Schweizer Nati
Nahbarer Neustart nahe der alten Heimat: Die Ära Murat Yakin bei der Schweizer Nati hat begonnen

Mit einem öffentlichen Training in Basel startet die Schweizer Nati in die Ära Murat Yakin. Vieles ist gleich, kleine Details aber sind neu.

Céline Feller
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Murat Yakin zeigt, wo er unweit des FCB-Campus aufgewachsen ist.

Murat Yakin zeigt, wo er unweit des FCB-Campus aufgewachsen ist.

Keystone

Erst ist es ein schüchternes, aber freundliches Lächeln. Dazu ein Winken in Richtung der Medienschaffenden, die seinen ersten Arbeitstag auf dem Platz mitverfolgen. Dann kommt er näher, sagt zu einem Fotografen: «Siehst du, dort bin ich aufgewachsen. Dort!» Er zeigt über den Fotografen hinweg, in Richtung Münchenstein, diesem Ort im Kanton Baselland, wo er aufgewachsen ist. «Genau da. Jetzt weisst du, wo wir sind.» Er lacht, wendet sich ab, und betritt den Rasen. Als erstes Mal als Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. Er, das ist Murat Yakin.

Wenige Minuten zuvor kommt er gemeinsam mit seiner Mannschaft im Car an. Yakin, der den Nachwuchscampus des FC Basel – den Ort seines ersten Training – noch aus früheren Zeiten bestens kennt, steuert auf eine Bank zu. Die Turnschuhe, sie werden gegen Fussballschuhe ausgetauscht. Das Tenue sitzt nun komplett. Trainingspulli, lange Trainerhose, Kickschuhe. Er ist bereit. Noch ein kurzer Spass mit Goalietrainer Patrick Foletti. Dann kann es los gehen.

Drei Wochen hat er auf diesen Moment warten müssen. Drei Wochen ist es her, seit bekannt wurde, dass er der Nachfolger von Vladimir Petkovic wird. Seither gab er Zeitungsinterviews, trat im Fernsehen auf, telefonierte mit Spielern und seinem Staff. Später, nachdem seine erste Einheit als neuer Nationaltrainer beendet ist, sagt er:

«Jetzt endlich auf dem Platz zu sein, das war ein erfreulicher Moment. Das erfüllt mich mit Stolz und es ist eine grosse Ehre.»

Hochdeutsch, Schweizerdeutsch und ein bisschen Französisch

Um 16.59 Uhr beginnt diese. Da steht er erstmals vor seiner neuen Mannschaft. Schweiz statt Schaffhausen heisst es nun. WM-Qualifikation statt Challenge League. Yakin versammelt die von ihm Auserwählten für sein erstes Aufgebot um sich. Spricht zu ihnen, leise. Auf Hochdeutsch, so, wie er das mit allen Anweisungen in der folgenden Stunde auf dem Platz tun wird. Zwar wechselt er zu Schweizerdeutsch, wenn er mit Granit Xhaka oder Breel Embolo spricht, und zu Französisch, wenn er Andi Zeqiri etwas mitgeben möchte. Aber die Amtssprache unter ihm, die scheint Hochdeutsch zu sein.

Seine Premieren-Worte sind Worte der Gratulation, auch das erzählt er später. Eine Gratulation zu dem, was man an der EM Historisches erreicht hat, diesen Viertelfinaleinzug. Seither haben sich die Spieler nicht mehr gesehen. Yakin sagt:

«Ich habe ihnen auch gesagt, dass ich glücklich bin, vor ihnen zu stehen und dass ich mir eine tolle Zusammenarbeit wünsche, ebenso wie eine erfolgreiche Zeit.»

Danach rollt der Ball. Die Ära Yakin beginnt um kurz nach 17 Uhr an diesem 30. August.

Kurz zuvor nutzt Yakin die Chance, alte Freunde zu begrüssen. Freunde aus Zeiten, in denen er noch beim FC Basel war. Ein Gespräch mit FCB-Goalietrainer Massimo Colomba und Germano Vailati, einst Goalie bei den Baslern, nun im Nachwuchs tätig. Die Verbundenheit Yakins zu dem Ort, an dem er seinen Einstand gibt, zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Nachmittag. Neben dem Rasen kann er kaum Schritt tun, ohne jemanden wiederzusehen.

Auf dem Platz, da hat man das Gefühl, dass Yakin ein bisschen Zeit braucht, bis er auftaut. Anfangs hält er sich zurück, beobachtet aus ein paar Metern Entfernung erste Ball-Halte-Übungen. Danach teilt er Teams auf - und taut langsam auf. Bei einem intensiven, matchähnlichen Spiel wird Yakin lauter, aktiver. «Ins Zentruuuum», schreit er. «Zwei zu null für euch», zählt er mit. «Tu dois bouger, Andi!», weist er Zeqiri an. Und schliesslich beendet er die Übung mit einem lauten Pfiff.

Es folgt eine Abschlussübung. Die Stimmung wird immer lockerer, Yakin nähert sich seinen Spielern immer mehr an. So, wie er da inmitten von Xhaka, Manuel Akanji und Nico Elvedi steht, verschwindet er fast schon, wird fast ein bisschen einer von ihnen. Es wirkt alles kollegial, nah, greifbar. Distanzen von früher gibt es nicht mehr. Zu niemandem.

Deutlich wird das auch nach dem Training, als Yakin minutenlang Autogramme schreibt, für Selfies mit den 50 anwesenden Fans posiert, oder vor laufender Kamera dem Medienchef mit einer Faust dankt, dass er bereits kommuniziert hat, dass Ulisses Garcia den angeschlagenen Kevin Mbabu ersetzen wird.

Stillstand nein, aber auch nicht die ganz grosse Veränderung

Nachdem das Training zu Ende ist, nimmt Yakin sich noch zwei Akteure zur Seite. Mit Embolo spricht er lange, seine Fitness ist unklar, hat er doch erst vor Kurzem wieder mit dem Training beginnen können. Mit Xherdan Shaqiri spricht er auch lange, Arm in Arm. Man kennt sich. Yakin will wohl sondieren, wie es dem 29-Jährigen nach seinem Transfer zu Olympique Lyon geht. Wo seine Spieler stehen, das müsse er generell noch anschauen.

«Am Abend steht noch eine Analyse des ersten Trainings an. Es gilt Entscheide zu fällen», so Yakin. Jetzt steht er vor den Medien. Seine erste knapp einstündige Einheit ist zu Ende. Er muss Eindrücke verarbeiten und in Worte fassen. Und eine Richtung vorgeben, Veränderungen ankündigen. Wobei er sagt:

«Viel will ich nicht verändern. Ich schätze es sehr, was Vlado getan hat. Ein bisschen an Details arbeiten will ich aber natürlich. Ich bin gespannt, was ich noch aus den Spielern herauskitzeln kann.»

Es sei Grosses geleistet worden. «Aber Stillstehen im Sport, das ist nie ein Option. Daher mus man immer etwas Besseres machen. Darauf freue ich mich mit dieser Mannschaft, die viel Qualität hat.»

Dann geht er von dannen. Der erste Tag auf dem Platz ist zu Ende. Er weiss, dass noch viel ansteht, bevor morgen das Testspiel gegen Griechenland und am Sonntag der Knüller gegen Italien ansteht. Aber Yakin verlässt den Platz nicht, bevor er nicht weitere alte Freunde begrüsst. Mario Cantaluppi oder FCB-Teamcoach Gusti Nussbaumer. Umarmungen. Gelassenheit. Nähe. Es ist ein guter Vibe, den Yakin an seinem ersten Tag nahe seiner Heimat Münchenstein versprüht.

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