Degenfechten

Fechter Benjamin Steffen über sein verschobenes Karriere-Ende: «Das hätte mich innerlich zerrissen»

Der Basler Benjamin Steffen hat aufgrund der verschobenen Olympischen Spiele auch sein Karriereende um ein Jahr verschoben.

Der Basler Benjamin Steffen hat aufgrund der verschobenen Olympischen Spiele auch sein Karriereende um ein Jahr verschoben.

Die Coronakrise hat auf jeden Sportler grossen Einfluss. Auf Degenfechter Benjamin Steffen trifft dies aber besonders zu.

Eigentlich wäre Schluss gewesen. Benjamin Steffen hat seine Abschiedstour beinahe schon komplett absolviert, es hätte nur noch die ganz grosse, letzte Abschiedsshow folgen sollen. Schauplatz wäre Tokio gewesen, das Szenario ein so simples wie ambitioniertes: Mindestens eine Medaille holen an den Olympischen Spielen und dann zurücktreten. So der Plan. Aber weil die Olympischen Spiele wegen der Coronakrise um ein Jahr verschoben wurden, passierte dies auch mit dem Karriereende Benjamin Steffens, einem der besten Schweizer Degenfechter.

Das Wichtigste vorne weg: Sind Sie gesund und munter?

Benjamin Steffen: Ich bin gesund und munter, danke. Mir geht es sehr gut. Mir fällt auch die Decke zu Hause noch nicht auf den Kopf. Ich kann spazieren gehen, kann meine Trainings einigermassen normal absolvieren. Ich habe Zugang zu einem privaten Kraftraum, mache jeden Tag physische Übungen. Und ich habe sogar damit angefangen, jeden Morgen Yoga zu machen.

Sie sind nicht nur Profi-Fechter, sondern hauptberuflich auch noch Lehrer. Wie gestaltet sich die Arbeit von zu Hause aus?

Das E-Learning läuft natürlich normal weiter, wenn nicht gerade Ferien sind wie jetzt. Für mich aber ist es tatsächlich nicht so schlimm, da ich im Moment kein Englisch unterrichte, sondern nur Sport. Mein Englisch-Pensum hatte ich zurückgestuft, um mich optimal auf die Olympischen Spiele vorbereiten zu können. Daher ist mein Aufwand kleiner als bei anderen. Ich gebe für den Sportunterricht sowie das Ergänzungsfach Sport, das ich ebenfalls unterrichte, Aufträge für Konditionsnoten, kontrolliere die Schüler via Apps, sie müssen ausserdem alles dokumentieren. Der grosse Aufwand ist eher jener, immer online und ansprechbar zu sein.

Was ist denn schwieriger, Fechter oder Lehrer im Homeoffice zu sein?

Gute Frage! (lacht) Jetzt, wo die Olympischen Spiele verschoben sind, stresst es mich nicht, dass ich nicht fechten kann. Ich habe kein Gefühl, etwas zu verpassen. Daher ist das Lehrer-Dasein vielleicht schwieriger.

Sie haben sehr schnell nach der Verschiebung der Spiele die Fortsetzung Ihrer Karriere erklärt. Waren Sie sich von Anfang an sicher?

Es war ein laufender Prozess. Als ich merkte, dass es eng werden könnte mit den Spielen, dachte ich: «Scheisse, ich muss noch ein Jahr anhängen.» Ich war mir erst nicht ganz sicher, ob ich das will. Wären die Spiele komplett abgesagt worden und die nächsten erst in vier Jahren gewesen, hätte ich anders entschieden. Aber als ich mir überlegte, was ich alles investiert habe und wie ich mich fühlen würde, wenn ich meine Kollegen nächstes Jahr würde fechten sehen ohne mich, da war mir klar, dass ich weiter mache. Denn nicht dabei zu sein, obwohl ich auch hätte da stehen können, hätte mich innerlich zerrissen.

Ihr erster Gedanke zeigt aber, dass Sie eigentlich abgeschlossen hatten.

Ich merke einfach langsam, dass ich genug Zeit mit dem Fechten verbracht habe. Ich habe jetzt auch eine eigene Familie, für die ich mehr Zeit haben will. Und mein Körper braucht auch immer mehr Erholung, ich habe immer mehr Bobos. Wenn ich meine jetzigen Gedanken in dieser Saison und meiner eigentlichen Abschiedstour mit jenen von der Saison vor Rio vergleiche, merke ich, dass es jetzt gut gewesen wäre. Damals spürte ich Wehmut, jetzt nicht. Jetzt gibt es aber halt eine zweite Abschiedstour, auch wenn ich die hätte sein lassen können.

Aber Sie freuen sich bestimmt trotzdem nicht nur auf die Spiele in Tokio nächstes Jahr?

Nein, nicht nur. Ich werde das Fechten noch geniessen. Ich freue mich auch darauf, noch eine Saison diese Emotionen erleben und schöne Destinationen bereisen zu können.

Sind Sie sicher, dass Ihr Körper trotz Bobos ein weiteres Jahr schafft?

Es wird gehen, ich werde mich durchbeissen. Es wird vor allem mental anstrengend werden.

Muss die Teilnahme vor allem sein, weil Sie eine offene Rechnung haben nach dem vierten Platz in Rio?

Das war sehr schmerzhaft. Ich habe sehr lange gebraucht, um es zu verdauen. Rückblickend bin ich stolz. Es stresst mich nicht mehr. Aber klar, ich habe die Olympischen Spiele auf so viele verschiedene Arten erlebt – bei den Youth Games 2000, im Olympic Youth Camp, einem Programm des IOC zur Vermittlung der Olympischen Werte an Junge Sportbegeisterte und Athleten, 2004 als Supporter, 2012 als Sparring und dann 2016 in Rio als Athlet –, dass ich alle Erfahrungen gemacht habe, die man machen kann. Ausser eine Medaille zu gewinnen.

Kann die Verschiebung der Spiele auch Vorteile haben?

Je nach dem, wie die Qualifikation gewertet wird und wie der Schweizer Verband selektioniert, können wir uns sehr punktuell auf die Spiele vorbereiten. Das wäre dann recht interessant und sicher auch eine Chance.

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