Boxen

Krachende Faustschläge vor Tinguelys Meisterwerk

Gerade noch entweicht der verteidigende Boxer dem satten Faustschlag.

Gerade noch entweicht der verteidigende Boxer dem satten Faustschlag.

Die 34. Ausgabe des Boxeo im Tinguely Museum lebte vom scheinbar unmöglichen Kontrast - viel Boxen traf auf ein wenig Klassik. Die Faustschläge der Boxer und die sanfte Sopranstimme einer Künstlerin wechselten sich gekonnt ab.

Der erste Faustschlag zischt noch knapp links vorbei. Der nächste kommt von rechts, nur Millisekunden später. Ein zischendes Geräusch aus dem Mund des angreifenden Boxers begleitet ihn. Es ist ein Volltreffer. Der getroffene Boxer fällt aber nicht. Schweissperlen, die soeben noch seine Stirn zierten, wirbeln durch die Luft. Bei jedem Faustschlag aufs Neue.

Dahinter formiert sich das Kunstwerk Méta-Harmonie Jean Tinguelys. Beinahe bedrohlich wirkt das mit zahlreichen Treppen und Reifen versehene Werk im Schatten der von Scheinwerferlicht beleuchteten Boxfläche. Gebaut im Jahr 1987 wollte Tinguely mit seiner Méta-Harmonie etwas lustiges für die Kinder bauen, die klettern und hüpfen wollen.

32 Jahre später hüpfen zwar keine Kinder auf seinem Kunstwerk, dafür aber Boxer unmittelbar davor. Die Kulisse für den 34. Boxeo ist wahrlich speziell. Der Anlass, der durch eine Zusammenarbeit des Museums Tinguely, dem Boxklub Basel und Culturescapes ermöglicht wird, ist geprägt durch die scheinbar widersprüchliche Mischung von Kunst und Boxen. Während die kräftigen Athleten aufeinander einprügeln, besänftigen zwei Künstlerinnen mit Liedern von Frédéric Chopin die Gemüter. Klassik trifft auf Kraft. Zierlichkeit begegnet Muskeln. Dieser Widerspruch, der eine Kombination aus Boxen und klassischer Musik beinahe verunmöglicht, macht diesen Anlass aus.

Eleonora Wojnar singt auf dem Meisterwerk Tinguelys.

Eleonora Wojnar singt auf dem Meisterwerk Tinguelys.

   

Der Sport ist – zumindest beim Publikum – klarer Punktesieger. Sobald die sanften Piano- und Soprantöne erklingen, leeren sich die Zuschauerränge. Diejenigen, die bleiben, werden nicht enttäuscht. Die sanfte Stimme der polnischen Sängerin Eleonora Wojnar beruhigt die Gemüter nach den stöhnenden Tönen der Boxer. Trotzdem: Als Angelo Gallina, der Coach des Boxklub Basel, kurz vor Mitternacht in seiner Dankesrede auch den Kulturschaffenden ein Kränzchen widmen will, sind die betroffenen Personen nicht anwesend. «Die Leute von der Kultur müssen wohl früher schlafen», scherzt Gallina.

Der Boxklub Basel räumt sportlich ab

Die zwei klassischen Gesangseinlagen sorgen zwar für den kulturellen Teil der Veranstaltung, die aber dennoch ganz im Zeichen des Boxkampfes steht. Neben den heimischen Boxerinnen und Boxern kommen die Athleten auch aus Polen, das als Gastland der Veranstaltung dient. Stimmungsvoll feuert das Publikum die Boxenden an, schreien hinein und teilen mit, wie der nächste krachende Faustschlag zu sitzen hat. Gallina heizt ausserhalb des Rings derart seine Schützlinge an, sodass man das Gefühl erhält, er würde gerne selbst zuschlagen. Er hat die Hauptrolle, ist Unterhalter und Coach gleichzeitig. Als einer seiner Schützlinge eine seiner Daueranweisungen nicht umsetzt, ruft er: «Muss ich dir einen Brief schreiben?»

Die Vertreter des Boxklub Basel (hier rechts im Bild) wussten zu überzeugen.

Die Vertreter des Boxklub Basel (hier rechts im Bild) wussten zu überzeugen.

  

Seine Rufe zeigen jedoch Wirkung. Alle seine Schützlinge steigen siegreich aus dem Ring. «Ich bin sportlich sehr zufrieden. Vor so einem Kunstwerk Jean Tinguelys zu boxen, ist sehr beeindruckend», sagt Gallina nach dem Wettkampf.

Der Höhepunkt des Boxeos steigt nach Mitternacht. Gabriela Balboa Timar, die erste Basler Profiboxerin, weist ihre ungarische Kontrahentin in die Schranken. «Es war eine Herausforderung. Ich habe einfach versucht, Runde für Runde zu nehmen», sagt sie nach dem Kampf ausgepumpt. Für den Schlusspunkt sorgt Loris Barberio, der für den Boxklub Basel den nächsten und zugleich letzten Sieg holt. Kurz vor 1 Uhr machen es die Boxer schliesslich den Kulturschaffenden gleich - und gehen heim.

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