Chefscout

Goldgräber auf gefährlicher Mission: Seine Funde bringen dem FCB Millionen ein

Ruedi Zbinden hat ein Blackout. «Ich habe so viele gute Geschichten zu erzählen, und genau jetzt fällt mir keine mehr ein.» Dann herrscht Ruhe. Zbinden denkt nach. Dann hat er einen Geistesblitz. Auf einmal sprudeln die Geschichten aus dem 59-Jährigen heraus.

Jene beispielsweise, die sich vor zwei Jahren in Kolumbien zugetragen hat. An den bisher exotischsten Ort seiner Karriere habe er fahren müssen, «stundenlang mit dem Auto über Hügel und Landschaften, mit dem Wissen, dass es dort zahlreiche Überfälle gibt. Es war Abend und mir nicht ganz wohl dabei.» Im Stadion angekommen, sah er ein Match, bei dem sich die Spieler kaum bewegten. «Es war noch immer etwa 40 Grad, die Luftfeuchtigkeit war brutal. Wie hätte ich da einen Spieler bewerten sollen?»

Oder es gäbe die Geschichte seines Ausflugs in eines der gefährlichsten Dreiecke der Welt – jenem um die Iguaçu-Falls. «Die Leute haben mir abgeraten, da hinzugehen.» Genau so wie in Uruguay. Dort endete das Spiel in einem Abbruch, acht Spieler wurden verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. «Alles nur wegen einem Foul! Das war unglaublich. Und die Partie zuvor richtig langweilig.»

Ja, wenn Ruedi Zbinden mal ins Erzählen kommt, dann reiht er Geschichte an Geschichte, eine faszinierender, spannender und verrückter als die andere. Zbinden ist Chefscout des FC Basel. Seit 2002 übt er diesen Beruf vollamtlich aus, war zuvor Assistent von Christian Gross, Juniorentrainer der Degen-Zwillinge und von Marco Streller und noch früher selber Spieler. «Sofort» hätte er als Scout den Spieler Zbinden verpflichtet, sagt er und lacht. «Ich hatte mich aber nie wirklich im Griff auf dem Platz, war etwas verrückt. Deshalb schaue ich heute bei potenziellen Neuzugängen darauf, ob sie mit dem Schiedsrichter diskutieren oder sonst für Lämpen sorgen.»

Vom Gelächter zum roten Teppich

Getäuscht hat ihn seine Einschätzung selten. Zbinden, der die FCB-Scouting-Abteilung als Einzelmaske und aus Eigeninitiative ab Herbst 2001 aufzubauen begann, hat dem FC Basel viele seiner ganz grossen Perlen beschert. Ob nun die Verpflichtung Strellers zu Nachwuchszeiten oder Stützen für die erste Mannschaft wie Franco Costanzo, Christian Giménez, Scott Chipperfield, Julio Hernán Rossi, Matías Delgado, Manuel Akanji, Eder Balanta oder Blas Riveros. Für sie alle und noch unzählige weitere zeichnet Ruedi Zbinden verantwortlich.

Zbinden war einst im Winter 1981 als Spieler zum FCB gestossen und hat diesen seither nie mehr verlassen. Hinter Gusti Nussbaumer ist er damit dienstältester FCB-Mitarbeiter. Mit jedem Spieler, den er zum FCB gebrach hat, «verbinde ich noch immer eine Aktion, die den Spieler für mich unvergesslich gemacht hat und bei der ich wusste: den müssen wir haben.»

Scott Chipperfield: Ihn hat sich Chefscout Ruedi Zbinden nicht persönlich angeschaut – trotzdem kam der Australier zum FCB.

  

Seine Vorgehensweise ist seit je her gleich geblieben. Jeden Spieler schaut er sich einmal selber an, vorher kommt er nicht zum FCB - mit Ausnahme von Chipperfield. «Der Flug damals wäre teurer gewesen als der Spieler selber.» Er schaut die Spiele alleine, ruhig, konzentriert. «Die Menschen meinen manchmal, dass ich schlafe.» Dabei ist es das komplette Gegenteil. In diesem Business, dessen grösste Veränderung das Tempo ist, mit welchem Spieler entdeckt, umworben und verpflichtet werden, ist er eine Koryphäe. Anfangs wurde er in Südamerika belächelt. Agenten haben ihn vergessen am Flughafen abzuholen. Er sollte zu Zweitliga-Spielen abgeschoben werden, «da deren Niveau für die Schweizer Liga ja reiche. Die waren es sich gewohnt, mit den grossen Ligen zu verhandeln, nicht mit dem kleinen FCB.»

Zbinden und Giménez

Dank Zbinden, dessen Nase und Netzwerk, und den Exploits in Champions und Europa League, hat sich der FCB einen Ruf erarbeitet, der dazu führt, «dass sie mir fast schon den roten Teppich ausrollen.» Zbindens Ruf ist mittlerweile von solchem Format, dass er schon diverse Angebote aus dem Ausland hatte. «Ich habe mir aber nie auch nur einen Vertrag angeschaut. Ich wollte immer nur beim FCB sein.»

Christian Zbinden hatte ein Händhcen für Südamerikaner, speziell Argentinier: Matias Emilio Delgado (v.l.), Christian Gimenez und Julio Hernan Rossi.

  

Der Erweckungsmoment dieser Verbundenheit war der 7. November 1973. «Es war das 6:4 des FCB gegen Brügge. Ottmar Hitzfeld schoss drei Tore, im Mittelfeld dirigierte Karli Odermatt – der für mich beste FCB-Spieler aller Zeiten – und mit Teófilo Cubillas spielte ein Peruaner bei Basel, was damals noch etwas Spezielles war. Das war ein Erlebnis. Seit diesem Zeitpunkt bin ich einfach rotblau.» Das Ziel, irgendwann beim FCB zu spielen und zu arbeiten, hatte er dennoch nie. Als Junior gab es mal ein Angebot, Zbinden aber lehnte ab, da ihn Nordstern mehr überzeugte. Mit den Kleinbaslern schaffte er es bis in die Nati A. Und sein dortiges Engagement sollte sich später auszahlen. Sein damaliger Trainer, Konrad Holenstein, hatte am Transfer eines gewissen Christian Giménez zum FC Lugano mitgewirkt.

«Als wir Giménez zum FCB locken wollten und uns mit Lugano nicht einigen konnten, habe ich Holenstein angerufen, ihm das Versprechen abgerungen, dass Giménez am nächsten Tag beim FCB auf der Matte steht und den Spieler, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt beim Medizincheck war, zurück an den Flughafen gefahren und heimgeschickt.» Tags darauf stand Giménez tatsächlich beim FCB vor der Tür. Heute sagt Zbinden, Giménez sei wohl die wertvollste Verpflichtung gewesen. «Er war für den Verein aber auch für mich persönlich von enormer Bedeutung. Für den Klub hat es eine neue Zeit eingeläutet mit Titeln und Toren, und mir hat es gezeigt, dass ich das richtige Gespür habe.»

Auch Zbinden hatte Fehlgriffe

Es war der Startschuss der Erfolgsgeschichte des Scouts Ruedi Zbinden. Heute hat er ein Team von vier Leuten um sich, schaut pro Woche fünf Live-Spiele und checkt täglich bis zu 20 neue Angebote. Angst, Fehler zu begehen, habe er nicht. Druck, den verspüre er aber. «Wenn einer nicht gut beginnt, fragst du dich schon: Haben wir den falschen Spieler geholt?» Fehlgriffe hatte auch er. Sie hören auf Namen wie César Carignano oder Yoichiro Kakitani. Viel länger aber ist die Liste jener Spieler, die dem FCB Erfolge und Millionen eingebracht haben.

Einer von Zbindens Fehlverpflichtungen: Yoichiro Kakitani.

  

Wie gross sein Anteil daran ist, darüber mag er nicht reden. «Ich muss jetzt dafür sorgen, dass ich ein paar gute und richtige Neue bringe.» Wie wichtig sein Auge war, wolle er vielleicht dann beurteilen, wenn er pensioniert sei. Bis dann hat er noch viel vor. Er will noch mehr Titel gewinnen. Noch mehr künftige Millionen-Talente entdecken. Und noch mehr gute Geschichten erleben, die er dann irgendwann erzählen kann. Wenn er gerade kein Blackout hat.

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