Haben Sie das Gefühl, sich als Leiter des FCB-Engagements in Indien rechtfertigen zu müssen?

Massimo Ceccaroni: Ich sehe es nicht als Rechtfertigen an. Ich stehe einfach für ein Projekt ein, von dem ich überzeugt bin. Natürlich, ich kann nicht einmal in die Migros gehen, ohne dass mich jemand anspricht und mich fragt, ob ich schon in der Curry-Abteilung war. Dann muss ich lachen, es entsteht ein offener Dialog und gut ist. Am Ende des Gesprächs sind die meisten dann auch von diesem Engagement überzeugt.

Was erzählen Sie denn? Was haben Sie bei Ihren Indien-Besuchen angetroffen?

Ein riesiges Potenzial bei Spielern, Trainern und Infrastruktur. Man kann sehr viel neu aufbauen, aber man kann auch viel bereits Bestehendes verbessern. Es hat sehr viele Jugendliche, die Fussball spielen wollen. Die Trainer sind zwar motiviert, engagiert und interessiert, aber sie bringen noch nicht die nötigen fachlichen Qualitäten mit, um die Spieler besser zu machen. Daran muss man arbeiten. Das ist auch meine primäre Aufgabe, die Leute vor Ort, mit denen wir arbeiten wollen und werden, besser zu machen.

Worauf liegt das Hauptaugenmerk des Projekts?

Darauf, ein eigenes Leistungszentrum zu bekommen, ähnlich wie den Nachwuchs-Campus hier.

In welchem Zeitrahmen soll das realisiert werden?

Das hängt primär davon ab, wie schnell man Land findet und wie schnell es mit dem Aufbau vorwärtsgeht. Gemäss unseren indischen Freunden geht dort alles viel schneller als hier. Das Ziel ist auf jeden Fall, dass wir dieses Jahr noch mit dem Aufbau des Leistungszentrums beginnen. Dort sollen die ganze Nachwuchsabteilung sowie die erste Mannschaft untergebracht sein.

Wie kam es zu diesem Projekt?

Die Besitzer von Chennai City FC haben in Europa mehrere Ausbildungsvereine angeschaut. Die beiden sind sehr personenbezogen, und dadurch, dass ich ihnen den Campus gezeigt und erklärt habe, was wir hier die letzten sieben Jahre erschaffen haben, habe ich einen Bezug zu ihnen aufgebaut. Ich habe ihnen erklärt, dass die Leute, die auf einem Campus arbeiten, entscheidend sind. Da uns die Leute hier besucht haben und Chennai das Ziel hat, genau dasselbe auch in Indien aufzubauen, muss jemand hingehen, der diese Ideen vermitteln kann. So hat man mir die Verantwortung für die sportliche Entwicklung dieses Projektes gegeben.

Der FCB hat eine klare Ausbildungsphilosophie, zu der auch das duale Bildungssystem, gehört. Etwas, das Chennai ebenfalls bereits vorlebt und weiter praktizieren will.

Genau, das hat mich sehr beeindruckt und davon bin ich ein grosser Fan. Jeder Spieler von ihnen geht in die Schule. Ihr Ausbildungssystem ist sehr gut, aber auch sehr militärisch. Das ist sehr speziell und gewöhnungsbedürftig, aber es zeigt auch, dass für sie die Bildung neben dem Sport auf hohem Niveau wichtig ist. Das entspricht auch unseren Prinzipien. Ohne Entwicklung einer guten Persönlichkeit wird man auch kein guter Profisportler.

Sie können nicht immer vor Ort kontrollieren, dass all das perfekt läuft. Wer tut dies in Ihrer Abwesenheit?

Das wird sich zeigen. Ich werde bald wieder nach Indien gehen und dann schauen, welcher dortige Trainer das Profil hat, um das Nachwuchszentrum zu leiten und weiterzubringen. Vielleicht kommt auch heraus, dass jemand von uns ein Jahr lang dort die Aufbau-Arbeit begleiten muss. Aber das ist ein Prozess, dessen Entwicklung wir noch nicht genau voraussagen können.

Was macht Sie sicher, dass das Engagement des FCB in Indien ein Erfolg wird?

Das, was wir hier haben (zeigt auf den Campus). Die Leute vor Ort in Indien werden das Projekt auch auf ein Niveau bringen, das sehr interessant ist und von dem die Spieler in Indien profitieren können.

Es gab diverse Vereine, die den Schritt nach Indien gewagt haben, sich aber wieder zurückgezogen haben.

Das ist für uns noch mal eine zusätzliche Herausforderung. Das ist auch ein Grund, weshalb wir mit diesem Thema sehr selektiv und vorsichtig umgehen und erst einmal schauen, was uns erwartet. Die anderen aber hatten vielleicht einfach die Vorstellung, dass es sowieso klappen wird, ohne eine genaue Strategie bezüglich der Vorgehensweise zu haben. Wenn man die nicht hat, dann scheitert ein solches Projekt.

Wie die Finnen, die sich vor dem FCB bei Chennai engagierten?

Dazu möchte ich mich nicht äussern. Wir kennen weder den finnischen Verein genauer noch die damalige Situation.

Wie wird der FCB profitieren?

Für mich hat es einen rein sportlichen Hintergrund. Ich bin zwar im Verwaltungsrat des FC Basel, aber ich bin in erster Linie ein Ausbildner. Ich will den Jungs in Tamil Nadu, der Region, in der die Stadt Coimbatore liegt, den Fussball näher bringen, sie besser machen und ihnen ermöglichen, dass sie irgendwann Fussballprofi werden können. Das muss nicht zwingend beim FCB sein. Fussball wird nicht nur in Europa gespielt. Sollte einer dereinst für ein paar Millionen verkauft werden, ist das ein schöner Nebeneffekt. Aber das ist für mich nicht im Mittelpunkt.

Wie beurteilen Sie die Gefahr der Verzettelung? Der FCB tanzt mit E-Sports und dem Indien-Projekt auf zwei grossen Hochzeiten, während das Hauptaugenmerk bei der Liga sein sollte.

Ich kann verstehen, dass es Zweifel gibt. Aber wir wollen uns immer verbessern. Dazu müssen wir neue Quellen erschliessen – sportlicher Natur – mit einem vernünftigen Investment. Genau das machen wir jetzt. Wir sehen es als eine Investition in die Zukunft und die Jugend. Man muss offen sein für neue Projekte, wenn man als FCB weiterhin auf diesem Niveau Fussball spielen will. Wenn ich sage auf diesem Niveau, rede ich vom Meistertitel und der Qualifikation für das internationale Geschäft. Wenn wir uns immer nur hier bewegen, nicht offen werden und andere Möglichkeiten suchen, dann wird es schwierig, wieder einmal so konkurrenzfähig sein wie wir das die letzten Jahre vor allem auch international waren.

Heisst das im Umkehrschluss, dass der FCB nach Indien gegangen ist, weil man in Südamerika und Afrika mit den big players nicht mithalten kann?

Nicht mithalten würde ich nicht sagen. Wir haben nicht dieselben finanziellen Mittel wie zum Beispiel Chelsea, die beiden Manchester oder Red Bull. Von dem her ist es für uns in Afrika oder Südamerika schwieriger. Und deshalb ist es umso sinnvoller, in einem grossen Land zu investieren, wo das fussballerische Potenzial aber durchaus vorhanden ist.

Wieso ist der FCB der erste Verein, der in Indien investiert, während die Grossklubs darauf bislang verzichteten?

Grossklubs wollen immer die absolute Sicherheit haben, dass sie etwas aus ihrem Investment bekommen. Aber die kann man nie haben. Ausserdem muss bei den grossen Vereinen alles schnell gehen, das sieht man ja auch bei den Transfers. Da wird innerhalb von drei Tagen entschieden, dass man einen Spieler braucht, und dieser dann für 100 Millionen verpflichtet. Wir hingegen haben uns Zeit gelassen und uns davon in Ruhe überzeugen können.

Die Fans sind nicht überzeugt. Sie haben ihren Unmut geäussert. Sie sind ein Fanliebling und stehen jetzt dafür, was der Kurve nicht gefällt.

Das sehe ich überhaupt nicht so. Ich stehe genau für das, was der FCB nach aussen trägt, und dafür, wofür sich die Muttenzerkurve auch einsetzt: Dass es unserem Verein gut geht und dass wir die Farben des FCB respektieren. Diese Farben trage ich stets im Herzen, bei allem, was ich tue.

Sie haben mit der sportlichen Leitung des Indien-Projektes eine dritte Funktion bekommen neben jener als Nachwuchschef und Verwaltungsrat. Wie kriegen Sie alles unter einen Hut?

Man muss sich ziemlich gut organisieren. Es hängt vom Interesse und der Motivation ab. Für mich ist es unglaublich spannend, für den FCB etwas Neues erschliessen zu dürfen. Das braucht viel Zeit, und ich muss auf vieles verzichten. Momentan ist morgens bis abends einfach nur Fussball. Alles andere hat keinen Platz.

Auch die Familie nicht?

Das ist leider etwas, was aktuell zu kurz kommt. Das beschäftigt mich auch. Wenn ich weg bin, sehe ich meinen Sohn nicht mehr so oft. Aber wir kriegen das gut hin.

Wie hat er das aufgenommen?

Er hat das noch nicht ganz verstanden (lacht) Er ist erst acht. Ich habe ihm einfach gesagt, dass ich immer wieder zurückkomme, und für ihn sind zwei, drei Wochen manchmal wie zwei, drei Tage.

Wann spielt der erste Inder in Europa?

Ich denke, in zwei, drei Jahren. Es hat bereits jetzt Spieler, die nicht so schlecht sind, ohne dass wir etwas gemacht haben. Die könnten problemlos in unserer U21 spielen und nach einem halben Jahr, wie auch unsere Spieler vom Nachwuchs, dann mit der ersten Mannschaft mittrainieren.

Und andersrum? Welche Rolle spielt es, dass Drittstaaten-Bürger, die erst in der Schweiz spielen dürfen, wenn sie zuvor ein Jahr in einem anderen Land als Profi gespielt haben, diese Erfahrung bei Chennai sammeln könnten?

Natürlich ist das eine Überlegung. Indien hat zwei Profi-Ligen. Warum also nicht einen Spieler der U21, der die Ausbildung fertig hat und noch nicht den Sprung in die erste Mannschaft schafft, nach Chennai schicken für ein Jahr? Es wäre ja naheliegend, würde man sich diese Überlegungen machen. Aber davon sind wir noch weit entfernt.