Nora Fiechter spürt den zweiten Frühling. Nicht nur, weil zur Zeit in Neuseeland, wo die Weltmeisterschaft stattfindet, Frühling herrscht. Sondern auch, weil sie in dieser Saison mit dem ersten Schweizer-Meister-Titel im Skiff (offene Kategorie) brilliert und an der Europameisterschaft mit dem Doppelvierer Bronze gewonnen hat.«Dieses Jahr war wie eine Belohnung für mich», sagt Nora Fiechter. Bei verbandsinternen Langstreckentests steigerte sie sich ebenfalls beträchtlich: Erstmals schaffte sie die 2000 Meter auf dem Ergometer unter sieben Minuten. Für diese Erfolge arbeitet die 29-Jährige seit Jahren. Und hart.

Auch an den WM auf dem Lake Karapiro möchte Nora Fiechter ernten. Als Captain des Doppelvierers gibt sie das Kommando für ihre Kolleginnen Regina Naunheim, Katja Hauser und Martina Ernst. «Wir wollen in den A-Final. Das ist ein hochgestecktes Ziel, weil viele der langsameren Boote auf die weite Reise verzichtet haben. Das Feld ist hochkarätig.»

In diesem Jahr findet die WM aussergewöhnlich spät statt. Deshalb hat Nora Fiechter die lange Saison quasi halbiert und auf zwei Höhepunkte hin trainiert. Nach den Weltcuprennen gabs eine Pause, ehe sie mit Ausdauertrainings ihre Form für die WM wieder aufbaute. Am meisten freut sich Nora Fiechter nun darauf, «gute Rennen zu fahren». Sie, die seit 1993 rudert, schwärmt noch immer für ihren Sport. «Das langsame Aufbauen der Spannung parallel zum Aufwärmen des Körpers; das Warten auf den Start, wo sich die Welt auf die Uhr, die Stimme des Starters und das rote Licht reduziert und im Rennen die Bewegung im Einklang mit meinen drei Kolleginnen - deshalb betreibe ich das Rudern auf diesem Niveau.»

Sightseeing statt Nachmittagsschlaf

Vor gut zwei Wochen flog das Team ab nach Neuseeland und bereitete sich im abgelegenen Mangakino auf die WM vor. Wenn Fiechter und ihre Kolleginnen nicht gerade trainierten, besuchten sie Sehenswürdigkeiten. Nicht nur, um von Neuseeland etwas zu sehen, sondern auch, «um uns über den Nachmittag hinwegzuhelfen, wo man nach Schweizer Zeit nur schlafen möchte». Auch das Hotel versuchte sein Bestes, um die Athleten optimal auf den Wettkampf vorzubereiten. So standen neben den sonst obligaten Fish'n Chips nach ein paar Tagen auch gesündere Mahlzeiten auf dem Speiseplan. Weil sich Nora Fiechter anfangs Trainingslager noch nicht ganz von einer Bronchitis erholt hatte, belegte sie ein Einzelzimmer. Nichts soll das Ziel A-Final gefährden.

Am Donnerstag zieht das Team um nach Cambridge, den grössten Ort in der Region des Lake Karapiro. In drei Tagen gilt es ernst mit dem Vorlauf. Captain Fiechter liebt Wettkämpfe: «Das Agieren, obwohl der Körper müde ist; das Gewinnen-Wollen und die Freude, wenn man merkt, dass mehr möglich ist, als man sich erhofft hätte.» Nora Fiechters zweiter Frühling - sie will ihn auch an der Weltmeisterschaft spüren.