Interview

Marcel Koller spricht über seinen persönlichen Abgang, die letzte Mission und den rotblauen Zerfall

Marcel Koller kritisiert die junge Generation für ihren Umgang mit den Corona-Schutzmassnahmen.

Marcel Koller kritisiert die junge Generation für ihren Umgang mit den Corona-Schutzmassnahmen.

FCB-Trainer Marcel Koller spricht vor dem Cupfhalbfinale gegen Winterthur über sein Ende beim FC Basel, die Rücktritte von Sportchef Ruedi Zbinden und Alex Frei und seine letzte Mission, die wegen drei positiven Coronafällen deutlich schwieriger ausfällt als gewünscht.

Marcel Koller, das Spiel gegen Winterthur könnte Ihr letztes als FCB-Trainer sein. Was macht das mit Ihnen?

Marcel Koller: Irgendwann ist immer das letzte Spiel. Davon hatte ich schon ein paar, zuletzt in Österreich. Ich hoffe aber, dass das nicht schon am Dienstag der Fall ist, sondern erst am Sonntag.

Was waren Ihre persönlichen Gründe, den Vertrag auslaufen zu lassen?

Vor drei Wochen wurde ich vom Verein zu einem Gespräch eingeladen. Dort haben beide Seiten entschieden, dass wir auseinander gehen. Wenn man zwei bis drei Jahre bei einem Verein war, ist es gut, wenn man geht. Es wiederholt sich und irgendwann ist die Energie aufgebraucht. Das ist meine persönliche Erfahrung. Heute werden die Trainer oft noch schneller gewechselt. Deswegen kann man stolz sein, wenn man länger als ein Jahr irgendwo Trainer ist.

Welche Rolle haben die ständigen Turbulenzen neben dem Platz gespielt?

Grundsätzlich ist das Gesamtpaket entscheidend. Es muss ja auch für mich stimmen.

Was haben Sie gedacht, als Sie von den durch die Klubführung provozierten Rücktritten von Ruedi Zbinden und Alex Frei erfuhren?

Es wäre natürlich gut, wenn mehr Ruhe einkehren würde. Der FCB sollte sich in Zukunft besser absprechen und besser miteinander arbeiten. Das muss das Ziel sein. Der FCB ist ein grosser Verein und dementsprechend interessiert er viele. Auch die Medien sind froh, wenn etwas läuft. Da muss der Verein schauen, dass wieder mehr bei den anderen läuft, womit die Journalisten ihre Zeitungsseiten füllen können.

Von aussen betrachtet zerfällt der FCB gerade in seine Einzelteile. Wie nehmen Sie das von innen wahr?

Ich lese auch die Artikel oder bekomme die Geschichten auf direkterem Wege mit.

Überrascht Sie das, Dinge aus der Zeitung zu erfahren?

Man kann nicht immer den ganzen Verein informieren. Klar mache ich mir dazu Gedanken, aber die muss ich nicht mit der Öffentlichkeit teilen.

Inwieweit tangieren all diese Unruhen die Vorbereitung auf Ihre letzten Spiele?

Seit wir hier sind, war ja immer irgendetwas los. Die Mannschaft kann sehr gut damit umgehen. Sie sind Profis und müssen versuchen, ihre maximale Leistung auf den Platz zu bringen. Die Spieler, welche Nebenschauplätze am besten ausblenden können, werden am Ende erfolgreich sein.

Was erwarten Sie gegen Winterthur für ein Spiel?

Letztes Jahr war es eng. Das wird es auch diesmal wieder. Winterthur hat zum Schluss der Meisterschaft gut gespielt und viele Tore geschossen. Dazu waren sie kompakt. Sie werden topmotiviert sein, wir aber auch, da es das erste Heimspiel seit fast zwei Jahren im Cup ist. Wir wollen ins Finale und stellen unsere Mannschaft auch so ein.

Eray Cömert, Arthur Cabral, Samuele Campo und Eric Ramires dürfen wegen positiver Coronatests beziehungsweise Kontakt zur Gruppe nicht spielen. Ein grosser Verlust?

Natürlich. Von den vier waren drei Stammspieler. Als Trainer will man gerne alle dabei haben und aus dem Vollen schöpfen. Aber das geht oft nicht. Die Situation haben wir nicht gerne. Aber wir sind flexibel. Wir haben noch genug Spieler, sodass wir elf auf den Platz bringen können. (lacht)

Sie haben Ihren Spielern empfohlen, die Ferien in der Schweiz zu verbringen. Die drei betroffenen Spieler haben sich auf Sardinien angesteckt. Sind Sie da persönlich enttäuscht?

Alle wurden informiert, dass nach den Ferien noch zwei wichtige Spiele anstehen und die Spieler deshalb in der Schweiz bleiben sollen. Doch wir können nicht alles kontrollieren. Corona hat es auch in der Schweiz, die Spieler hätten sich auch hier anstecken können. Jetzt haben sie das Virus und müssen damit umgehen. Dementsprechend ist es nicht gut für beide Seiten.

Es ist kein Zufall, dass es vier junge Spieler erwischt hat.

Wenn man jung ist, will man die Welt erobern und das ein oder andere probieren. Man sieht auch an den Ansteckungszahlen in der Schweiz, dass die junge Generation bezüglich Coronaschutzmassnahmen vielleicht etwas weniger empfänglich ist. Sie denken, mir kann nichts passieren. Ich glaube aber nicht, dass es daran liegt, dass sie im Ausland in den Ferien waren.

Wie geht es den drei Spielern gesundheitlich?

Sie waren und sind symptomfrei, befinden sich aber noch in Quarantäne.

Wie geht es für Sie im September weiter?

Das weiss ich noch nicht. Ich lasse mir Zeit. Verarbeiten tut gut, ich muss nicht direkt ins nächste Abenteuer rennen. Nach der intensiven Coronazeit freue ich mich, herunterzufahren und die Batterien wieder aufzuladen.

Was braucht die Mannschaft jetzt für einen Trainer?

(Lacht) Es ist nicht meine Aufgabe, einen Trainer zu suchen. Ich möchte da jetzt keine Tipps geben, denn jeder Trainer hat seine eigenen Ideen und muss mit seinem Wesen Spieler und Mannschaft entwickeln. Das wird auch der Neue versuchen.

Mit was für einem Gefühl verlassen Sie Basel?

Es ist noch nicht fertig. Wir haben noch ein, hoffentlich zwei, Spiele und wollen diese erfolgreich gestalten und vielleicht den Cupsieg wiederholen. Das wäre ein wunderbarer Abschluss. Es waren aber zwei Jahre, in denen viel passiert ist. Ich habe meine Erfahrungen gemacht, obwohl ich jetzt schon 23 Jahre im Trainergeschäft bin. Das ist ein hochintensives Geschäft. Es passiert viel: positiv wie negativ. Ich habe aber nirgendwo verbrannte Erde hinterlassen. Auch hier nicht.

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