Der Intelektuelle

Ivan Ergic über Basel: «Ich habe hier die schlimmsten und die schönsten Erfahrungen gemacht»

Der Fussball brachte Ivan Ergic nach Basel und liess ihn schöne und schlimme Erinnerungen erleben – gegen den Ball tritt er längst nicht mehr, aber der Stadt Basel bleibt er verbunden.

Und dann lacht Ivan Ergic. Nach einem langen Gespräch über die Abgründe des Fussballs, seine Depression, den Krieg in Jugoslawien und die Flucht nach Australien, seine Gedichte und seine Zukunftspläne geht es um Ivan Rakitic. Kaum hatte dieser 2007 zu Schalke gewechselt, wurde er mit Routinier Mladen Krstajic im Ausgang erwischt. Seite 1 in der «Bild-Zeitung». Rakitic und Krstajic mit Champagner und Zigarette in der Hand. «Ich habe mich kaputt gelacht», erinnert sich Ergic. Dann lacht er wieder und sagt: «Da merkte ich, dass die Deutschen noch vorsichtiger sind als die Schweizer, die haben ihre Informanten auch in den Jugo-Discos.»

Christian Gross, der Trainer, der Basel nach 22 Jahren den ersten Meistertitel bescherte, hätte solches Fehlverhalten wohl ähnlich bestraft wie Schalke. Rakitic und Krstajic wurden für das Champions-League-Spiel gegen Rosenborg Trondheim aus dem Kader geworfen. Aber so pedantisch Gross auch war, es gab Blindflecke. Ergic: «Er hatte in jedem grösseren Klub in Zürich und Basel seine Spitzel.» Doch in den Jugo-Discos – wie dem «Chill» in Dietikon oder dem «Atlantis2 in Olten – versagte sein Radar. «Da sind Rakitic und Kuzmanovic auch ein, zwei Mal mitgekommen», sagt Ergic. Er war damals Captain, sagt aber: «Ich hätte sie nie im Leben verpfiffen, habe ihnen einfach gesagt, dass sie drei Tage vor einem Spiel nicht in den Ausgang gehen sollen.»

Zerbrochen an den Erwartungen

Die zwei Jahre als FCB-Captain (2006 bis 2008) waren mit die schönsten, die Ergic in Basel erleben durfte. «Da hatte ich keine Angst, war das Gefühl endlich los, dass ich dem Trainer immer hörig sein müsse», sagt er. Er machte keinen Hehl mehr daraus, dass er mit Gross nicht einig ist, wenn es um die Spielphilosophie geht. «Wir hatten technisch so starke Spieler, da fand ich diese Resultatfixiertheit einfach schade. Basel hätte mehr Spielkultur verdient gehabt.» Dass er dafür hin und wieder im Büro des Trainers antraben musste, nahm er schulterzuckend in Kauf. Die Depression hatte ihn stark gemacht, sie hatte ihn befreit. «Meine Krankheit hat so vieles relativiert. Es war ein Reset, eine der besten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe.»

Die schönen Erinnerungen von Ivan Ergic während seiner Zeit beim FCB: 

Im Sommer 2004 ging nichts mehr. Ergic musste in die Universitätsklinik eingeliefert werden. «Ich hatte ausgeprägte körperliche Symptome: Am Anfang waren Atemschwierigkeiten, irgendwann konnte ich mich nicht mehr bewegen, schlief nicht mehr, hörte Stimmen», sagt er. Mehr als zwei Monate wird er stationär behandelt. Verschiedene Faktoren hätten ihn krank gemacht. Die frühe Trennung von der Familie, die Verletzungen und der Druck. «Ich komme aus einer grossen Familie. Fast alle waren Flüchtlinge, die finanzielle Unterstützung erwarteten», sagt er. Hinzu kamen die Erwartungen des Trainers, der Fans, des Klubs. «Ich war sehr jung und zu fragil», gibt er unumwunden zu.

Zwischen Belgrad und Basel

Ergic erholt sich unter der Aufsicht von Professor Franz Müller-Spahn. «Ich wollte aufhören. Aber er überzeugte mich, weiterzumachen. Er sagte mir, dass ich nicht wüsste, ob ich die Mechanismen besiegt hätte, wenn ich aufhörte. Das wäre eine Niederlage gewesen.» Zugleich hat Ergic in dieser Phase die menschlichste Seite des Klubs erfahren dürfen. Gigi Oeri besuchte ihn mehrmals in der Klinik, Christian Gross setzte sich für eine Vertragsverlängerung ein. Zahlreiche Menschen hatten sich bei ihm gemeldet, als er wenige Wochen nach dem Austritt aus der Psychiatrie seine Krankheit publik machte. «Es waren neun prägende Jahre in Basel. Ich habe hier die schlimmsten und die schönsten Erfahrungen meines Lebens gemacht.»

Noch heute kommt der 37-Jährige regelmässig zurück. Ergic pendelt quasi zwischen Belgrad, seiner ersten Heimat, und Basel. «Ich fühle mich wirklich als Basler», sagt er. Doch erst jetzt erlebt er die Stadt, das Land wie ein Normalsterblicher. Oft fährt er Tram, spaziert durch die Stadt, beschäftigt sich mit Geschichte und Kultur. Hin und wieder schreibt er Kommentare für eine serbische Zeitung, er verfasst noch immer Gedichte über die Liebe und das Leben. Ergic: «So viele Schattenseiten der Fussball haben mag, er hat mir eine Freiheit gegeben, die ich sonst nicht hätte.»

Dennoch ist das Thema Fussball für ihn abgehakt. Oder in seinem Worten: «Der russische Dichter Vladimir Mayakovsky wurde mal gefragt, wie er zu Alexander Puschkin stehe. Er antwortete: ‹Puschkin war meine erste Liebe. Aber wenn du die erste Liebe nicht vergisst, wirst du die letzte Liebe nie kennenlernen.› So ist es bei mir mit dem Fussball.»

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