Den Titel Pechvogel des Jahres hat Mountainbikerin Katrin Leumann jetzt schon auf sicher. Wenn sie ihren Freundinnen und Freunden erzählt, was sie in den letzten Wochen und Monaten alles durchmachte, reagieren diese überwiegend ungläubig. «Die meisten kaufen mir die Geschichte fast nicht ab», sagt die 33-Jährige aus Riehen. Im Januar und Februar verbrachte die Europameisterin von 2010 insgesamt einen Monat im Spital. Dabei hatte sie vorher noch nie einen Knochen gebrochen. «Nicht einmal bei meiner Geburt war ich länger als einen Tag im Spital», sagt sie mit einem Lachen.

Dass Katrin Leumann ihr Lachen wieder gefunden hat, ist alles andere als selbstverständlich und wohl auch ihrem Naturell zuzuschreiben. Das Unglück nahm am 20. Januar seinen Lauf. Beim Technik-Training mit der Nationalmannschaft stürzte Leumann, brach sich das Radiusköpfchen im Ellenbogen und den Kiefer. Zwei Tage später wurde sie operiert. Nach Absprache mit ihren Vertrauensärzten entschied man sich, die seit längerem geplante Nasenscheidenwandoperation unter derselben Vollnarkose durchzuziehen.

Und dann wars der Blinddarm

So weit, so gut. Drei Tage später durfte Leumann wieder nach Hause. Doch nicht für lange. Obwohl sie unter dem Einfluss von Schmerzmitteln stand, spürte sie plötzlich ein Stechen in der Leiste. Der Blinddarm. Eine Woche nach der Entlassung wurde Leumann wieder ins Spital in Basel eingeliefert und notfallmässig operiert. Zwei Tage dauerte diesmal der Aufenthalt. So weit, so gut also. Oder doch nicht? Zwei Tage später, Leumann war bei ihrem Freund in Jona, waren die Schmerzen zurück. Sie suchte einen Arzt auf. Die Entzündungswerte waren horrend hoch. Der CRP-Wert im Blut, ein Indikator für entzündliche Erkrankungen, betrug 230. Als Grenzwert für Erwachsene gilt 10. Bei schweren Infektionen und Verbrennungen kann der Wert auf über 200 steigen.

Leumann wurde ohne Umwege ins nächste Spital nach Männedorf eingeliefert. Nach etlichen Untersuchungen stand fest, dass eine bei der Blinddarm-OP montierte Klammer abgefallen war. Ein ebenso seltenes wie unglückliches Ereignis, das einem geplatzten Blinddarm gleichkommt. Ein erneuter Eingriff wurde nötig. Diesmal verbrachte Leumann 23 Tage im Spital. Bei der Entlassung flossen Freudentränen. Vielleicht sogar mehr als beim EM-Titel.

Kleine Schritte auf dem Weg zurück

Mittlerweile befindet sich Leumann auf dem beschwerlichen Weg zurück. Das Mountainbike an den Nagel zu hängen, daran habe sie nie gedacht, beteuert sie. Doch während ihre Kollegen in Südafrika beim Cape Epic einen ersten Saisonhöhepunkt feiern, sind bei Leumann kleine, zaghafte Schritte angesagt. Die Entzündungswerte liegen wieder unter dem Grenzwert, doch der ursprüngliche Trainingsplan ist ebenso in weite Ferne gerückt wie der Weltcup-Auftakt Mitte Mai in Nové Mesto (Tsch).

«Ich fühlte mich so schwach, so kaputt, alles braucht nun seine Zeit», sagt Leumann. Das Zähneputzen im Spital war so anstrengend wie ein Weltcup-Rennen, Autobahnüberführungen fühlen sich mittlerweile so steil an wie die Alpe d’Huez. Immerhin konnte Leumann die letzte Woche im Trainingslager in Zypern mit ihrem Team verbringen. Teamfotos waren angesagt, da wollte sie nicht fehlen. 10-minütige Trainings auf der Rolle und kurze Ausfahrten waren auch möglich.

Heute reist sie mit der Nationalmannschaft in die Toscana. Auch, um etwas Normalität einkehren zu lassen und die sozialen Kontakte zu pflegen. Der Muskelkater in den Oberschenkeln zeigt ihr, dass es aufwärts geht. Es sind derzeit Kleinigkeiten, über die sie sich freuen kann. Drei Monate wird der Aufbau dauern, rechnet Leumann. In der zweiten Saisonhälfte, wenn die Qualifikationsrennen für die Olympischen Spiele beginnen, will sie wieder am Start stehen. «Wer weiss», sagt Leumann kämpferisch, «vielleicht komme ich stärker aus der Verletzung zurück?» Zu gönnen wäre es ihr allemal.