Doch an diesem neblig-kalten Morgen herrscht drinnen im Trainingsraum eitel Sonnenschein. Gjergjaj steuert über sein Handy das Musikprogramm. Er wählt einen kubanischen Radiosender aus Havanna. Und der 33-Jährige grinst dazu wie ein Schulbub in der letzten Stunde Unterricht vor den grossen Ferien.

Aus den Lautsprechern ertönen nach einigen Sekunden satte Salsa-Klänge, die jedem Klischee über die Karibik-Insel gerecht werden. Hinter aufgehängten roten Sandsäcken beginnt eine zweite Person laut zu lachen.

Arnold Gjergjaj.

Arnold Gjergjaj.

Gjergjaj kreist die Hüften, so elegant es für einen 196 cm grossen und 107 kg schweren Koloss nun mal geht. Der Mann mit dem südländischen Charme tritt aus dem Hintergrund hervor und erwidert das spontane Tänzchen. Der Pratteler Profiboxer und sein besonderer neuer Stammgast lachen sich gegenseitig an.

Kubanischer Einfluss

Diese kurze Szene widerspiegelt die derzeitige Situation perfekt. Nach einer einjährigen Kampfpause wegen einer Zwerchfell-Verletzung bereitet sich Gjergjaj seit rund sechs Wochen wieder intensiv auf den nächsten Kampf am 9. Dezember im Grand Casino Basel vor. Sein Gegner soll der Ire Sean «Big Sexy» Turner sein, der elf seiner zwölf Kämpfe als Profi gewonnen hat und auf Position 161 der unabhängigen Weltrangliste geführt wird.

Arnold «The Cobra» Gjergjaj (rechts) bei einem Kampf im Juni in der St. Jakobshalle.

    

Gjergjajs Mentor und Manager Angelo Gallina wiegelt ab: «Solange die Verträge nicht unterschrieben sind und der Kampf nicht bewilligt ist, kommunizieren wir keine Gegner.» Er weiss nur zu gut, was das Wort «definitiv» im Profiboxen bedeutet.

Und er weiss ebenso genau, wie schwierig sich die Gegnersuche für seinen Schützling und Freund gestaltet. Gjergjaj hätte nichts dagegen, einen in den Ranglisten besser positionierten Kontrahenten vor die Fäuste zu bekommen. Doch diese wollen für einen Auftritt viel Geld, oft unverschämt viel Geld.

Lockrufe aus Hamburg

Auch Turner kostet einen tiefen fünfstelligen Betrag. Einen solchen hat man in den letzten Wochen auch der Kobra angeboten, um an einem Meeting in Hamburg am 22. Dezember den Hauptkampf zu bestreiten. Gegen ein ganz anderes Kaliber, den ursprünglich aus der Ukraine stammenden deutschen Ex-Europameister Alexander Dimitrenko. «Ich hätte diesen Kampf sofort genommen», sagt Arnold Gjergjaj, «doch leider stimmen die Konditionen für uns nicht».

Der Basler meint damit nicht das Geld. Deswegen betreibt er seine grosse Leidenschaft schliesslich nicht. Er spricht von der Bedingung, sich bei einem Sieg für weitere Kämpfe unter dem Label eines deutschen Boxpromoters zu verpflichten. Das wollen Gjergjaj und Gallina nicht. Sie haben im oft schmierigen Profibox-Milieu die Fäden lieber in den eigenen Händen.

Arnold «The Cobra» Gjergjaj beim Training im Boxkeller des Boxclubs Basel in Basel.

Arnold «The Cobra» Gjergjaj beim Training im Boxkeller des Boxclubs Basel in Basel.

Die Kobra lässt aber keinen Zweifel daran, dass er seine Karriere noch einmal so richtig lancieren will. Beim ersten Anlauf endete der Griff nach den Sternen vor anderthalb Jahren nicht nach Gjergjajs Plan. Auf jene Sterne bei der K.-o.-Niederlage gegen David Haye kann er künftig gut verzichten.

Ein Sparringpartner von Format

Womit wir wieder beim Salsa wären. Schon länger hatte das Duo Gjergjaj/ Gallina erkannt, dass ein neuer Trainer wesentliche Voraussetzung dafür ist, beim Duell mit dem nächsten Topgegner besser abzuschneiden. Weil verheissungsvolle Boxtrainer in der Schweiz nicht wie Sand am Meer gestreut sind, dauerte die Suche ihre Zeit.

Doch nun haben sich zwei gefunden. Seit Anfang November betreut der gleichaltrige Kubaner Liesser Guzman die Kobra täglich. Guzman hat selber eine höchst erfreuliche Amateurkarriere als kubanischer Meister mit mehr als 300 Kämpfen hinter sich. In Bern betreute er die frühere Weltmeisterin Aniya Seki und holte sich dafür viel Lob ab.

Dass auch Gjergjaj mit dem neuen Mann an seiner Seite harmoniert, sieht man nicht nur beim Salsa-Tänzchen. Der gross gewachsene Kubaner, der mit einer Schweizerin verheiratet ist, fordert seinen Schützling auch beim Sparring. «Da gibt er richtig Gas. Ich kann viel von ihm lernen, denn rein technisch ist er mir überlegen», sagt Gjergjaj.

Weltrangliste Nummer 36

Und Guzmann will die Kobra nicht nur für den Kampf am 9. Dezember fittrimmen, sondern ihn derart formen, dass er auch gegen einen Gegner aus den Top 30 der Weltrangliste bestehen kann. Selber ist Arnold Gjergjaj derzeit die Nummer 36.

Dafür soll der gebürtige Kosovare tatsächlich tanzen. Zwar nicht unbedingt Salsa und wohl auch nie so leichtfüssig wie das grosse Idol Muhammad Ali, aber im Ring doch mehr in Bewegung bleiben und mit besserer Beinarbeit als zuletzt agieren. Der Zeitpunkt scheint günstig. Gjergjaj ist fünf Kilogramm leichter als bei seinem letzten Kampf und er hat sich offensichtlich anstecken lassen vom lockeren kubanischen Lifestyle seines Trainers.

Also doch ein kubanisches Tänzchen der Kobra. Damit würde er im Ring nicht nur seine Gegner, sondern ganz sicher auch zu Hause seinen vier Monate alten Sohn Kastriot Rio verblüffen. Dieser ist für Papa Gjergjaj das Wichtigste im Leben. «Ich bin in Gedanken immer bei ihm und meiner Frau.

Und ich leide so richtig mit, wenn es ihm nicht gut geht.» Letzte Woche musste er bei der Impfung des Kleinen sogar die Arztpraxis verlassen. «Ich konnte nicht mit ansehen, wie er eine schmerzhafte Spritze bekommt», sagt Arnold Gjergjaj. Für seine Gegner im Ring gilt dieses Mitleid weiterhin nicht, selbst wenn er künftig auch um sie herumtänzeln sollte.