Tischtennis

Gegen den Strom: Meister Rio-Star Muttenz hat dank eines besonderen Konzepts Erfolg

Präsident Michel Tschanz (links) und Captain Lionel Weber (rechts) sind zwei Gesichter des wieder erstarkten TTC Rio-Star Muttenz.

Präsident Michel Tschanz (links) und Captain Lionel Weber (rechts) sind zwei Gesichter des wieder erstarkten TTC Rio-Star Muttenz.

Vor drei Jahren wurde Rio-Star Muttenz als Serienmeister im Schweizer Tischtennis enttrohnt. Jetzt ist der Verein zurück an der Spitze und als Titelverteidiger erfolgreich in die neue Saison gestartet. Präsident und Captain der Muttenzer sind sich sicher: Der Erfolg liegt darin begründet, dass man vieles anders anpackt als die Konkurrenz.

Die elfjährige Dominanz war gebrochen, der König entthront: Serienmeister Rio-Star Muttenz musste sich im Playoff-Final 2016 gegen Wil geschlagen geben. Drei lange Jahre blieb die Vorherrschaft im Schweizer Tischtennis in der Ostschweiz. Nun aber ist Rio-Star zurück. Und wie: Mit einem Double-Gewinn meldeten sich die Muttenzer in der vergangenen Saison zurück.

«Wir wollten nicht in Aktionismus verfallen, wie es andere Teams an unserer Stelle vielleicht getan hätten. Wir sind geduldig geblieben, weil wir wussten, dass es zwei, drei Jahre dauern würde, bis wir wieder ganz vorne mit dabei sind», erzählt Michel Tschanz, der Rio-Star in der schwierigen Phase als Präsident übernahm.

Er habe dabei Vertrauen aus der Nachwuchsarbeit gezogen: «Wir hatten einige grosse Talente im Köcher. Wir wussten, dass sie noch einige Jahre brauchen, um auf Nati-A-Niveau zu kommen, uns dann aber enorm helfen können. Diese Zeit wollten wir ihnen geben.» Das Warten hat sich ausgezahlt: Rio-Star findet zu alter Stärke zurück – und auch in die neue Saison ist der Titelverteidiger gleich mit zwei Siegen gestartet.

«Wir sind glücklich über den Start, wissen aber auch, dass wir noch Luft nach oben haben», sagt Captain Lionel Weber. Auch der 23-Jährige ist ein Gesicht der Muttenzer Auferstehung. Er kehrte nach einem Abenteuer in der französischen Liga nach Muttenz zurück und wurde zum Leader einer jungen, hungrigen – und vor allem regionalen – Mannschaft.

Ohne Ausland-Profis zum Titel

Was Rio-Star von seinen Konkurrenten abhebt, ist, dass beim Meister kein einziger Legionär im Kader steht. Mit Weber, Cédric Tschanz und Pedro Osiro spielen sogar gleich drei Eigengewächse in der ersten Mannschaft. Hinzu kommt mit dem Zürcher Lars Posch ein weiterer Schweizer Topspieler.

Für den Reinacher und dreifachen Elite-Schweizermeister ist es bereits die siebte WM-Teilnahme.

Lionel Weber in Aktion - hier im Nationaldress.

Für den Reinacher und dreifachen Elite-Schweizermeister ist es bereits die siebte WM-Teilnahme.

«Normalerweise ist es sicher schwieriger, ohne Ausländer erfolgreich zu sein. Bei uns ist es aktuell eine spezielle Konstellation, weil wir vier der besten Schweizer Einzelspieler im Team haben, die alle im Nationalkader stehen. Darum sind wir nicht so stark auf ausländische Hilfe angewiesen», erklärt Weber, der viermalige Einzel-Schweizer-Meister. Mit Vereins-Urgestein Karl Rebmann kann das Team zudem auf einen verdienten Cheftrainer zählen.

Diese Kaderzusammensetzung sei etwas Einmaliges: «Ich kann mich nicht erinnern, dass in den letzten zwanzig Jahren einmal ein Team den Titel geholt hat, das nur aus Schweizern besteht. Das wollen wir nun schaffen», ergänzt er. Der unkonventionelle Muttenzer Weg sucht schweizweit seinesgleichen. Die regionale Verankerung sei ein langfristiges Konzept, wie Tschanz betont: «Wir wollen gezielt Spieler aus unserem Nachwuchs fördern und zur ersten Adresse für Talente werden. Unser Ziel ist es, mit den besten Schweizer Spielern die Liga zu rocken.»

Erfolgstrainer Karl Rebmann ist schon lange mit dabei.

Erfolgstrainer Karl Rebmann ist schon lange mit dabei.

Was Muttenz trotz mangelnder Legionärsverstärkung so stark macht, ist der Teamspirit, die Spieler kennen sich seit dem Juniorenalter. «Es macht enorm Freude, in diesem Team zu spielen. Wir machen uns besser, pushen uns, gönnen einander aber auch jeden Erfolg, weil wir uns schon so lange kennen. Das ist nicht selbstverständlich», sagt Weber. Auch abseits der Platte verbringt die Mannschaft viel gemeinsame Zeit, geht ins Kino oder schaut Football im TV.

Die Parallelen zum FC Basel

Komplett verzichtet man in Muttenz aber nicht auf einen ausländischen Profi. Der Chinese Chengbowen Yang spielt schon seit acht Jahren für die Baselbieter. Nun allerdings nur noch in der zweiten Mannschaft. Yang engagiert sich stattdessen als Trainer im Verein, soll vor allem den Nachwuchs besser machen. «Es ist sicher einzigartig, dass wir unseren ausländischen Profi einsetzen können, um den Nachwuchs und die Breite zu fördern, statt dass er für uns Punkte in der Nati A holt», sagt Tschanz und schiebt scherzhaft nach: «Dafür haben wir ja Lionel.»

Chengbowen Yang ist bei Rio-Star mittlerweile vor allem als Trainer aktiv.

Chengbowen Yang ist bei Rio-Star mittlerweile vor allem als Trainer aktiv.

Das Selbstvertrauen ist in Muttenz zweifellos zurück. Das Selbstverständnis des Klubs als Leuchtturm der Region in seiner Sportart war indes nie weg. Wer den Werdegang von Rio-Star studiert, erkennt Parallelen zum FC Basel: gerissene Meister-Serie, Präsidentenwechsel, stärkere regionale Verankerung als Ziel. Das alles klingt bekannt. Kann der FCB nachziehen und wie Rio Star den Thron erneut besteigen?

«Ich hoffe, dass unser Titel ein gutes Omen für den FCB ist. Und natürlich wünsche ich mir, dass wir im Sommer dann beide wieder die Meisterschaft feiern werden. Der Tischtennis-Superfinal findet nächsten Juni in Muttenz statt. Ein Heimsieg wäre mein Traumszenario», gibt sich Tschanz optimistisch. «Zuerst müssen wir uns aber einmal qualifizieren», relativiert Weber. Dass der Spieler die Euphorie des Präsidenten zügelt und nicht umgekehrt – es ist ein ungewöhnliches Bild. In Muttenz läuft eben alles ein wenig anders.

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