«Wenn ich wetten müsste», sagt Christian Kirchmayr, «würde ich auf jeden Fall auf Kento Momota als Swiss-Open-Gewinner tippen.» Und wer könnte es besser einschätzen als die Schweizer Nummer 1? Immerhin ist Kirchmayr gestern in der ersten Hauptrunde gegen den Japaner angetreten. Seine Chancen auf einen Sieg gegen die ehemalige Weltnummer 2 waren jedoch gering. Angesichts der aktuellen Weltrangliste fällt Momota nicht unbedingt auf, da er zwar vor Kirchmayr (Rang 201) liegt, aber «nur» auf Position 41 – das hat einen driftigen Grund: 2016 wurde Momota wegen wiederholten illegalen Besuchs in Casinos vom japanischen Badminton-Verband suspendiert. Und doch war der Ausgang des Spiels zugunsten des Japaners eindeutig: 21:11 und 21:15 – jedoch nicht so eindeutig wie erwartet. Kirchmayr konnte einige sehr schöne Punkte erspielen, überlebte nicht durch «unforced errors» des Rivalen. Im 2. Satz hat der Therwiler teilweise sogar auf einer Augenhöhe mit Momota spielen können.

Christian Kirchmayr, mit welchen Gedanken sind Sie angetreten? Sie galten ja als Underdog.
Christian Kirchmayr: Natürlich kannte ich die Qualitäten meines Rivalen, ich habe schon sehr viele seiner Spiele gesehen – er meine wahrscheinlich nicht (lacht). Ich wusste, was auf mich zukommt.

Haben Sie darin etwas Positives sehen können?
Ja, wobei es aber auch hätte anders sein können, weil man sich natürlich mehr Gedanken macht und überlegt, ob man mehr Risiken eingehen sollte. Und das sind dann meistens die Spiele, die man deutlich verliert. Darum bin ich es locker angegangen, habe so gespielt wie immer und geschaut, was rauskommt. Und ich muss sagen, ich bin ganz zufrieden.

Gehen Sie also mit einem guten Gefühl vom Platz?
Ich habe verloren, das ist nie lustig. Aber gegen solche Leute darf man verlieren. Spiele wie diese habe ich in der Schweiz nicht. Daher ist es toll, mal gegen so Gegner spielen zu können. Da sehe ich, wie viel mir noch fehlt oder was ich verbessern kann, um ganz vorne zu spielen. Ich komme gerade vom Feld und würde sofort noch mal spielen – das ist das gute Gefühl.

Sie haben über die Weltelite geredet. Ist das Ihr nächstes Ziel?
Ja. Die letzten Jahre habe ich an meiner Entwicklung gearbeitet, jetzt möchte ich vorankommen. Nun heisst es, die Turniere sorgfältig auszuwählen – unter dem Kriterium, so viele Weltranglisten-Punkte zu sammeln wie möglich.

Welche Turniere sind das?
Bis jetzt habe ich hauptsächlich Turniere in Europa gespielt. Weil es näher ist, aber auch billiger. Jetzt möchte ich den Blick auf das Globale richten, da ich dann mehr Auswahl habe. In Sachen Punkte ist das natürlich ein Vorteil. Vor allem im Hinblick auf die Weltmeisterschaft nächstes Jahr und die Olympischen Spiele 2020.

Schaffen Sie es nach Tokio?
Das ist die grosse Frage ... Aber ich denke schon. Die Schweiz hat einen Startplatz: Voraussetzung ist es, als bester Schweizer unter den Top 70 der Weltrangliste zu sein. Nächstes Jahr fängt die Qualifikationsphase an, die bis Mai 2020 geht – da muss ich mein Bestes geben, um unter die Top 70 zu kommen.

Ihre stärksten Gegner sind die Spieler aus Asien. Wieso sind sie so stark?
Das Schwierige ist das Know-how, und das haben die Asiaten schon von klein auf. Erstens trainieren sie schon als Kinder und zweitens haben sie die besten Voraussetzungen. Seien es die Trainingscenter oder die Spiele. Wie gesagt, es wäre toll, wenn ich jede Woche so ein Match spielen könnte wie das gestrige gegen Momota. Da ich der beste Schweizer bin, ist es aber schwierig. National gibt es niemanden, der mich so herausfordern kann, wie Momota gestern. In Asien ist alles anders.

Was genau meinen Sie damit?
Eigentlich alles. Badminton ist in Asien keine Randsportart. Dort hat es einen vergleichbaren Stellenwert wie hierzulande der Fussball. Vor zwei Jahren habe ich ein Turnier in China gespielt. Es war unfassbar, über 15 000 Zuschauer jubelten einem zu. Andere wollten Selfies, haben mich auf der Strasse erkannt. Dann gehst du zurück ins Hotel, schaltest den Fernseher ein und auf drei Kanälen läuft Badminton – es ist sehr beeindruckend. Der Stellenwert ist einfach anders. Vielleicht ändert sich das mit der Weltmeisterschaft, die nächstes Jahr in Basel stattfinden wird.

Ist es ein besonderes Gefühl, dass die WM zu Hause stattfindet?
Ja, auf jeden Fall. Vor allem, weil sie in derselben Halle stattfindet wie das Swiss Open. Es ist eine Riesen-Motivation. Was will man mehr als die Weltmeisterschaft vor der Haustür?