Als Fechterin muss man wach sein, auf jeden Angriff der Gegnerin reagieren können und vor allem flink und explosiv sein. Als Laura Stähli am Tag der Schweizer Meisterschaften erwachte, schienen ihr alle diese Eigenschaften abhanden gekommen zu sein. «Die Schweizer Meisterschaften waren noch nie wirklich mein Ding, sodass ich am liebsten im Bett liegengeblieben wäre», gibt sie zu. Schliesslich habe sie sich doch noch aufgerappelt und sei völlig ohne Erwartungen nach Zug an die Schweizer Meisterschaften gefahren.

Fechten hat in der Familie Stähli eine lange Tradition. Bereits Lauras Mutter und ihre Grosseltern frönten dem Fechtsport und auch ihre Schwester Martina ist an der nationalen Fechtspitze vertreten. «Am Fechten fasziniert mich vor allem, dass es ein schneller Sport ist. Zudem muss man reaktionsstark sein. Die Gegnerin zu treffen ohne selber getroffen zu werden ist besonders interessant. Hinzu kommt die mentale Stärke, die oftmals über Sieg oder Niederlage entscheidet», erklärt Stähli, die seit ihrem fünften Lebensjahr dem Fechtsport verfallen ist.

Kontinuierliche Steigerung

Im mentalen Bereich sieht die 20-jährige Baslerin ihre grösste Stärke. Von dieser machte sie auch an den Schweizer Meisterschaften Gebrauch. Am Anfang lief es Laura Stähli nämlich nicht nach Wunsch. «Die Vorrunde war mittelmässig», schaut die Biologie- und Französischstudentin zurück. In den zwei darauffolgenden K.o.-Duellen bekundete die Baslerin keine Mühe, aber als bekannt wurde, dass sie im Viertelfinale auf Olympiateilnehmerin Tiffany Chéroudet traf, wusste sie, dass eine Steigerung von Nöten sein werde. «Ich wusste, dass ich nur eine Chance besitze, wenn ich konzentriert in das Gefecht steige», war für Stähli klar. Und so kam es auch. Die beiden lieferten sich ein ausgeglichenes Gefecht, in dem Favoritin Chéroudet 14:12 in Führung gehen konnte, und damit nur ein Treffer vom Halbfinaleinzug stand. Doch Stähli kämpfte sich zurück und gewann schliesslich doch noch 15:14. «Ab dem Viertelfinalsieg war der Bann gebrochen. Ich wusste nun, dass alles möglich war», freut sich Stähli im Nachhinein

Schwester schied im Viertelfinal aus

Doch familienintern hatte der Sieg über Chéroudet nicht nur positive Seiten. Parallel zu Laura, kämpfte auch Martina Stähli um den Einzug in das Halbfinale. Doch das Gefecht ihrer Schwester, schien so interessant und spannend zu sein, dass sie sich nur schlecht auf ihren eigenen Kampf konzentrieren konnte. «Meine Schwester verlor ihren Viertelfinal prompt», lacht Stähli verlegen, «immerhin gegen meine spätere Finalgegnerin Angela Krieger.»

Videointerview mit Fechterin Laura Stähli

Videointerview mit Fechterin Laura Stähli

Die Weichen für Laura Stähli waren klar auf Sieg gestellt. Sie gestand sowohl ihrer Halbfinal- als auch ihrer Finalgegnerin kaum Chancen zu und holte sich den ersten Titel bei den Aktiven. «Ich freue mich unglaublich über diesen Erfolg, vor allem weil ich am Morgen noch überhaupt nicht daran glaubte», sagt eine überglückliche Laura Stähli.

In Zukunft will sich die Baslerin noch weiter steigern. Als Fernziel gibt sie eine Olympiateilnahme an. Kann sie sich so lange an der Spitze halten wie ihr Vorbild, die bald 40-jährige Französin Laura Fessel, hat die Laura Stähli noch viele erfolgreiche Jahre vor sich.