Frühling 1914: In wenigen Monaten bricht der erste Weltkrieg aus. An einem Aprilmorgen folgt Benno Braunschweig, Mitglied der Israelitischen Gemeinde, einer Einladung im jüdischen Lehrhaus in Basel. Sein Thema: Antisemitismus. Die Stimmung ist gereizt. Unter den Anwesenden entbrennt eine hitzige Debatte. Sie monieren, dass sie selbst schon Opfer von Antisemitismus geworden seien.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung, so wird es übermittelt, reift bei einigen Teilnehmern der Wunsch, nebst dem Lernen sich mit jüdischen Freunden auch körperlich zu betätigen. Braunschweigs Referat ist sozusagen die Geburtsstunde des Jüdischen Turnvereins Basel. Wenige Tage später rufen Marcel Bollag und Adrien Blum den Jüdischen Sportclub ins Leben, der ein Jahr später in den Jüdischen Turn- und Sportverein unbenannt wird.

Aufstieg in die 4. Liga
26. Mai 2013: Grendelmatte in Riehen: Die Fussballsektion des JTV Basel bezwingt Amicitia Riehen 1:0 und steigt von der 5. in die 4. Liga auf. Es ist das bislang jüngste sportliche Kapitel des Vereins. Zwischen den beiden Ereignissen liegen 100 Jahre, zwei Weltkriege, sportliche Erfolge, Leid, Niederlagen. Der junge Autor Jeremy Weill rollt in seinem Buch «100 Jahre Jüdischer Turnverein Basel» auf 140 Seiten die Geschichte des JTV auf. Dass der 24-Jährige sich dem Thema annimmt. ist nicht zufällig. Weill verfolgt und kennt die jüdische Sportszene aus nächster Nähe.

Er ist nach seinem Grossvater und Vater in der dritten Generation Mitglied im Jüdischen Turnverein Basel, dessen Schwerpunkte sich im Laufe der Zeit stetig verändert haben. Von der Leibesübung über das Turnen und die Leichtathletik bis hin zu Handball und Fussball. Bemerkenswert: Im aktuellen Kader des FC spielen auch Christen und Muslime. Diese Anpassungsfähigkeit verdanke der JTV Guy Rueff, kommt der Autor zum Schluss. Der Präsident des Vereins führt den JTV seit mehr als einem Viertelahrhundert. Rueff ist ausserdem Präsident der Israelitischen Gemeinde Basel.

Prominente Mitglieder
Das Buch lebt von den Schilderungen der Zeitzeugen, von umfangreichem Bildmaterial, von Anekdoten, die zum Schmunzeln anregen oder nachdenklich stimmen. Weill geht auf die dunklen Zeiten ein. Als nach der Machtübernahme der Nazis sich das jüdische Leben auch in der Schweiz zu verändern begann. Die Betrachtungen des Autors verkommen nicht zu einer belehrenden Geschichtsstunde.

Im Zentrum stehen immer der Verein und seine Mitglieder. Die Prominentesten erwähnt er beiläufig, aber nicht ohne Stolz, «dass es eine Zeit gab, in dem der siebenköpfige Basler Regierungsrat, drei Mitglieder einen direkten Bezug zum JTV hatten.» Christoph Eymann, der Sport- und Erziehungsdirektor (als Trainer der Handballmannschaft), der ehemalige Finanzdirektor Ueli Vischer (ebenfalls Trainer) sowie Ralph Lewin (Wirtschafts- und Sozialdepartement, Mitglied).


Jeremy Weill gelingt es, nicht zu überzeichnen und in Romantik zu verfallen. Im Gegenteil, wenn es um den Fortbestand des JTV geht, zeichnet er ein durchaus düsteres Bild: Der Verein beklagt auf Grund der überalterten jüdischen Gemeinde einen anhaltenden Mitgliederschwund.