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Mit neuer Liebe zurück an die Weltspitze

Janika Sprunger und ihre Stute Bonne Chance befinden sich in beneidenswerter Form für die anstehende Europameister in Aachen. Die Trennung von ihrem geliebten Palloubet d'Halong warfen sie jedoch zeitweise aus der Bahn.

Calvin Stettler
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Janika Sprunger ist mit ihrer Stute Bonne Chance bereit für die Europameisterschaft in Aachen.

Janika Sprunger ist mit ihrer Stute Bonne Chance bereit für die Europameisterschaft in Aachen.

KEYSTONE

Wer Janika Sprungers Auftritt in den sozialen Medien verfolgt, der wird regelmässig mit Impressionen rund um den Pferdesport bereichert. Als ältester Eintrag entdeckt man ein Bild mit ihr und ihrem Wallach Palloubet d’Halong, datiert auf den 17. Oktober 2013. Es sollte die einzig gepostete Ablichtung des Paars bleiben. Denn Sprunger hatte zu jener Zeit einen auferlegten Neustart zu verarbeiten. Georg Kähny, Besitzer des zehnjährigen Palloubets, hatte aufgrund einer lukrativen Offerte dessen Verkauf eingewilligt – und trennte Sprunger abrupt von ihrer Liebe.

Eine Liebe, die sich durch den damaligen Exploits am hochdotierten Grossen Preis vom Aachen (Rang zwei) und an den Europameisterschaften (Rang sieben) nur noch verdichtete. Es flossen Tränen. Denn Sprunger hatten den Wallach früh übernommen, bildete ihn aus und hievte in auf das Niveau eines Elitepferds. «Ich hatte Angst, dass ich nie mehr so ein Pferd reiten werde», sagt Janika Sprunger heute. Doch die Baselbieterin setzt die Ausbildung ihrer jungen Pferde weiter mit grosser Geduld fort. Palloubet war ja nicht die einzige Beziehung, die Sprunger zu pflegen wusste.

Nie den Anschluss verloren

Dank ihren Back-ups im Stall verlor sie den Anschluss nie. Nie komplett. Die Zeitrechnung nach Palloubet war nicht vom Ruhm geprägt, 2014 im Speziellen. Geduld war gefragt. Und dann war da noch ein Zielkonflikt: Zum einen will man als Reiter möglichst schnell wieder ein wettkampffähiges Pferd zügeln, damit die Konkurrenz nicht davongaloppiert. Zum anderen will man einem talentierten Nachwuchstier die zeitintensive Entwicklungsdauer zugestehen.

Doch für Sprunger stellte sich diese Frage nicht. «Im Zweifelsfall entscheide ich immer zum Wohl des Tieres.» Die Pferde schätzen Sprungers Maxime. Zwischen der besten Schweizer Reiterin und ihren Pferden herrscht sozusagen ein zweiseitiges Mitbestimmungsrecht, ob ein Parcours in Angriff genommen wird. «Diesbezüglich bin ich sicher extrem», weiss die 28-Jährige.

Verheissungsvolle Erfolge

Ihre extremen Züge verhalfen Janika Sprunger aber längst wieder zum Ritt zurück an die Weltspitze. Mit ihrer Stute Bonne Chance, die im Stall Sprungers ursprünglich als Zukunftshoffnung deklariert worden ist, verblüfft sie im Moment die ganze Szene. Platzierungen, die an 2013 mahnen und reichlich Facebook-Beiträge nach fehlerlos gemeisterten Parcours. Auch dieses Paar vereint längst eine Liebe, basierend auf Geduld. Die Kommunikation mit Sprungers Stute funktionierte zu Beginn nicht reibungslos.

Mittlerweile sei «Bonnie» vollends aufgetaut. Und wie. Mit dem erstmaligen Sieg an einem Grand Prix der Fünf-Sterne-Kategorie sowie den jüngsten Darbietungen am Nationen Cup erweist sich die Form des Duos gerade im Hinblick auf die bevorstehenden Europameisterschaften in Aachen verheissungsvoll. Nie hätte Sprunger nach dem Verkauf von Palloubet gedacht, dass dessen Halbschwester Bonne Chance nach zwei Jahren so weit sein würde.

«Ich will eine Teamstütze sein»

Gleichzeitig ist Sprunger froh, dass ihre Erfolge nun nicht mehr nur auf ihre erste Liebe mit Palloubet reduziert werden können. Automatisch ruhen auf dem formstarken Paar auch Hoffnungen. Janika Sprunger hat grosse Erwartungen an sich und ihre Stute. Vor allem in den ersten drei Durchgängen des Nationen Cups erwartet die Baselbieterin souveräne Auftritte, um die Olympia-Qualifikation der Schweizer Delegation sicherzustellen. «Ich will eine Teamstütze sein», sagt sie dezidiert.

Doch sowohl sie als auch Equipen-Chef Andy Kistler verweisen auf die qualitative Breite im Team. Kistler attestiert der einzigen Dame in der Schweizer EM-Delegation die Qualität, in den vorderen Rängen mitmischen zu können. An den Einzelfinal will Sprunger aber noch nicht denken. Das käme zu früh. Möglicherweise auch für das Pferd, das aufgrund der langen Saison vieles zu verarbeiten hat. Für Janika Sprunger steht deshalb fest, dass sie Bonne Chance auch an der EM nicht verheizen will. Gut möglich, dass sie am Ort ihres bisher grössten Triumphs wieder vorne mitspringt. Vielleicht ja so erfolgreich, dass das älteste Bild auf ihrem Facebook-Profil gar droht, in Vergessenheit zu geraten.