Eishockey

Michel Riesen über seine Karriere, Erwartungen und wahres Glück

Michel Riesen sorgt für Gefahr vor dem gegnerischen Tor – so wollen ihn die Fans vor allem sehen.

Michel Riesen sorgt für Gefahr vor dem gegnerischen Tor – so wollen ihn die Fans vor allem sehen.

Heute spielen die Basel Sharks in der St.-Jakob-Arena gegen den SC Langenthal (20 Uhr). Michel Riesen möchte nach längerer Durststrecke wieder vermehrt Akzente setzen – auch wenn für ihn selbst damit nicht unbedingt Skorerpunkte gemeint sind.

Michel Riesen, wieso spielen Sie beim EHC Basel?

Michel Riesen: Wieso nicht?

Weil Sie auch mit 34 Jahren noch immer in einem NLA-Team hätten unterkommen können!

Meine Karriere bestand aus vielen Höhen und Tiefen. Ich habe viele schöne Dinge erlebt, es gab aber immer wieder auch Erlebnisse, die nicht so toll waren. Die letzten Jahre bei Rapperswil gehörten dazu. Die Freude am Eishockey ging bei mir teilweise verloren. Deshalb suchte ich etwas völlig Neues. Mich hat gereizt, bei einem Club wie den Sharks mit meiner Erfahrung beizutragen, dass es hockeytechnisch in Basel etwas vorwärtsgeht. Die Gespräche mit den Verantwortlichen haben mich dann definitiv überzeugt.

War es auch eine Option, die Karriere zu beenden?

Klar weiss ich, dass die Zeit näherrückt, in welcher mein Beruf nicht mehr Eishockeyspieler sein wird. Gerade nach meinen Jahren bei Rapperswil überlegt man sich so etwas noch eher. Aber ich liebe diesen Sport noch immer, Eishockey bleibt meine ganz grosse Leidenschaft. Auch wenn es kaum noch Tage gibt, an welchen ich nach dem Spiel oder Training nicht irgendwo im Körper Schmerzen spüre. Das Rad der Zeit dreht bei jedem Hockeyspieler. Mir war wichtig, dass ich am neuen Arbeitsort helfen kann, etwas aufzubauen. Das möchte ich so gut wie möglich machen.

Kann sich Basel einen Michel Riesen finanziell überhaupt leisten?

Ich sprenge den Budgetrahmen sicher nicht. Was mir der Club offeriert hat, war mehr oder weniger das, was ich erwartet hatte. Ich spiele nicht wegen des Geldes Eishockey. Ich habe noch nie Entscheidungen vom Geld abhängig gemacht.

Sie wurden bereits als Junior zum Wunderkind des Schweizer Eishockeys erklärt, debütierten mit 21 Jahren in der National Hockey League. Wieso blieb es bei bescheidenden 12 Spielen für Edmonton?

Ich war der erste Schweizer, der in der ersten Runde gedraftet wurde. Das war auch für mich selber eine Riesenüberraschung. Wenn mich jemand als Zwölfjährigen gefragt hätte, hätte ich niemals die NHL zu meinem Ziel erklärt. Vielleicht hätte ich die Fähigkeiten gehabt, um eine Karriere in der NHL zu machen, aber die nötige Überzeugung dafür hatte ich damals nicht. Ich war wie ein verschupftes Huhn in einer fremden Millionenstadt. Heute ist das ganz anders. Wenn ich einen zehnjährigen Junior nach dem Ziel frage, dann gibt es für ihn nichts anderes als die NHL. Mark Streit hat den Weg geebnet und heute weiss jeder Schweizer Eishockeyspieler, dass es möglich ist. Das war damals ganz anders.

Dann würde Ihre Karriere heute anders verlaufen?

Keine Ahnung. Was klar ist: Vom Talent und vom Können her hätte es mir damals gereicht. Aber die Zeiten sind nicht zu vergleichen. Das Eishockey wird immer schneller, immer besser. Ein Zwölfjähriger ist heute täglich auf dem Eis, oft sogar zweimal am Tag. Er macht spezielles Schusstraining, Mentaltraining – alles Mögliche. Das gab es zu meiner Zeit nicht. Zudem ging ich ganz alleine nach Nordamerika, heute hat jeder Spieler einen Agenten, der viele Dinge für ihn organisiert. Aber ich habe in meiner Karriere einige Dinge erreicht, die auf ewig in meinem Gedächtnis bleiben: WM-Bronze mit der Junioren-Nati, vier Meistertitel mit Davos oder auch das erste NHL-Spiel mit den Oilers. Das nimmt mir keiner.

Trotzdem behaupte ich, Sie hätten mit Ihrem Potenzial noch mehr aus Ihrer Karriere machen können!

Dazu kann jeder seine Meinung haben. Ich entgegne Ihnen, dass ich drei Jahre in der AHL um einen Platz im NHL-Team gekämpft habe. Welcher andere Schweizer Spieler hat das auf sich genommen? Was man nicht vergessen darf: Jeder Sportler ist auch ein Mensch und jeder Mensch hat eine Geschichte. Viele Faktoren spielen beim Verlauf einer Karriere zusammen. Es war für mich nicht immer einfach, als junger Spieler Wegbereiter zu sein – mit 15 Jahren das NLA-Debüt, danach als Pionier in Nordamerika. Das muss man irgendeinmal verarbeiten und wegstecken können. Klar kann man mir dafür Vorwürfe machen. Man kann auch einfach sagen, ich sei ein fauler Siech.

Auf mich wirken Sie ruhig, bescheiden, zurückhaltend. Nicht unbedingt Eigenschaften, die man bei einem Goalgetter vermuten würde?

Was ich ganz sicher nicht bin, ist ein Egoist.

Auch wenn dies die typische Fähigkeit eines Skorers sein müsste?

Man hat es als Egoist im Spitzensport wohl einfacher, aber ich war und bin nun mal keiner. Wenn jemand ein Egoist ist, hat er dafür vielleicht keine schlaue Frau zu Hause und keine Freunde. Ich habe in meiner Karriere genug lang versucht, mir Eigenschaften anzueignen, weil es geheissen hat, das solle ich tun. Nur musste ich feststellen, dass das nicht ich war.

Sind Sie mit Ihren Charaktereigenschaften auch mal angestanden?

Mehrmals. Ich bin ein Mensch, der sich bei dem, was er macht, etwas überlegt. Ich komme nicht in die Garderobe, ziehe die Schlittschuhe an und lege los. Es gibt auch Leute, die sagen, ich sei ein sensibler Mensch. Sie haben wohl recht. Ich bekomme viele Dinge mit, nehme Schwingungen wahr, reflektiere vieles. Vielleicht überlege ich ab und zu auch zu viel. Es ist logisch, dass dich das dann als Sportler hindert.

Als begnadeter Skorer werden Sie auch über Ihre Punkteausbeute definiert . . .

. . . was mich persönlich aufregt!

Wieso?

Mich interessieren meine Skorerpunkte überhaupt nicht. Ich will, dass die Mannschaft gewinnt. Wenn wir gewinnen, geht man jeden Tag gerne ins Training. Es wird gelacht. Alles ist gut. Wenn man verliert, ist die Stimmung schlecht. Auf den Spieler kommt ein Seich nach dem andern zu. Das frisst Energie und verdirbt die Laune. Da nützt es mir doch nichts, wenn ich viele Tore schiesse. Nur weil einer das macht, muss er noch lange nicht gut gespielt haben. Aber eben, ich werde immer danach gemessen – immer.

Aber Ihnen läuft es in dieser Saison trotzdem nicht nach Wunsch?

Der Start war nicht schlecht. Dann kam diese blöde Verletzung, ich fiel zwei Monate aus. Danach hatte ich tatsächlich Mühe, wieder den Rhythmus zu finden. Als 34-Jähriger ist ein zweimonatiger Ausfall nicht so einfach wegzustecken wie mit 20 Jahren. Jetzt fühle ich mich seit einigen Spielen wieder okay. Irgendwann werden auch die Tore wieder kommen und die Leute werden wieder sagen: «Jetzt spielt er gut.» Ob das dann so ist, sei dahingestellt.

Wann Sind Sie als Hockeyspieler zufrieden?

Wenn unser Block auf dem Eis einen guten Job macht. Am meisten zufrieden bin ich jedoch, wenn man mich in Ruhe lässt.

Wer soll Sie in Ruhe lassen?

Zum Beispiel Journalisten, die keine Ahnung haben. Ich brauche auch keine Schulterklopfer, wenn es mir gut läuft.

Und wann sind Sie privat glücklich?

Mein Problem ist, dass Eishockey so wichtig für mich ist, dass ich es gedanklich oft mit nach Hause nehme. Wenn ich im Hockey nicht glücklich bin, muss ich aufpassen, dass es mein privates Glück nicht beeinflusst. Seit die drei Kinder da sind, ist es zum Glück etwas einfacher geworden.

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