Handball NLB
Martin Haas ist der Häuptling der Emotionen

Im Betreuerstab der Handball Nationalliga-B-Mannschaft des RTV Basel übernimmt Martin Haas die Rolle als Motivator.

Andreas Fretz
Merken
Drucken
Teilen
Lautstark und gestenreich: Motivator Martin Haas (vorne) und RTV-Trainer Silvio Wernle geben Anweisungen.

Lautstark und gestenreich: Motivator Martin Haas (vorne) und RTV-Trainer Silvio Wernle geben Anweisungen.

Otto Lüscher

Dass jede halbwegs professionelle Mannschaft einen Betreuerstab in ihrem Rücken weiss, gehört mittlerweile zum guten Ton. Auf den Mannschaftslisten tummeln sich Physiotherapeuten, Ärzte und allerlei Fachkräfte mit mehr oder weniger sinnvollen Spezialgebieten. Der RTV Basel hat einen Motivator in seinen Reihen. Und dieser Mann ist ein Ereignis. Alleine sein Auftritt ist das Eintrittsgeld schon wert. Martin Haas ist kein stiller Zeitgenosse.

Der 47-jährige Basler tigert vor der Spielerbank auf und ab, dirigiert die Abwehr, verwirft die Hände, setzt sich hin, springt auf, ballt die Faust und wirft sich in Siegerpose. Seine Gesten werden durch sein lautstarkes Organ unterstützt. Martin Haas ist «The Voice of RTV Basel». Wer da nicht motiviert ist, dem ist nicht zu helfen.

«Martin ist unser Energiespender», sagt Teamchef Oliver Haevel. «Die Spieler müssen ihn spüren.» Seit 30 Jahren ist Haas im Verein tätig, spielte für den RTV auch in der Nationalliga A. «Aber ich war nie eine grosse Nummer», findet er selbst. Zuletzt spielte er Beach-Handball, wurde zweimal Schweizer Vizemeister. «Heute spiele ich nur noch Golf», sagt Haas, der beruflich im Personalbereich tätig ist.

Das Team braucht Haas

Seit mittlerweile sechs Jahren gehört er zum Betreuerstab. Irgendwann zu NLA-Zeiten habe er mal auf der Bank Platz genommen, «und dann hat man ziemlich schnell gemerkt, dass ich der Einzige bin, der aufs Spielfeld brüllt und Einfluss nimmt», sagt er. Die positive Energie gehört zu seinem Naturell. Und diese Energie will er weitergeben. Wer in der Verteidigung schläft, wird von ihm geweckt.

Haas bezeichnet sich nicht nur als Motivator, sondern auch als Mentalist. Er kennt die Spieler seit Jahren. «An der Körpersprache erkenne ich, wie jemand drauf ist. Ich versuche, auf die Spieler Einfluss zu nehmen und ihnen einen Schub zu verleihen.» Doch nicht jeder Spieler reagiert gleich auf seine Therapie. Einige sind empfänglicher, andere wollen lieber in Ruhe gelassen werden. «Ich brauche ihn», sagt zum Beispiel RTV-Spieler Igor Stamenov, «wenn er nicht dabei ist, fehlt etwas. Martin weiss sehr genau, wie weit er gehen darf.»

Der Schrecken der Schiedsrichter

Klar ist auch, dass Martin Haas dem Trainer Silvio Wernle in taktischen Belangen nicht dreinredet. Es herrscht Aufgabenteilung. «Ich kümmere mich um die Marschrichtung, Martin macht die Spieler heiss», sagt Wernle. Für ihn ist Haas eine Entlastung. «Der Trainer kann sich ja nicht um alles und jeden kümmern», pflichtet Haas bei. Nur die Schiedsrichter sind nicht immer glücklich über das Gebaren an der Basler Seitenlinie. Das Regelwerk besagt, dass nur eine Person vor der Spielerbank stehen darf. Doch oft kommt es vor, dass Wernle und Haas gleichzeitig ihre Anweisungen geben. Dann werden sie vom Unparteiischen zurechtgewiesen.

Haas findet das schade, «denn der Sport lebt ja von den Emotionen». Und weil der jungen Basler Mannschaft so etwas wie ein Häuptling fehlt, ist Haas ihr emotionaler Anführer. Während dem Spiel, aber auch davor und danach. Haas horcht schon vor dem Match in die Spieler hinein, organisiert aber auch gesellige Anlässe wie ein Wochenende in den Bergen oder ein gemeinsames Nachtessen. «Auch was ausserhalb der Halle geschieht, ist wichtig», sagt er. Früher, zu seinen Aktivzeiten, ging man nach dem Spiel noch gemeinsam in die Beiz. «Heute tippen alle auf dem Natel herum und zerstreuen sich in alle Richtungen», sagt Haas.

Übrigens kostet ein Spiel auch ihn viel Energie. Die Stimme ist jeweils ziemlich lädiert. «Es dauert oft zwei bis drei Tage, bis ich wieder normal sprechen kann», sagt er. Die 60 Minuten Spielzeit nehmen ihn mit, «aber nach einem Handballabend bin ich randvoll mit Emotionen». Bereit also für das nächste Spiel.