Orientierungslauf ist in der Schweiz medial im Umbruch. Zwar gewinnen die Athletinnen und Athleten mit Karte und Kompass weiterhin Titel und Medaillen am Laufmeter. Aber nach dem Rücktritt von Simone Niggli-Luder sucht die Sportart ein neues Aushängeschild, ein Gesicht. Denn es ist eine Tatsache: Nur mit charismatischen Typen kann eine Randsportart in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erlangen. OL war dank Niggli-Luder ein exemplarisches Beispiel dafür. Potente Sponsoren, Live-Übertragungen im Fernsehen und eine intelligente Verbandspolitik sorgten dafür, dass die Disziplin nach langer Zeit im dunklen Wald zu Beginn der Jahrtausendwende auf einmal «wichtig» wurde.

In der Rolle des Kronprinzen

Auch Matthias Kyburz aus Möhlin erfuhr bei seinem WM-Titelgewinn 2012 in Lausanne, wie man nur die zweite Geige spielt, wenn man gleichzeitig mit «Gold-Sime» Weltmeister wird. Trotzdem durfte der damals 22-Jährige für sich in Anspruch nehmen, der Kronprinz für die Rolle des zukünftigen Aushängeschilds zu sein. Jung, unglaublich schnell, adrett im Aussehen, smart im Gespräch und mit einem gewinnenden Zahnpasta-Lächeln ausgestattet – Kyburz bringt Eigenschaften mit, welche andere Topläufer in dieser Kombination nicht zu bieten haben. Der Aargauer durfte nach seinem WM-Titel ins Schaufensterlicht des Schweizer Super-Zehnkampfs, ansonsten das OL-Privileg von Niggli-Luder. Er galt dank seines Potenzials als möglicher Langzeit-Dominator der Sportart.

Paradoxe Situation

Eineinhalb Jahre später präsentiert sich die Situation etwas paradox. Kyburz hat zwar unglaublich viel gewonnen, nur nicht dort, wo er damit in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt wäre. Er holte zweimal den Gesamtweltcup, war Seriensieger an den World Games der Randsportarten in Kolumbien, triumphierte letztes Jahr praktisch bei jedem Sprint-Rennen – ausser an den Weltmeisterschaften. Von den Titelkämpfen in Finnland reiste er ohne Medaille nach Hause. Ebenso von der Europameisterschaft in diesem Frühling in Portugal, die zu einem Edelmetall-Schaulaufen ohne Fricktaler Beteiligung avancierte. Kyburz wartet deshalb weiter auf seine erste EM-Einzelmedaille. Auch an den Schweizer Meisterschaften 2013 und 2014 holten andere Gold.

Für Kyburz selber ist der Begriff «Durststrecke» eine Aussensicht. Er selber hat andere Eindrücke: «Solange ich bei jedem Rennen mit dem Gefühl am Start stehe, dass ich es gewinnen kann, solange stimmt es für mich. Erst wenn mein Selbstvertrauen darunter leiden würde, müsste ich mir ernsthafte Sorgen machen», sagt der 24-jährige Biologie-Student (auch Niggli-Luder hat Biologie studiert), der seit September in Bern wohnt.

WM im Juli in Italien

Beachtet will Kyburz ohnehin nicht wegen seines Lächelns, sondern wegen seiner Erfolge werden – wobei die beiden Punkte ja meistens in Beziehung zueinander stehen. Das weiss auch der Sprint-Spezialist. «Wenn ich im Juli an der Weltmeisterschaft in Italien keine Medaille gewinne, dann werde ich auf jeden Fall enttäuscht sein.» In der Stadt Venedig (Sprints) und im voralpinen Trentino warten vier Chancen auf Edelmetall. Kyburz wird den Sprint, die neu ins Programm aufgenommene Mixed-Sprintstaffel sowie die klassische Staffel und das Langdistanzrennen bestreiten. Im Sprint, wo Sekunden über Erfolg und Misserfolg entscheiden, ist er per se Topfavorit, doch die Langdistanz ist sein wichtigstes WM-Projekt. Er hat das Potenzial, auch in der Königsdisziplin Grosses zu vollbringen. «Nur ist mir dies international noch nie gelungen. Aber ich freue mich sehr darauf, den Beweis anzutreten, dass ich auch dort zu den Besten der Welt gehöre».

Es fehlt nur das Siegerlächeln

Schon heute kann Matthias Kyburz beweisen, dass er auch der Beste der Schweiz ist – an der Schweizer Meisterschaft über die Mitteldistanz im französischen Jura. Es wäre das Ende seiner Titel-Durststrecke. Eine Durststrecke, zu welcher er lapidar sagt: «So schlecht war ich in den letzten zwei Jahren auch wieder nicht.» Nimmt man die messbaren Komponenten der Leistungsfähigkeit, dann darf sogar bilanziert werden: Kyburz war noch nie so gut. Für die Rolle des Aushängeschilds fehlt eigentlich nur noch das Siegerlächeln.