hatte ich diesen Sommer. Deshalb habe ich das speziell genossen, das erste Mal seit etwa zehn Jahren drei Wochen am Stück frei zu haben. Durch diesen Verzicht reifte auch Traum: ich will nach der Karriere eine Weltreise machen. Wohin genau ich überall will, weiss ich noch nicht. Aber dafür hab ich ja noch ein paar Jahre Zeit.

Raoul Petretta im Gespräch in seiner Heimat.

Raoul Petretta im Gespräch in seiner Heimat.

Sie träumen auch davon, in der italienischen Nationalmannschaft zu spielen. Im Sommer wurden Sie für die U21-EM im eigenen Land aber nicht berücksichtigt.

Ich war im 26-Mann-Kader, aber der Trainer entschied sich am Ende nicht für mich. Das war im ersten Moment enttäuschend. Aber ich glaube weiter daran. Das Einzige, was ich dafür aber tun kann, ist gut zu spielen.

Wie gross ist der Traum, dereinst FCB-Captain zu werden? In der Jugend führten sie in jeder Altersstufe die Mannschaft als Captain an.

Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass das kein Traum ist. Aber das ist etwas, woran ich im Moment noch nicht denke. Das ist zu weit weg.

Dann blicken wir auf die nahe Zukunft. Der FCB gastiert heute zum zweiten Gruppenspiel in der Europa League bei Trabzonspor. Der Auftakt ist mit dem 5:0 geglückt. Was erwarten Sie?

Es wird sicher ein Hexenkessel. Aber das Ziel ist klar: Wir müssen einfach weiter kommen. Und ich sehe dafür auch gute Chancen.

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