Schwimmen

Gegen den Strom: Schwimmerin Jill Reich macht ihre mangelnde Grösse mit viel Talent wett

Die 21-jährige Allschwilerin und frischgebackene Schweizer Meisterin Jill Reich.

Die 21-jährige Schwimmerin Jill Reich startet nach dem Gewinn der Schweizer Meisterschaft im 400m Freistil in ihr erstes Jahr als Profisportlerin. Die Allschwilerin wird dabei im Nationalen Leistungszentrum Tenero und in Rom trainieren - ihr grosser Traum sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Jill Reich ist ein Mensch, der viel lacht. Sein Herz auf der Zunge trägt. Die 21 Jahre alte Schwimmerin wirkt im Gespräch nicht wie eine verbissene Sportlerin, ihr Talent sieht man ihr gerade auch wegen ihrer mangelnden Grösse nicht an. Nicht selten ist die 1,60 m kleine Sportlerin deswegen mit ungläubigen Reaktionen konfrontiert. «Sobald ich Fremden erzähle, dass ich Schweizer Meisterin bin, bekomme ich zu hören: Ach was, du?!», sagt sie.

Immer wieder wird sie unterschätzt, schwimmt stets gegen den Strom – und feiert trotz ihrer Grösse einen Erfolg nach dem anderen. Zu verdanken hat sie das ihrer energiesparenden Technik. Seit ihrer Kindheit hat sie einen langen Zug, bezeichnet sich deswegen als kleine Rakete.

In den Schwimmsport, den sie seit 17 Jahren ausübt, ist Reich reingerutscht. Als jüngstes von vier Kindern wird sie wie ihre Geschwister in den Schwimmunterricht geschickt, begeistert dort schnell durch ihr Talent. Bereits in der Primarschule kann sie von Individuallösungen profitieren, besucht statt des Sportunterrichts Schwimmtrainings, um dem hohen Trainingsaufwand gerecht zu werden.

Als ewiges Talent verschrien

Auf die Sportsekundarschule in Pratteln folgt die Sport-BMS, die sie im Juni erfolgreich beenden konnte. Seit zwölf Jahren schwimmt sie für den Schwimmverein beider Basel, der in diesem Jahr sein 100-Jahr-Jubiläum feiert, nun soll ein Profijahr im Nationalen Leistungszentrum Tenero folgen. Teil davon wird ein mehrere Wochen andauernder Aufenthalt in Rom sein, wo Reich beim berühmten Verein Circolo Canottieri Aniene mittrainieren kann.

Von vielen als ewiges Talent verschrien, hat sie nun den Sprung geschafft. Trainer Tobias Gross, der Reich seit acht Jahren coacht und ihr grosses Potenzial attestiert, ist auf diese Entwicklung stolz: «Man wollte mir damals weismachen, dass es sich nicht lohnt, zu viel Zeit in ihre Ausbildung zu investieren. Im Nachhinein bin ich froh, nicht darauf gehört zu haben.»

Nun will sie nebst der Qualifizierung für die Kurzbahn-Europameisterschaften auch diese für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio in Angriff nehmen. Noch weiss sie nicht, wie realistisch das ist, zu viel hat sich im Leben der ehemaligen «Open Water»-Schwimmerin verändert, die sich erst seit eineinhalb Jahren voll auf das Schwimmen im Becken konzentriert.

Geglückter Start in ihr neues Leben als Profi

Zuversichtlich stimmt sie die Erfahrung beim Gewinn der diesjährigen Schweizer Meisterschaft im 400 m Freistil, dem ersten Wettkampf, den sie als Profi bestreiten konnte. «Weil ich wusste, dass ich danach keine Verpflichtungen habe, konnte ich mich noch mehr als sonst anstrengen», resümiert sie. Endlich kann sie von aller Last befreit ihren Sport geniessen. Sie liebt den stetigen Kampf gegen die Zeit, mag es, dass sie im Becken auf sich alleine gestellt ist.

«Hinter jeder Medaille steckt so meine eigene Geschichte», sagt sie. Doch bei Niederlagen wird der Vorteil der Sportart – die von Reich gepriesene Unabhängigkeit – schnell zu einem Nachteil. Wer auf sich allein gestellt ist, kann später nicht andere für seine Fehler verantwortlich machen. Für Reich keine leichte Situation: «Ich bin sehr emotional, als Privatperson, aber auch als Sportlerin», hadert sie mit sich.

Doch trotz dieses Makels wirkt die 21-Jährige reif. Während andere in ihrem Alter gerne jeglichen Zerstreuungen nachgehen, stellt Reich ihre Sportart an erste Stelle. Ein anderes Hobby als das Schwimmen kennt sie nicht. Nicht selten leidet ihr Privatleben unter ihrem Traum.

Hohe Ziele

Es zeugt von Stärke, wenn sie folgenden Satz von sich gibt: «Ich werde mich immer zuerst für den Sport entscheiden, auch wenn ich mich nach einer Absage oft schlecht fühle. Die Menschen um mich herum sind eine Bereicherung, aber sie helfen mir nicht dabei, meine Ziele zu erreichen.»

Diese sind ganz entgegen ihrer Grösse hoch. Endlich will die kleine Rakete international durchstarten – und mit ihrer Spezialtechnik und etwas Glück vielleicht auch bald an den Olympischen Spielen für Furore sorgen.

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