Alex Wilson, die Weltmeisterschaften in London sind mit den Rängen 21 über 100 m und 25 über 200 m nicht nach Ihren Wünschen gelungen. Was ist passiert?
Alex Wilson: Das hat wohl mit mir zu tun. Die Form stimmt, die Leistungen nicht. 10,30 Sekunden im 100-m-Halbfinal, jetzt 21,22 über 200 m – das sind keine Zeiten. Das darf nicht sein. Vor allem nicht, da ich keine drei Wochen zuvor 20,23 gerannt bin. (SM-Rennen, das nach einem Fehlstart ausser Konkurrenz gewertet wurde, Anm. d. Red.).

Wie erklären Sie sich diese grosse Differenz von einer Sekunde?
Ich wollte zu viel, wollte unbedingt unter die ersten zwei meiner Halbfinalserie laufen. Stattdessen bin ich eingegangen. Ich habe hartes Lehrgeld bezahlt und fand nie wunschgemäss in mein Rennen. Das hängt aber auch mit der Bahn zwei zusammen – und dem engen Radius. Da kann ich meinen Lauf nicht aufbauen und entwickeln. Da gibt es für mich mit meinem breiten Laufstil nur eines: alles oder nichts.

Das alleine erklärt aber die schwache Zeit nicht.
Ich war mental nicht auf der Höhe. Ich muss loslassen, einfach lossprinten. Das gelang mir in London nicht. Plötzlich tauchte die Angst vor dem Versagen auf. Das war der grösste Fehler.

Ihre Bilanz muss also ernüchternd ausfallen?
Es gibt zwei Seiten. Einerseits die kritische: Ich habe meine Leistung nicht erbringen können. Aber es gibt auch eine positive: Nachdem ich mich in den letzten beiden Jahren, 2016 für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro und 2015 für die WM in Peking, nicht qualifizierte, ist dies wieder ein Schritt vorwärts. Das geht in Ordnung. Und die Enttäuschung, die hake ich schnell ab.

Alex Wilson konnte in London nicht seine Bestleistungen abrufen. key

Alex Wilson konnte in London nicht seine Bestleistungen abrufen. key

Was nehmen Sie mit von den Rennen in London?
Jetzt kann ich mich wieder zur erweiterten Weltspitze zählen. Meine Trainer Lloyd Covan und Clarence Callender sagen: «Alex, du bist hier gewesen, um zu lernen, um dich wieder an Grossanlässe zu gewöhnen.» Jetzt muss der nächste Schritt kommen. Ich laufe wieder viel stabiler. Was mir hier passiert ist, wird es sicher nicht mehr geben.

Besteht noch in dieser Saison die Möglichkeit zu einer Korrektur?
Es bietet sich mir noch eine Chance: Weltklasse Zürich am 24. August. Daran glaube ich noch immer. Ich will dort über 100 Meter zeigen, was in mir steckt. In diesem Rennen will ich einen rauslassen. Die Vorbereitung darauf beginnt sofort, gleich hier in London, hoch konzentriert in meinem neuen Umfeld.

Apropos Trainingsgruppe in England: Sie hatten Anfang Saison Leistungsvorgaben erhalten, um über dieses Jahr hinaus mittun zu können. Diese haben Sie nicht
erbracht…
... doch, meine 20,23 von den Schweizer Meisterschaften kommen den geforderten 20,20 nah genug. Ich darf also bleiben.

Ein wiederum teuer erkauftes Privileg?
Schon. Ich werde wieder 60 000 bis 80 000 Franken hinblättern müssen. Aber das ist es mir wert. Ich weiss, wohin ich will.

Wie verfolgen Sie die WM nach Ihrem Ausscheiden weiter?
Gespannt. Ins Stadion schauen gehe ich sicher die 4×100-m-Staffel der Frauen. Ich stehe wie eine Mauer hinter ihnen wie hinter allen Schweizern. Ich drücke all jenen von ihnen, die noch kommen, die Daumen.