Bike Trial

Frei wie ein Vogel: Debi Studer will die exotische Extremsportart Bike Trial in Basel etablieren

Debi Studer auf ihrem Trial-Bike in der Halle, die sie im St. Johann für sich und ihre Junioren eingerichtet hat.

Debi Studer auf ihrem Trial-Bike in der Halle, die sie im St. Johann für sich und ihre Junioren eingerichtet hat.

Debi-Studer, die Weltnummer Sieben im Bike-Trial der Frauen, startet nächste Woche für die Schweiz an der WM in China. Daneben betreibt die 34-Jährige in Basel eine Halle, in der sie ihren Sport an Jung und Alt vermitteln will.

Es ist ein trister Nachmittag im Oktober. Während der Regen erbarmungslos auf den Vogesenplatz prasselt, setzt Debi Studer nur wenige Meter entfernt in der ehemaligen Zollhalle des Bahnhofs St. Johann zum Sprung an. Mühelos springt die 34-Jährige im Schein von Neonröhren auf ein Hindernis aus Euro-Paletten.

Sie hält kurz inne, fokussiert sich und hüpft weiter: Über weitere Paletten-Konstrukte und einen schmalen Holzbalken geht es nun auf einen Traktorreifen und von dort zurück auf den Betonboden. Den Parcours absolviert Studer nicht etwa zu Fuss – sondern auf einem Fahrrad.

Bike-Trial nennt sich die Sportart, welche die Wahlbaslerin in der Halle mit dem karg-industriellen Charme praktiziert. Beim Trial bewegen sich die Athleten durch einen Parcours mit natürlichen und künstlichen Hindernissen, springen und balancieren über Baumstämme, Felsblöcke oder Ölfässer.

Dabei ist Körperkontakt tabu: Stellt der Fahrer einen Fuss vom Bike ab, setzt es einen Strafpunkt, berühren beide Füsse den Untergrund, gibt es sogar fünf. Beim Trial wird ein besonderes Bike benutzt: Es besitzt keinen Sattel und keine Federung.

Erklärungsvideo: Das ist Bike Trial

«Auf den ersten Blick sieht das Bike sicher ungewöhnlich aus. Weil man aber nur kurz fährt und volle Bewegungsfreiheit braucht, würde es sogar stören, wenn es einen Sattel hätte», erklärt Debi Studer. Sie gehört zu den besten Frauen der Welt – momentan ist sie auf Rang Sieben der Weltrangliste zu finden. In ihrer Karriere gewann Studer schon EM-Bronze, wurde zweimal Dritte im Gesamtweltcup und ist Seriensiegerin bei den Schweizer Meisterschaften.

Die Halle am Vogesenplatz ist ihr neustes Projekt. Vor einem Jahr gründete sie die Bike Trial Academy Basel, einen Verein, in dem sie ihren Sport an Jung und Alt vermitteln möchte. «Momentan boomt es so richtig. Wir mussten schon eine zweite Trainingsgruppe eröffnen», erzählt sie stolz, während die ersten Kinder für das Abendtraining eintreffen. Studer begrüsst sie per Handschlag.

«Die Nachwuchsförderung ist mir enorm wichtig, denn ich weiss ja nicht, wie lange ich noch fahren kann. Noch bin ich zwar auf dem aufsteigenden Ast. Und das, obwohl ich mit Abstand die älteste Fahrerin bei den Wettkämpfen bin», sagt sie lachend. Der Rolle als Aushängeschild ihrer Randsportart ordnet Studer alles unter. So reduziert sie etwa ihr Pensum als Polizistin. Auch ihre Profi-Karriere als Kampfsportlerin legt sie dem Trial zuliebe auf Eis.

«Ich wollte nie mehr Velo fahren»

Dass es einmal so weit kommen würde, hätte Studer nie gedacht: «Mit zehn Jahren hatte ich einen schlimmen Velounfall und wollte danach nie mehr fahren. Im Militär musste ich dann noch einmal 150 Kilometer am Stück radeln. Ab da wollte ich es erst recht nie mehr tun.»

Über ihren damaligen Freund kommt die Adrenalin-Liebhaberin trotzdem zum Trial. «Zunächst dachte ich, dass der Sport nichts für mich ist. Mir fehlte es schlicht an Action.» Bald erkennt sie aber, dass Trial eine Extremsportart der anderen Art ist und gibt dem Sport nochmals eine Chance.

«Als ich einmal ein paar Sprünge gestanden habe, merkte ich, wie genial dieses Gefühl eigentlich ist. Man fühlt sich frei wie ein Vogel, kann überall drauf springen oder drüber fahren. So wird die ganze Stadt zu meinem Spielplatz», schwärmt die gebürtige Aargauerin, die seit ihrer Lehre in der Chemie eine enge Bindung zur Stadt Basel aufgebaut hat und heute ihren Lebensmittelpunkt an den Rhein verschoben hat.

Waghalsige Stunts auf Brücken und Panzern

Auch am Rhein ist Studer dann und wann mit ihrem Bike anzutreffen. So hat sie etwa schon das Geländer der Mittleren Brücke überquert. In Trial-Kreisen ist dies noch einer der harmloseren Stunts. Denn wirkliche Aufmerksamkeit erhalten die Athleten vor allem dann, wenn sie ihre waghalsigen Tricks an aussergewöhnlichen Orten in der Welt auspacken.

Debi Studer trickst vor dem Burj Khalifa in Dubai.

Debi Studer trickst vor dem Burj Khalifa in Dubai.

So balancierte der belgische Weltmeister Kenny Belaey etwa mit seinem Rad auf einer Slackline über eine einhundert Meter tiefe Schlucht. Auch Studer ist von dieser wilden Seite des Trials ausserhalb der Wettkämpfe angetan. So kursieren Videos, die sie bei Sprüngen auf Panzern oder auf den Strassen Dubais zeigen.

Debi Studer in Action

Ganz alles geht für die ehemalige Weltnummer Zwei dabei aber nicht: «Ich habe da eine Art Moralkodex. Zum Beispiel sind Kunstwerke und Sitzbänke für Stunts absolut tabu. Ausserdem soll sich nie ein Passant unwohl fühlen, wenn ich meine Tricks mache. Das gebe ich auch meinen Junioren weiter», erklärt sie mit der Gewissenhaftigkeit einer Polizistin.

Studers Ziel ist der Weltmeisterschafts-Final

Trainerin, Polizistin, Athletin und Adrenalin-Junkie. Es sind nur einige Facetten im Leben von Debi Studer. In den kommenden Tagen steht die Profi-Athletin im Vordergrund. Denn Studer hat sich nach einem verletzungsgeprägten Jahr doch noch für die WM in China qualifiziert. Für diese nimmt sie sich einiges vor: «Ich will unbedingt in den Final. Das wird schwer, aber ich kann es schaffen.»

Auch das Reich der Mitte hat in Studers Leben einen besonderen Platz: 2006, kurz bevor sie Trial-Fahrerin wurde, lernte sie dort die Kunst des Shaolin Kung-Fus. Auch dies hilft ihr dabei, sich mit Präzision und Ruhe über Felsen und Paletten zu wuchten. Egal ob an einer WM oder an einem verregneten Herbsttag im St. Johann.

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