Loic Spiegelberg
Gegen alle Widrigkeiten: Wie ein Basler Skitalent mit den Berglern mithalten will

Ein Skiprofi aus der Region Basel ist ein scheinbarer Widerspruch. Loic Spiegelberg möchte die lang ersehnte Ausnahme sein.

Simon Leser
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Der 15-jährige Loic Spiegelberg aus Therwil will Ski-Profi werden. Seine Paradediszplinen sind Slalom und Riesenslalom.

Der 15-jährige Loic Spiegelberg aus Therwil will Ski-Profi werden. Seine Paradediszplinen sind Slalom und Riesenslalom.

CH Media

Die Ski-Saison ist in vollem Gange. Während sich die Stars um Wendy Holdener und Beat Feuz die Pisten herunterstürzen, ist vom Winter in Basel jedoch wenig zu sehen. Knapp eine Woche vor Weihnachten pendelt das Thermometer nicht um den Gefrierpunkt, sondern um die zehn Grad. Bei solchem Wetter erstaunt es wenig, dass Skiprofis aus der Region Basel rar gesät sind. Die nächstgelegenen grossen Skigebiete der Restschweiz sind beinahe zwei Stunden entfernt. Die Wintermonate an den eigenen kleinen Pisten – wie etwa auf den Wasserfallen in Reigoldswil – fallen vermehrt buchstäblich ins Wasser.

Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere sind wahrlich nicht die besten. Der letzte, dem dieses seltene Meisterstück gelang, war im Jahr 1994 der Baselbieter Heinz Karrer. 25 Jahre später trotzt mit Loic Spiegelberg ein weiteres regionales Talent den unvorteilhaften Bedingungen Basels und macht sich dran, es in der Zukunft mit den Weltbesten seines Fachs aufzunehmen. Der Therwiler weiss um die lange Durstrecke der Skiregion Basel, fühlt sich aber dadurch nicht unter Druck gesetzt: «Ich war vielmehr überrascht, als ich erfuhr, dass es überhaupt einmal einen Skiprofi aus der Region Basel gab», sagt Spiegelberg.

Ob die Zukunftshoffnung dereinst an einem Weltcuprennen die Piste runterbrettern wird, steht in den Sternen. Zu ungewiss ist der Karriereverlauf für einen 15-Jährigen. «Er steht national sehr gut da. Der Weg nach ganz oben ist aber noch weit», sagt René Lehmann, Bereichsleiter Alpin beim Regionalverband Schneesport Mittelland-Nordwestschweiz. In der vergangenen Saison fuhr Spiegelberg in seinem Jahrgang bei nationalen Rennen immer unter die besten Fünf. Vor allem in den technischen Disziplinen – Slalom und Riesenslalom – sieht sich Spiegelberg beheimatet. Um den Weg zum Profi-Dasein überhaupt bestreiten zu können, musste Spiegelberg in seinem jungen Alter bereits viel Aufwand investieren. Schon bei den wöchentlichen Skiausflügen mit seinen Eltern zeigte er im jungen Alter ein Talent für die zwei Bretter unter seinen Füssen.

Mit zwölf Jahren zog er in ein Ski-Internat im österreichischen Schruns. Obwohl er bereits früh das familiäre Nest verliess, plagte ihn nur selten Heimweh. «Der Auszug hat mir geholfen, selbstständig zu werden. Zudem war es erstmals möglich, direkt von der Wohnung auf eine Piste zu gehen», erklärt Spiegelberg. In diesem Sommer zog es ihn wieder zurück in die Schweiz, wo er derzeit in Davos die Sportmittelschule besucht. In der Bündner Alpenwelt feilscht er unter der Woche an seiner Kondition und Technik.

Der Vater hat Zweifel am teuren Leistungssport

Ohne die Unterstützung der Eltern ist eine Skikarriere für ein Talent, das nicht aus einem Bergkanton stammt, ein Ding der Unmöglichkeit. Neben dem logistischen Aufwand kostet der Weg zum Profi in erster Linie Geld. 40'000 Franken geben die Eltern Spiegelbergs pro Saison aus. Über all die Jahre hat sich bereits das Vierfache angesammelt. «Der finanzielle Aufwand, den wir betreiben, ist ein Irrwitz», gibt Vater Christian Elsässer zu. Liftkarten, Schulgeld, Skiservices und Benzin gehen ans Eingemachte. «Es wäre eigentlich sinnvoller, die 160'000 Franken in eine Ausbildung zu investieren, die einen Beruf ermöglicht.» Denn bei der Ausbildung zum Skiprofi bestehe immer die Gefahr, dass die Investitionen – abgesehen von der guten Lebensschule – keinen Ertrag bringen.

Nicht nur finanzielle Zweifel trieben Elsässer in der Vergangenheit um, sondern auch ganz Allgemeine: Ist der Leistungssport überhaupt der richtige Weg? «Ich bin Leistungssport gegenüber sehr kritisch eingestellt, weil in einigen Sportarten junge Körper teilweise richtiggehend verheizt werden», sagt Elsässer. Schliesslich überwog aber die Überzeugung, den Wunsch des Sohnes zu erfüllen.

Der Weg für Flachländler ist besonders steinig

Die Gefahr, den strengen Herausforderungen des Leistungssports nicht gewappnet zu sein, begleitet alle Sportler, egal aus welcher Landesregion sie stammen. In anderen Bereichen kommt für Spiegelberg aber erschwerend hinzu, dass er ein Flachländler ist und ohne Skipiste vor der Haustür aufwuchs. «Mit 16 Jahren müssten alle gleich viele Kilometer auf dem Schnee absolviert haben, egal ob Bergler oder Flachländler. Letztere haben zusätzlich den Aufwand der Anfahrten zu den Skigebieten. Deswegen ist es ganz klar schwieriger, als Flachländler den Sprung in ein Swiss Ski Kader zu schaffen », stellt Lehmann fest. «Bei den Athleten aus diesen Landesregionen braucht es eine sehr grosse Eigenmotivation. So müssen sie am Morgen etwa früher aufstehen, weil sie zuerst noch zum Skilift reisen müssen», fügt Lehmann hinzu.

Immer schneeärmere Winter, die besonders tiefer gelegene Skigebiete treffen, erschweren die Karriere zusätzlich. Die Entfernung zu den Skipisten sei auch der Grund, warum im Verband Mittelland-Nordwestschweiz, der für die Region Basel zuständig ist, kein Basler Kaderfahrer fungiert. Das bedeutet aber nicht, dass es keine ambitionierten Basler Skifahrer gibt. Spiegelberg fährt als hoffnungsvolles Talent einfach für einen anderen Regionalverband.

Genauso oft auf den Skiern wie die Bergler

Spiegelberg selbst relativiert die Bedeutung seiner Herkunft. Für ihn ist diese kein Nachteil. «Ich habe festgestellt, dass junge Skifahrer aus den Bergen nicht öfters auf den Skiern standen als ich», erklärt er. Auf seine für Wintersportler ungewöhnliche Herkunft werde er zwar angesprochen, aber nicht belächelt. «Für mich ist mein Sohn sowieso kein Flachländler mehr, da er seit drei Jahren in den Bergen lebt», sagt Elsässer. Nur am Anfang habe er ein bisschen mehr investieren müssen als andere. Durch den Umzug in die Berge wurden aber die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft gelegt. Und so lebt die Hoffnung, dass Spiegelberg Heinz Karrer als Basler Aushängeschild des Skisports einst ablösen wird.