Fussball
Jugendtrainer über Breel Embolo: «Er war als Bub sehr impulsiv»

Bevor der FC Basel am Mittwoch Real Madrid empfängt, erinnert sich sein erster Schweizer Trainer an seine ersten Gehversuche als Fussballer – es waren nicht nur einfache Momente.

Georges Küng
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Breel Embolo (17) ist der sechstjüngste Torschütze in der Geschichte der Champions League.

Breel Embolo (17) ist der sechstjüngste Torschütze in der Geschichte der Champions League.

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Es war im Sommer 2005, als im Rankhof plötzlich ein Junge auftauchte und schüchtern fragte, ob er mitspielen dürfe. Daran erinnert sich Karl Müller, 57 Jahre alt, gebürtiger Schaffhauser, in den 60er-Jahren Fussballer für den FC Schaffhausen in der Nationalliga B, später umgezogen nach Muttenz – und dann: Juniorentrainer beim FC Nordstern Basel.

Der schüchterne Junge heisst Breel Donald Embolo. Im Sommer 2004 kommt er, damals 7-jährig, mit seiner Mutter von Kamerun nach Basel. Ein Onkel ist Bezugsperson. Er wohnt am Riehenring im Matthäus-Quartier, einem multi-kulturellen Raum, wo auf engstem Raum Menschen aus über 70 Nationen zusammenleben.

Dass Embolo «Nordstern» wählt, ist deshalb kein Zufall. Der Verein ist zumindest im «Glaibasel» die erste Anlaufstelle für viele Kinder, die Fussball spielen wollen. Ein kleiner Blick auf das Nordstern-Kader der Junioren E in der Saison 2007/2008 genügt zur Veranschaulichung. 16 Spieler waren es insgesamt, drei Jungs aus Serbien/Montenegro, drei aus Spanien, zwei aus der Türkei, dazu je einer aus Angola, Bosnien/ Herzegowina, Brasilien, Ex-Jugoslawien, Kamerun – eben: Embolo – und Mazedonien. Dazu noch zwei Schweizer mit Migrationshintergrund. Hier also schiesst der Fussballer Breel Embolo seine ersten Tore.

Physisch stark war er schon als Knirps

Karl Müller sitzt im Café Messana in Birsfelden. Noch eine Woche dauert es, bis der FC Basel in der Champions League das grosse Real Madrid empfängt. Gut zwei Wochen ist es her, seit sich Breel Embolo mit seinem Tor gegen Ludogorets Rasgrad zum sechsjüngsten Torschützen in der Geschichte der Champions League machte. Müller erzählt: «Ich sah schon zu jener Zeit, dass Breel für den Breitensport-Kinderfussball überdurchschnittliche Qualitäten besass. Er war für sein Alter physisch sehr stark und am Ball hatte er keinerlei Probleme.»

Das Augenmerk lag früh darauf, die Schusstechnik zu verfeinern und verbessern, insbesondere mit spezifischen Übungen für den schwächeren, linken Fuss. «Ich habe bei der Ausbildung von Kindern stets allergrössten Wert auf Beidfüssigkeit gelegt», sagt Müller. Und der Trainer ergänzt: «Sein ausserordentliches Talent war für jedermann sofort erkennbar.» Die Folge: Klein Breel spielt nicht seinem Alter entsprechend bei den F-Junioren, sondern gleich bei den E-Junioren. Er ist zwei Jahre jünger als seine Teamkollegen, überragte diese jedoch trotzdem – fussballerisch und körperlich.

Die Erinnerungen an den Jung-Fussballer Breel Embolo sind das eine. Jene an den Charakter des jungen Embolo das andere. «Breel war als Bub sehr impulsiv. Sogar ein richtiger Lausbub. Aber stets pünktlich, trainingsfleissig, im Team beliebt und sowohl zu seinen Teamkollegen wie auch mir als Trainer anständig», sagt Müller. «Wenn ich eine leise Kritik anbringen will, dann, dass er im Spiel zu wenig ans Kollektiv dachte. Er holte sich sehr oft hinten den Ball, dribbelte nach vorne und schloss ab. Es gab viele Partien, in denen er bis zu zehn Treffer erzielte.» Ein Ausnahmekönner.

Auch die Sprachbarriere war schnell aus dem Weg geräumt. «Breel konnte zwar nicht perfekt Deutsch. Aber er lernte schnell und hatte genügend Fähigkeiten, um sich fliessend verständigen zu können. Wenn wir ihm aber etwas Spezifisches erklären mussten, sprachen wir französisch – seine Muttersprache», erinnert sich Müller.

Nordstern schmiss Embolo fast raus

Müller sagt «spezifisch». Und drückt damit aus, dass es mit Breel Embolo je länger desto mehr auch schwierige Zeiten gab. Manchmal wurde aus impulsiv plötzlich aggressiv. «Und», erzählt Müller, «es gab Momente, da liess er sich auf dem Platz zu obszönen Gesten hinreissen. Ich hatte das Gefühl, dass Breel für den Trainingsbetrieb nicht mehr tragbar war, weil er diesen massiv störte – und wollte ihn darum entfernen.» Embolo stand kurz vor dem Rauswurf.

Unterstützung erhielt Müller von René Belser, dem Technischen Leiter bei Nordstern. «Auch ich war dafür, dass wir mit Breel Embolo einen Schlussstrich ziehen sollten», erinnert sich Belser, «dann gab es Aussprachen mit seiner Mutter und dem Onkel, wo wir erklärten: So geht es nicht weiter!»

An der darauffolgenden Vorstandssitzung des Vereins heisst ein wichtiges Traktandum «Breel Embolo». Es ist dem damaligen Vorstandsmitglied Remo Leibundgut, einem langjährigen «Nordsternler», zu verdanken, dass der Verein Gnade vor Recht ergehen lässt und Embolo wieder ins Team integrieren will. Die Familie Embolo erhält daraufhin per eingeschriebenem Brief einen vom Vorstand verfassten schriftlichen Verweis.

Erster Karriereschritt zu den Old Boys

Das alles geschieht im Herbst 2007. Embolo ist in dieser Zeit teilweise intern suspendiert. Gleichzeitig reift bei den Verantwortlichen des FC Nordstern aber die Erkenntnis, dass Embolo eigentlich zu gut ist für den Verein. Dass aus ihm mehr werden könnten, als ein Freizeitfussballer. Trotz aller Probleme, der Verein hat ein Juwel in seinen Reihen, den es zu Schleifen gilt.

Es ist Junioren-Obmann Martin Koch, der schliesslich das Übertrittsformular zu den Old Boys Basel unterschreibt. Koch, ein bekennender FCB-Fan, erinnert sich an diese Zeit, als wäre es gestern gewesen. «Den letzten Einsatz im Dress von Nordstern hatte Embolo am Hallenturnier des Nordwestschweizerischen Fussballverbands in Laufenburg. Für das Finalturnier qualifizierten sich unsere Junioren ohne den suspendierten Embolo», blickt Koch zurück. «Am Finalturnier selbst ist er wieder dabei – vorerst aber nur auf der Bank. Beim Stand von 0:3 im Halbfinal wechselt der damalige Teamverantwortliche Mario Nibali die beiden ‹Stars› Embolo und José Barreiro ein – und Nordstern geht innert weniger Minuten 4:3 in Führung.» Für den Final reicht es trotzdem nicht, weil Nordstern in den Schlusssekunden das 4:4 hinnehmen muss.

Den «Herr Müller» vergisst Embolo nicht

Selbstverständlich verfolgen alle ehemaligen Weggefährten von Embolo die Entwicklung ihres Schützlings sehr genau. Welche Perspektiven sehen sie für ihn? «Wenn Breel nicht abhebt, richtig beraten wird und weiter hart an sich arbeitet, kann er dereinst in einer grossen Liga – im Ausland – spielen», sagt der Technische Leiter René Belser. Und Trainer Karl Müller ergänzt mahnend: «Er muss sich zuerst beim FC Basel über eine längere Zeit bewähren. Er ist noch kein Stammspieler und sollte sich von den medialen Jubelgesängen nicht beeinflussen lassen.»

Erinnert sich Breel Embolo an seine erste Fussballstation? Embolo hat seine Wurzeln nicht vergessen. Wenn Karl Müller mit seinem Hund in der Grün 80 spazieren geht – und das kommt oft vor – führt sein Weg am Trainingsgelände des FC Basel vorbei. Wenn Embolo seinen ersten Fussballtrainer sieht und es der Moment erlaubt, «kommt er, um mich, den Herrn Müller, zu begrüssen.»