Kugelstossen
Gereift durch die Rückschläge – jetzt will Gregori Ott wieder auf die Erfolgsstrasse einbiegen

Ruhig ist es geworden um Kugelstoss-Hoffnung Gregori Ott. Doch der Liestaler hat nicht aufgegeben – trotz viel Belastendem in den letzten beiden Jahren.

Jörg Greb
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Ott erreichte dieses Jahr seine Bestwerte noch nicht.

Ott erreichte dieses Jahr seine Bestwerte noch nicht.

Rolf Spriessler

Wer mit Gregori Ott spricht, staunt. Der 22-Jährige wirkt altersatypisch reif. Er reflektiert, hinterfragt, denkt weitflächig. Und er hat, so scheint es, angenommen, was ihm widerfahren ist, ihn ausgebremst, ihm so sehr zugesetzt hat. Zuerst war’s die Autoimmunkrankheit, welche ihn im 2015 zurückband und zum Pausieren zwang. Im vergangenen Sommer raubte ihm ein Muskelfaserriss des Brustmuskels die Saison. «Wieso ich? Wieso schon wieder?» – diese beiden Fragen sind inzwischen nicht mehr zentral.

Nach einem «versöhnlichen Saisonende 2016», dem U23-Kugel-Schweizermeistertitel und im Folgewettkampf einer Weite von 17,33 m, wollte Ott die ersten Möglichkeiten in der Halle nutzen, um in einen den Vorstellungen entsprechenden Bereich vorzustossen.

Können im Wettkampf nicht abgerufen

Er scheiterte im Januar und Februar bei allen vier Wettkämpfen. Vier schier identische Bestweiten resultierten: 17,27; 17,51; 17,47 und 17,49 m – alle weit von seiner Bestmarke von 18,64 m und seinem U23-Schweizer Rekord entfernt und noch weiter vom Erhofften.

Nie und nimmer entsprachen diese Weiten den guten Trainings- und Kraftwerten. ◄4Ich hatte mich riesig gefreut zurückzukehren und mich wieder voll auf die Leistung zu konzentrieren», sagt er, „doch ich hatte unterschätzt, was zwei Jahre ohne richtigen Wettkampf bedeuten“, blickt er zurück und vermutet: «All meine Zweifel der letzten beiden Jahre schwangen irgendwie mit.»

Nichts erzwingen

Ott hat Zeit benötigt – Zeit um mit dieser Realität klarzukommen und seine jüngste sportliche Vergangenheit hinter sich zu lassen. Mittlerweile sagt er sich: «Ich hatte zwei gröbere Rückschläge, andere erwischt es 30 Mal.» Darin widerspiegeln sich die unzähligen Gespräche, welche er mit seiner langjährigen Trainerin Ursula Jehle geführt hat. Sie haben prägend gewirkt auf seine mentale Stabilität.

Das sich-Gedulden, das er in den letzten beiden Jahren immer wieder bis aufs Äusserste hart hat üben müssen, versucht er nun zu nutzen. «Ich kann nichts erzwingen, physische und psychische Bereitschaft müssen zusammenpassen für weite Stösse, und irgendwann wird dies der Fall sein.»

Wann dem so sein wird, kann er nur zum Teil beeinflussen. Zwar weisen die Kraftwerte in Richtung 20-m-Stösse, aber er weiss auch: «Damit diese Tatsache werden, muss es im Ring stimmen, muss ich loslassen, es geschehen lassen.» Sobald er zu denken beginne, sei’s vorbei mit Wunschweiten. Aufs Vertrauen in sich baut er. Die Angst des Scheiterns, die Erinnerung ans Gefühl, als der Brustmuskel riss, rücken Schritt für Schritt in den Hintergrund. Stattdessen betont er: «Ich visualisiere, wie’s läuft, wie ich 20 m stosse, 200 kg stemme.»

Vorfreude auf die Saison

Lockerheit, mit reiner Freude stossen, Spass haben – das sind Begriffe, mit denen sich das OB-Basel-Aushängeschild abgibt. Gelinge das, so könne es «nur gut kommen», ist er überzeugt. Und er sieht dem Einbiegen auf die Erfolgsstrasse und das Zurückfinden zu dem, was ihn einst nie hinderte, mit grosser Spannung entgegen.

«Ich werde früh in die Saison einsteigen», sagt er. Am Mittwoch reiste er nochmals für vier Tage zu Rolf Oesterreich, seinem Technikcoach und Drehstoss-Spezialisten nach Chemnitz (D). Um «die Feinabstimmung» geht es. Das 1.Mai-Meeting auf der Basler Schützenmatte bildet den Saisonauftakt. Es folgen Wettkämpfe «praktisch im Wochentakt».

Hohe Ziele

Überdenkt hat Ott in den vergangenen 20 Monaten sein Leben umfassend. Veränderungen aber nahm er keine wegweisenden vor. Das sportliche Umfeld ist geblieben – neben Jehle und Osterwald unterstützt ihn auch Jean-Pierre Egger, der Baumeister von Kugelstoss-Rekordhalter und Ex-Weltmeister Werner Günthör. Und die Frage nach seinem Status ist ebenfalls klar. Profi ist er seit 2015, und seither ist die Karriere ins Stocken geraten.

Doch «aufgeben ohne richtigen Stoss» will er nicht. Das zieht er nicht in Erwägung. Auch darum will er den kommenden Sommer nutzen. Die 20 m sind ein Ziel, die Limite für die Weltmeisterschaften im August in London (20,50 m) ebenso. Auf Ende Jahr aber zeichnet sich eine Änderung ab. Neben dem Kugelstossen wird sich Ott mit einer 20-Prozent-Belastung der Ausbildung zum Medizinischen Masseur widmen. «Ich will auch beruflich nutzen, was ich durch die Verletzungen an mir lernte», sagt er.