Meisterbeilage

Marco Streller: Bei seinem Abschied wurde das Joggeli zum Tränenmeer

Trotz Wechsel ins Management ist Streller immer noch mit der Kurve verbunden.

Trotz Wechsel ins Management ist Streller immer noch mit der Kurve verbunden.

Er war Captain, prägende Figur der jüngsten Meisterserie – und sein Abschied emotional wie kein anderer. Jetzt ist er wieder im Vorstand.

An den Gegner kann er sich nicht mehr erinnern. Aber an den Torschützen. Seinen ersten Helden. «Es war im Jahr 1986. Da bin ich zum ersten Mal mit meinem Vater ins Stadion gegangen und Erni Maissen hat eine Kiste gemacht. Mamma mia ist das lange her», sagt Marco Streller und lacht. Fünf Jahre alt war er damals, als an diesem Tag die grosse Leidenschaft für den FC Basel bei ihm endgültig entfachte.

Erni Maissen (mitte rechts) steigt ins Kopfballduell.

Erni Maissen (mitte rechts) steigt ins Kopfballduell.

Seither sind 31 Jahre vergangen. An einem Mittwochmorgen sitzt Streller auf der Treppe neben dem St. Jakob-Turm. Schwelgt in der Vergangenheit. «Ich habe so viele Erinnerungen. Da ist zum Beispiel das Aufstiegsspiel gegen den FC Zürich vor 42 000 Zuschauern. Der FCB brauchte einen Sieg, holte aber nur ein Unentschieden. Oder die Duelle im UI-Cup gegen den KSC. Das waren noch Spiele!»

Lange ist es her. Der FCB spielt noch Nati B, und Streller ist als knapp 14-jähriger erstmals im Besitz einer Jahreskarte seines Herzensvereins. «Ich hatte schon zuvor eine gewisse Regelmässigkeit bei meinen Besuchen.» Und vor allem hat er schon zu dieser Zeit nur einen Traum: Profi-Fussballer beim FCB zu werden. «In diese Schulfreunde-Büchlein habe ich tatsächlich als Traumberuf immer Fussballprofi hineingeschrieben.» Und in einem Aufsatz mit dem Thema «Das will ich sein, wenn ich 30 bin» hat er ebenfalls die Vision des Profi-Fussballers beschrieben – und jene des Familienvaters. «Bis jetzt ist alles aufgegangen.» Wenn er daran denkt, lächelt er zufrieden. Vielleicht auch, weil er weiss, das alles hätte anders kommen können.

Marco Streller zu Beginn seiner Karriere im Jahr 2002.

Marco Streller zu Beginn seiner Karriere im Jahr 2002.

Streller spielt in der Jugend beim FC Arlesheim, beim FC Aesch und im Nachwuchs des FCB. Bis zur Pubertät gilt er als sehr talentiert. «Aber dann fingen andere Dinge an, mich mehr zu interessieren. Ausserdem bin ich relativ schnell in die Höhe geschossen. Es hat zwei, drei Jahre gebraucht, bis alles nachgekommen ist.» Streller rechnet schon nicht mehr damit, den Schritt zum Profi schaffen zu können. Was dann aber passiert, muss man in Basel niemandem erklären: Christian Gross holt ihn in die erste Mannschaft, nach zwei Ausleihen schafft der heute 35-Jährige den Durchbruch beim FCB. 13 Tore in der Hinrunde reichen, um Interesse aus dem Ausland zu wecken.

Marco Streller gewann mit dem VfB Stuttgart die Meisterschale.

Marco Streller gewann mit dem VfB Stuttgart die Meisterschale.

Der ehemalige Flügelspieler, mittlerweile umfunktioniert zum Stürmer, schliesst sich dem VfB Stuttgart an, wird deutscher Meister. «Das ist eine Hausnummer. Mit Stuttgart den Titel zu holen ist schwerer, als es mit dem FCB zu schaffen.» Es sei eines seiner Karriere-Highlights, verbunden mit grossen Gefühlen.

Dennoch ist es nicht zu vergleichen mit der Zeit nach seiner Rückkehr zum FCB. «Für mich als Basler mit meinem Klub hier Meister zu werden, in einer Führungsrolle, das war schon sehr emotional.» Acht Mal gelingt ihm dies mit Basel – sieben Mal nach der Rückkehr. «Man sagt ja immer, dass der erste Titel der emotionalste sei. Aber der erste unter Thorsten Fink war noch spezieller.» Nach grossem Rückstand auf YB können sich die Basler damals den Titel erst in der Finalissima sichern.

Wie der FCB zu zwei Sternen kam – die zwanzig Meistertitel in Bildern:

Am Schluss sogar besser als Maissen

Es folgen noch sechs weitere Meisterschaften, vier davon für Streller als Captain. «Es hat mich schon unheimlich stolz gemacht, für diesen Verein zu spielen. Meine Mannschaft dann aber noch als Captain auf das Feld führen zu dürfen, das war noch spezieller. Ich glaube, man hat gemerkt, was mir das bedeutet.»

Was in solchen Momenten in ihm vorgegangen ist, kann er kaum in Worte fassen. An die Geburt seiner beiden Kinder Sean und Elin «kommt nichts heran». Aber alles, was er auf dem Feld erleben durfte, es kommt dicht dahinter. Streller weiss, wie viel Glück er hatte. Auch deshalb sagt er: «Wenn du dann auf dem Balkon stehst, siehst du unten immer wieder Leute, die du kennst und die als Jugendliche denselben Traum hatten wie du, es aber nicht geschafft haben. Und trotzdem gönnen sie es dir. An solche Dinge denke ich dann. Ich habe all das auch für sie gemacht.»

Marco Streller auf dem Balkon beim Barfüsserplatz. Er feiert den Meistertitel 2015.

Marco Streller auf dem Balkon beim Barfüsserplatz. Er feiert den Meistertitel 2015.

Zwei Jahre ist es nun her, seit Streller seine aktive Karriere beendet hat. Eine Laufbahn, in der er mehr war als nur irgendein Spieler. Er war und ist «einer von uns», wie es die Muttenzerkurve zu sagen pflegte. Er wurde vom Spieler zum Helden. Dann zur Legende. Er wurde besungen und gefeiert bis zu seinem allerletzten Spiel. Ein Spiel, in dem so viele Tränen flossen wie wohl selten zuvor im Joggeli. Es war das perfekte Ende einer am Ende wohl perfekten Karriere. Es war ihm sogar vergönnt, ein Tor zu schiessen. Das 200. Tor als Fussballprofi. Vor allem aber war es sein 144. in Rotblau. Damit schob er sich in der ewigen Tor-Statistik der Basler von Platz drei auf Platz zwei vor. Weil er mit seinem letzten Treffer noch jemanden überholen konnte: seinen ersten Helden, Erni Maissen.

Aleksandar Dragovic: Skandalnudel und Publikumsliebling

Aleksandar Dragovic wird von Bernhard Heusler 2013 verabschiedet.

Aleksandar Dragovic wird von Bernhard Heusler 2013 verabschiedet.

Man weiss um das Potenzial von Aleksandar Dragovic, als man den österreichischen Nationalspieler im Februar 2011 von der Austria Wien verpflichtet. Um sein Potenzial als Fussballer und als Skandalnudel. Ersteres schätzt man grösser ein, sonst hätte der FCB nie eine Million für den 19-jährigen Verteidiger hingeblättert.

Zuerst überzeugt er fussballerisch, wird 2011 Schweizer Meister. Die ersten Skandale kommen im Folgejahr. Bei der Meisterfeier 2012 zündet er eine Pyro-Fackel – und wird angezeigt. Nur wenig später ist «Drago» am medialen Tiefpunkt angelangt: Bei der Pokalübergabe nach dem Cupsieg schlägt er Bundesrat Ueli Maurer auf den Hinterkopf. Erst behauptet er, nicht gewusst zu haben, mit wem er es zu tun hatte. Doch dann sagt er auf dem Barfi, dass er sich nur des Vereines wegen entschuldigt habe. «Aber innerlich, das weiss, so glaube ich, jeder, hat es sehr, sehr viel Spass gemacht.»

Aleksandar Dragovic ärgert Ueli Maurer

Aleksandar Dragovic' «Klapps» auf Ueli Maurers Hinterkopf.

Alex Frei: Die Rückkehr wird zur grossen Erfolgsstory

Alex Frei verabschiedet sich nach seinem letzten Auftritt im St. Jakob Park.

Alex Frei verabschiedet sich nach seinem letzten Auftritt im St. Jakob Park.

Der FCB zitiert den Österreicher aus den Ferien heim. Er muss bei Maurer antraben und sich entschuldigen. Nach dem dritten Meistertitel verlässt er den FCB. Seine Transfers zu Dynamo Kiew und dann zu Bayer Leverkusen spülen dem FCB rund 15 Millionen in die Kasse. Die Fans aber liebten ihn so oder so. (sel)

Seine Verpflichtung im Sommer 2009 hat viele Facetten: Das «Paket» Frei kostet viel Geld, insgesamt über 10 Millionen Franken. Trotz leerer Kasse geht die neue FCB-Führung um Bernhard Heusler den Poker ein – und gewinnt. Für Alex Frei ist es die Rückkehr zu «seinem» Klub, den er 1998 schweren Herzens verlässt, weil ihm andere vor der Sonne stehen.
Der zweite Anlauf wird zur beispiellosen Erfolgsstory: zwei Mal Torschützenkönig, vier Meistertitel, zwei Cupsiege und die Erfüllung des Traums, in der Champions League zu spielen und Tore zu erzielen. So prächtig es Frei beim FCB läuft, in jener Zeit geht seine Nationalmannschafts-Karriere unschön zu Ende. Pfiffe der Fans und mediale Giftpfeile zwingen ihn zum Rücktritt.

2013 beendet er auch seine Klubkarriere. Im letzten Spiel gegen den FC Zürich erzielt Frei ein herrliches Freistosstor – und zieht sich bei der Schussabgabe einen Muskelfaserriss zu. Welch ein Abgang dieser faszinierenden Reizfigur! Zwei Tage später nimmt er Platz auf dem Sportchef-Sessel in Luzern, beisst sich rein, kämpft – und gibt 18 Monate später entnervt auf. 2015 kehrt er als Juniorentrainer zum FCB zurück und wird 2017 in den Vorstand gewählt. (wen)

Walter Samuel: Eine Mauer von Weltformat

Walter Samuel hat die Champions League gewonnen und ist 52-facher argentinischer Nationalspieler.

Walter Samuel hat die Champions League gewonnen und ist 52-facher argentinischer Nationalspieler.

Seine Karriere als schillernd und ihn als erfahren zu bezeichnen, wäre fast schon Blasphemie. Auch wenn der schüchterne Walter Samuel ob dieser Worte rot werden würde. Aber Samuel ist ein Spieler von Weltformat. Einer, der die Copa Libertadores und die Champions League gewonnen und die Trikots der Boca Juniors, der AS Roma, von Real Madrid und Inter Mailand getragen hat – und natürlich auch das der argentinischen Nationalmannschaft. Stolze 52 Mal.

Zum Schluss seiner Karriere streift er sich für zwei Jahre das Trikot des FC Basel über. Ein Transfercoup, der so gar nicht in das Konzept des FCB passte. Trotz etwas Skepsis spielt er sich schnell in die Herzen der Fans. «Il muro» ist am Ende vielleicht nicht mehr der Schnellste, aber Zweikämpfe wie die seinen hat man in Basel selten zuvor gesehen. Und sein Stellungsspiel sowie sein linker Fuss waren schlicht überragend. Mit 38 Jahren muss er aufhören. Zu gross sind die Schmerzen. Trotzdem spielt bis zur letzten Sekunde keiner gerne gegen ihn, wie sein guter Freund Matías Delgado mit etwas Wehmut erzählt. Nicht nur ihm fehlt er. Basel verehrt und vermisst die unüberwindbare Mauer noch heute. (cfe)

Valentin Stocker: Ein Flügel für die grossen Spiele

Kehrt er bald zum FCB zurück?

Kehrt er bald zum FCB zurück?

Als Valentin Stocker (28) den FCB im Sommer 2014 als sechsfacher Meister und dreifacher Cupsieger verlässt, prophezeit Marco Streller: «Ich bin überzeugt, dass er irgendwann wieder zum FCB kommt. Wie ich, Alex Frei oder Beni Huggel.» Drei Jahre später ist Stocker bei der Hertha in Berlin noch immer nicht wirklich glücklich geworden. Im Gegenteil: Zuletzt sass er gar zweimal auf der Tribüne.

Stocker selbst sagt, dass es ihm in Berlin gefalle und er gerne bleiben würde. Doch da ist auch seine Freundschaft mit dem neuen Sportchef, Marco Streller. Und seine Leidenschaft für Basel, den Klub, zu dem er im Alter von 16 Jahren vom FC Kriens stiess. Hier war er jemand, hier war er der Mann fürs Grosse, der Mann für die wichtigen Tore. Wie damals, als er den FCB mit 19 Jahren in der Finalissima gegen YB mit einem Tor und einem Assist zum 2:0-Sieg führte. Genau gleich 2010. Oder sein Tor zum 1:0 im Achtelfinal der Königsklasse gegen Bayern 2012.

Sollte Mohamed Elyounoussi gehen, könnte es schnell gehen. Dann hätte der FCB das Geld für Stocker. Der verlorene Sohn könnte endlich heimkehren. Und wohl schon bald Scott Chipperfield als Rekord-Titelhamsterer (7 Meistertitel, 6 Cupsiege) ablösen. (sel)

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