Europa League

Geschichtsträchtige Genugtuung: Der FCB und seine vierte Viertelfinal-Qualifikation in Europa

Dank eines 4:0-Gesamtskores gegen Frankfurt zieht der FCB zum dritten Mal in den Europa-League-Viertelfinal ein.

Dank eines 4:0-Gesamtskores gegen Frankfurt zieht der FCB zum dritten Mal in den Europa-League-Viertelfinal ein.

Der FC Basel zieht innerhalb von sieben Jahren in seinen dritten Viertelfinal ein – und schielt mutig auf den ganz grossen Exploit am Finalturnier.

Es ist schon weit nach Spielschluss, schon weit nach Mitternacht, als die Spieler des FC Basel auf ihren sozialen Medien Bilder teilen, ihre Freude über den Viertelfinal-Einzug in Worte fassen, sich gegenseitig feiern und Highlight-Videos hoch laden. Dabei wird vor allem ein Video mehrfach geteilt. Ein Video vom klubeigenen TV, zu hören ist Silvan Widmer. Er betont, welch beachtliche Leistung eine Teilnahme am Finalturnier der Europa League für einen Verein aus der Schweiz sei und erklärt, dass die Qualifikation für dieses Turnier ab Bekanntwerden dieses neuen Modus immer das Ziel des FC Basel gewesen sei.

«Ich hoffe, wir bleiben möglichst lange dabei. Wir gehen mit hohen Zielen dahin und müssen uns überhaupt nicht verstecken», spricht es aus dem Aussenverteidiger. Und mit dem Selbstvertrauen des besten Spielers des Abends fügt er an: «Wir haben in dieser Europa-League-Kampagne Eintracht zwei Mal geschlagen, Getafe zwei Mal geschlagen, Apoel Nikosia zwei Mal geschlagen – da soll der nächste Gegner nur kommen. Uns muss erst einer beweisen, dass er besser ist als wir.» Schnitt.
Es sind beachtliche Worte. Worte, für die ihn seine Teamkollegen abfeiern. Worte, die vielleicht etwas ambitioniert klingen, wenn man bedenkt, dass mit Inter Mailand, Bayer Leverkusen, Sevilla oder Manchester United noch ziemlich grosse Vertreter des europäischen Fussball mitspielen werden. Aber es sind eben auch Worte, aus denen eine gewisse Genugtuung zu spüren ist.

Negativrekorde in der Liga, Topwerte in Europa

Als Fabian Frei, ebenfalls bereits weit nach Spielschluss, aber noch kurz vor Mitternacht, an der Pressekonferenz als einziger Torschütze des Abends seine Gefühle zum Ausdruck bringen soll, zeigt er ein ähnlich grosses Selbstvertrauen wie Kollege Widmer. Und Frei lässt die anwesenden Medienschaffenden diese Genugtuung nicht nur spüren, er spricht sie auch direkt an. Es geht dabei weit darüber hinaus, dass die Basler in der Liga nur den ernüchternden dritten Rang geholt haben und sich folglich immer lauter werdender Kritik stellen mussten.

Es geht in Freis Worten vielmehr um den Glauben, oder eben den Nicht-Glauben an Exploits: «Vor ziemlich genau einem Jahr standen wir in Linz und mussten uns anhören, dass wir international nicht mehr gut genug sind (der FCB schied damals in der Qualifikation zur Champions League gegen den LASK aus (Anm. d. Red.). Und jetzt diskutieren wir über den Viertelfinal vom Dienstag. Es zeigt, dass wer nicht an uns geglaubt hat, falsch gelegen hat. Ich spüre etwas Genugtuung.» Denn ja, die Meisterschaft sei nicht so gut gewesen. «Aber die Europa-League-Saison, die war sehr, sehr gut.»

Freis Lob und Genugtuung kommt zurecht – und auch mit dem fairen Quervergleich zur Liga. Denn derweil der FCB dort so schlecht abschloss wie seit 2009 nicht mehr, so viele Niederlagen und so wenig Siege verzeichnete wie letztmals 2001 und darüber hinaus die niedrigste Punkteausbeute seit 17 Jahren aufweisen konnte, war die Saison in der Europa League bislang ein einziger Erfolg. Einer, der den Titel geschichtsträchtig mehr als verdient. Denn aus den acht Siegen aus zehn Spielen – dabei der erste auf spanischem Boden – sowie einer Serie der Ungeschlagenheit im Joggeli von zehn Partien sowie sieben Matches ohne Gegentreffer resultiert die erst vierte Teilnahme am Viertelfinal der Europa League.
Es sind historische Werte, die zu dieser nicht minder historischen Qualifikation führen. Zwar schaffte der FCB auch in der Saison 1973/1974 den Vorstoss bis in den Viertelfinal, damals aber noch im Wettbewerb mit den klingenden Namen Europapokal der Landesmeister. Es waren andere Zeiten.

Auf den Spuren von Murat Yakin aber mit besseren Chancen

Die Qualifikation vom Donnerstagabend aber gehört wie jene aus der Saison 2005/2006 (damals aber noch im Uefa Cup) und jene von 2012/2013 und 2013/2014 der Ära des modernen Fussballs an. Eine Ära, in der es dem kleinen FCB zum dritten Mal in sieben Jahren gelingt, ein Ausrufezeichen im Konzert der Grossen zu setzen. Die Kampagne 2012/2013 unter Trainer Murat Yakin, welche nach dem Viertelfinal gegen Tottenham erst im Halbfinale gegen Chelsea ihr Ende fand, war die erste Sensation. Die Qualifikation für den Viertelfinal gegen Valencia im Jahr darauf eine nicht weniger beachtliche Leistung. Und nun also folgt dieses Turnier der besten acht Teams im zweitgrössten europäischen Klubwettbewerb. Es ist ein Coup, den man ob des Abwärtstrends im nationalen Wettbewerb kaum erwarten durfte. Aber einer, der nach den gezeigten Leistungen auf internationalem Parkett gar von noch etwas mehr träumen lässt. Agiert der FC Basel wie am Donnerstag, oder besser noch wie in Frankfurt oder Getafe, dann ist ihm viel zuzutrauen. Offensiv agierende Teams, welche durch ihre eigenen Angriffsbemühungen Räume öffnen, liegen den Baslern.

Marcel Koller und die Frage nach seiner Zukunft

Mit Shakhtar Donezk wartet nun ein Team, welches durch seine prunkvolle, von Brasilianern besetzte Offensive, eben genau diesen, den Basler behagenden Spielstil pflegt. Ein «richtig dicker Brocken» sei der Gegner vom Dienstag, attestiert Trainer Marcel Koller. Er also, der ob der schlechten Ligaplatzierung so viel gescholten wurde, in der Europa League aber genauso seinen Anteil an der beeindruckenden Kampagne der Basler hat. Auch der Trainer des FCB dürfte an diesem Abend eine gewisse Genugtuung verspürt haben. Im Wissen, dass ihm wohl kaum einer diesen internationalen Exploit zugetraut hatte.

Aber statt sich am Erfolg freuen zu können, sah sich der Trainer mit neuerlichen Diskussionen um seine Person konfrontiert. Ähnlich schon, wie kurz nach dem Sieg im Cupfinal 2019, musste er gleich an der Pressekonferenz nach dem Spiel Fragen zu seiner Zukunft beantworten. Sein Chef und FCB-Sportchef Ruedi Zbinden hatte im Pauseninterview von Gesprächen mit Trainern für die kommende Saison gesprochen. Ob er auch einer von jenen sei, mit denen geredet werde, wurde Koller gefragt. «Es ist nicht der Zeitpunkt, zwischen den Spielen Vertragsgespräche zu führen», konterte er, Profi wie er ist. Um zu ergänzen: «Wenn es klappt und wir zusammen bleiben, geht es sowieso gleich weiter. Wenn nicht, sage ich danke und tschüss.»

Doch vor dem sehr wahrscheinlichen «Tschüss» wird noch gespielt. Mal sicher gegen Donezk. Und vielleicht danach gegen Inter Mailand oder Leverkusen. Wer weiss. Es wäre ein weitere Genugtuung. Dann sicher auch eine für Koller. Und eine, die, wenn man Silvan Widmer glaubt, gar nicht so unrealistisch ist.

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