Curling
Grossraum Basel: ein Mekka ohne Aushängeschild

Die Besten der Welt messen sich regelmässig in der Region Basel, doch eigene Spitzenteams fehlen. Man wolle jedoch nichts mit der Brechstange erzwingen und keine Spieler einkaufen, obwohl diese Transferpolitik im Curling inzwischen gang und gäbe ist.

Andreas Fretz
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Ralph Stöckli und Skip Markus Eggler (r.) an den Olympischen Spielen 2010.

Ralph Stöckli und Skip Markus Eggler (r.) an den Olympischen Spielen 2010.

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Nach 2006 und 2012 wird Basel in einem Jahr wieder einen Curling-Grossanlass durchführen: Die Weltmeisterschaft der Männer findet im April 2016 in der St. Jakobshalle statt. Nach den erfolgreichen Durchführungen der EM 2006 (für beide Geschlechter) und der Männer-WM 2012 hätten die Basler Organisatoren eigentlich erst für 2022 wieder kandidieren wollen.

Für 2016 wäre Schweden vorgesehen gewesen, dessen Landesverband dannzumal sein 100-Jahr-Jubiläum feiert. Die Schweden konnten jedoch dem Weltverband WCF kein sicheres Konzept vorlegen, weshalb sich dieser nach anderen Möglichkeiten umsah. Die erfahrenen Basler Organisatoren waren flugs zur Stelle und stachen mit ihrer Bewerbung mehrere Konkurrenten aus, so auch drei verschiedene aus den USA. Seit den Urzeiten der WM wurde keine WM mehr innerhalb so kurzer Zeit zweimal am gleichen Ort durchgeführt wie jetzt in Basel. Den bisherigen Rekord hielt Bern mit den Männer-Weltmeisterschaften 1974 und 1979.

Schmerzhafte Entwicklung

Der Raum Basel ist im nationalen und internationalen Curlingkalender eine feste Grösse. Doch seit geraumer Zeit mangelt es an Spitzencurlern aus der Region. Vor zehn Tagen fand in Arlesheim, dem eigentlichen Curling-Mekka der Nordwestschweiz, die zweite Qualifikationsrunde für die Schweizer Meisterschaft der Swiss Curling League statt. Zwölf Männerteams kämpften um die verbliebenen drei Finalplätze. Regionale Teilnehmer: Fehlanzeige.

«Diese Entwicklung schmerzt», sagt Markus Eggler. Der 46-Jährige, der heute in Muttenz wohnt, war das letzte männliche Aushängeschild des Curling Clubs Basel-Regio. In Salt Lake (2002) und Vancouver (2010) holte er Olympia-Bronze, an Weltmeisterschaften einen kompletten Medaillensatz. Mittlerweile betreibt der Geschäftsführer einer Druckerei Curling nur noch als Hobby. «Ab meinem 20. Altersjahr war die Curlinghalle in Arlesheim mein zweites Wohnzimmer», sagt Eggler mit Blick auf seine Aktivzeit.

Die ersten Curling-Klubs in der Region wurden vor gut 50 Jahren gegründet. Gespielt wurde auf den drei Rinks (Eisbahnen) beim Allschwiler Weiher und der 1-Rink-Anlage bei der KEB Margarethen. Anfang der Siebzigerjahre löste die Arlesheimer 5-Rink-Halle einen regelrechten Junioren-Boom aus. Mit positiven Folgen: 1979 waren es die ehemaligen Juniorinnen Gaby Casanova, Rosy Manger, Linda Thommen und Betty Bourquin, die in Perth den WM-Titel holten. 1990 folgte mit dem Junioren-WM-Titel von Stefan Traub, Roland Müggler, Markus Widmer und Andreas Oestreich der nächste internationale Erfolg. In diesem Jahrtausend sorgten die Basel Ysfäger und Basel-Regio für Titelgewinne.

Transfers wie im Fussball

Heute ist man im Breitensport gut aufgestellt. 28 Clubs spielen im Curlingzentrum Region Basel (CRB) in Arlesheim, wie Präsident Rolf Gantenbein sagt. «Es ist aber bedauernswert, dass wir in der Elite derzeit niemanden haben», findet auch er. Man wolle jedoch nichts mit der Brechstange erzwingen und keine Spieler einkaufen. Diese Transferpolitik, ähnlich dem Fussball, ist im Curling mittlerweile gang und gäbe. Auch die Frauen von Basel-Regio fielen diesem Gebaren zum Opfer. Als Skip Manuela Siegrist 2013 von Basel nach Aarau wechselte, verschoben die übrig gebliebenen Spielerinnen ihren Standort nach Baden. «Viele Vereine sind sehr aktiv in der Verpflichtung von Spielern, wir eher weniger», sagt Andreas Oestreich, der ehemalige Junioren-Weltmeister und heutige Wettkampf-Verantwortliche des CRB.

Dass aber ein regionales Aushängeschild fehlt, bekommt das Zentrum bei grossen Turnieren zu spüren. «Als Markus Eggler hier spielte, sassen viele Leute auf der Tribüne. Heute kommen nur noch die wirklich Curling-Interessierten», sagt Oestreich. Er wie auch Markus Eggler führen die derzeitige Baisse auf natürliche Schwankungen zurück. Die Infrastruktur ist vorhanden, der Nachwuchs auch. Früher oder später, so die Überzeugung, wird sich eine Truppe formieren, die den Sport wieder mitten im Mekka ausüben wird.