22. Februar 2012

Gänsehaut trotz Corona: Erst hext Sommer, dann verpasst Stocker den Bayern den K.o.-Schlag

Dieses Bild sagt mehr als tausend Worte: Stocker jubelt, Robben schmollt.

Dieses Bild sagt mehr als tausend Worte: Stocker jubelt, Robben schmollt.

In der fussballfreien Zeit präsentiert die bz in einer Online-Serie die zwanzig emotionalsten FCB-Spiele der letzten zwanzig Jahre. Spiel 10 findet im Februar 2012 statt. Der schweizer FCB besiegt den deutschen FCB im Hinspiel in Basel mit 1:0 und träumt vier Wochen lang vom Champions-League-Viertelfinaleinzug. Hier sind die Bilder, die Highlights und der Matchbericht von damals. Mögen die Erinnerungen wieder aufgefrischt werden.

Die Bilder:

Die Highlights im ZDF-Video:

Das sagen die Bayern zu der Niederlage:

Das Telegramm:

..

Das Zitat:

Der Matchbericht von damals:

Titel: Sommer hält dicht und Stocker machts locker

Lead: Der FC Basel besiegt im Hinspiel der Champions-League-Achtelfinals den FC Bayern München mit 1:0

von Markus Brütsch und Sebastian Wendel (bz)

Das Champions-League-Märchen des FC Basel nimmt seinen Lauf. Dank eines Tors von Valentin Stocker, glänzend vorbereitet vom anderen Joker, Jacques Zoua, vier Minuten vor dem Ende, schlug der FC Basel den FC Bayern München 1:0 und schuf damit nach dem Sieg über Manchester United eine weitere Sensation. Mit einer taktisch glänzenden Vorstellung, einem fantastischen Goalie und dessen diszipliniert und unerschrocken kämpfenden Vorderleuten schaffte der Schweizer Meister ein Ergebnis, das kaum für möglich gehalten wurde und ihm beim Rückspiel in drei Wochen alle Optionen offenlässt, an die Tür zu den Viertelfinals zu klopfen.

Wäre man fünf Minuten vor dem Ende noch zufrieden damit gewesen, erstmals im siebten Champions-League-Spiel dieser Saison mit einem 0:0 ohne Gegentor geblieben zu sein, so war kaum zu fassen, dass die Basler gar noch zum Siegtor gekommen waren. Der Treffer von Valentin Stocker, jenes Mannes, der so lange verletzt gewesen war, gegen YB als Joker mit dem 2:2 gestochen hatte und nun für einen der grössten Siege einer Schweizer Klubmannschaft sorgte, war aus dem Nichts gekommen.

Zuvor waren die Basler vorwiegend damit beschäftigt gewesen, den dominanten Bayern die Räume zu verstellen und nichts anbrennen zu lassen. Noch nie in der bisherigen Kampagne der Königsklasse waren sie so wenig in Ballbesitz gewesen, wie gestern Abend. 41:59 lautete am Ende dieser Vergleich, für den sich die Münchner allerdings nichts kaufen konnten. Sie hatten, wie schon in einigen Bundesligaspielen in diesem Jahr, den Schlüssel zum Torerfolg nicht gefunden. Sie hatten vieles versucht, über die Flügel, durch die Mitte oder mit Distanzschüssen – allein der stabile Basler Abwehrverbund war nicht zu knacken. Und wenn dieser doch einmal einen Ball passieren lassen musste, dann stand da mit Yann Sommer ein Torhüter, der wohl das Spiel seines noch jungen Lebens machte.

Shaqiri mit solider Leistung

Und auch Xherdan Shaqiri zeigte gegen seinen künftigen Arbeitgeber eine gute Leistung. Zwar hatte er nicht die ganz grossen Szenen, doch war er sehr präsent und bewies den Münchnern, dass sie mit ihm einen guten Fang gemacht haben.

Das Spiel, das sich in der zweiten Halbzeit sehr oft in der Basler Hälfte abgewickelt hatte, war vor allem vor der Pause ausgeglichen und abwechslungsreich gewesen. Offensichtlich hatten die beiden Teams keine Geheimnisse voreinander und zur Freude des Publikums auf ein Abtasten verzichtet. Es schien, als wollten die Bayern gleich zu Beginn all die Kritik wegspülen, die zuletzt auf sie hereingeprasselt war. Mario Gomez und Franck Ribéry setzten erste Duftmarken im Strafraum, doch auch die Basler zauderten nicht, ihr Revier zu markieren.

Nachdem Yann Sommer mit einer Glanztat gegen Ribéry das 0:1 verhindert hatte, brachten die Gastgeber den St.-Jakob-Park zum Kochen, als sie innert drei Minuten zwei Mal nur die Torumrandung trafen. Zuerst zeigte Manuel Neuer, weshalb er in Deutschlands Nationalmannschaft die unangefochtene Nummer 1 ist. Mit einer starken Parade lenkte er den Kopfball des aufgerückten Innenverteidigers Aleksandar Dragovic an die Innenseite des Pfostens. Drei Minuten später hätten aber all seine Künste gegen den Schuss von Alex Frei nicht geholfen, doch hatte Neuer das Glück, dass die Latte die Führung des Schweizer Meisters verhinderte. Da war er wieder gewesen, dieser legendäre Bayern-Dusel, der sich zuletzt aber ziemlich rar gemacht hatte. Und dann, ab der 86. Minute im St.-Jakob-Park kein Thema mehr gewesen war.

FCB-Trainer Heiko Vogel: «Wir Harmonieren Perfekt»

Erst mal das eben Geschehene sacken lassen; das wollte Heiko Vogel nach dem sensationellen Sieg gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Bayern München. Als ihm FCB-Sprecher Josef Zindel zwei Minuten nach Schlusspfiff den bevorstehenden Pressemarathon erklären wollte, verdrehte Rotschopf Vogel die Augen. «Lass mich erst einmal...», gab er Zindel vor der tobenden Muttenzerkurve zu verstehen und drehte sich ab. Aber reden «musste» er dann doch noch. Und fand – welch Überraschung – nur lobende Worte für seine Spieler. «Die Mannschaft hat einen unglaublichen Willen und ein Urvertrauen in ihre eigenen Qualitäten. Wir harmonieren perfekt.» Das auch gestern perfekt ineinandergreifende Basler Gefüge ist laut Vogel ein Verdienst des harten Trainingsalltags. «Wir haben jeden Tag Freude an der Arbeit, und das zahlt sich aus.»

Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche war Valentin Stocker der meistgefeierte Mann der Basler. Im Super-League-Spiel gegen die Young Boys sorgte er in der letzten Spielminute für das 2:2, gestern setzte er mit dem Siegestor gegen Bayern noch einen drauf. «Es ist natürlich besonders schön, dass es das entscheidende Tor war», sagte der Krienser. «Schade ist nur, dass es noch ein Rückspiel gibt.» Dass er nach seiner langen Verletzungspause noch nicht die Kraft für 90 Minuten mitbringt, weiss Stocker. «Aber für 20 bis 30 Minuten kann ich etwas bringen.» Im Vorfeld des Spiels glaubten viele, Stocker würde nach seinem Tor in Bern den Vorzug vor Fabian Frei erhalten. Doch Heiko Vogel setzte auf den kämpferisch starken, gestern aber unglücklich agierenden Frei, um diesen dann durch den frischen Stocker zu ersetzen.

Dass ausgerechnet sein Joker stach, war für Vogel keine Überraschung: «Ich weiss ja, dass Valentin ein belebendes Element ist. Dass er getroffen hat, war kein Glück». Die Bayern-Profis gingen nach Schlusspfiff wortlos an den Journalisten vorbei. Sportdirektor Christian Nerlinger pfiff das Team in die Kabine. Was dort geschah, ist nicht bekannt. Dafür redete Präsident Uli Hoeness: «Ein Unentschieden wäre gerecht gewesen. Aber ich gratuliere den Baslern.» Und Trainer Jupp Heynckes ergänzte: «Ich bin überzeugt, dass wir das Ruder noch rumreissen.»

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