Diese Tage hatte sie sich anders vorgestellt. Eigentlich hätte Vanessa Utzinger die Kleidung für das Schweizer Universiade-Team fassen sollen. Eigentlich müsste sich die 21-Jährige auf dem Weg ins spanische Granada befinden, wo sie an den Winterspielen der Studenten ihre Nation vertritt.

Eigentlich müsste sich die Skifahrerin auf ihre Einsätze in den technischen Disziplinen vorbereiten. «Die Teilnahme an der Universiade wäre mein bisheriger Karriere-Höhepunkt gewesen», sagt Vanessa Utzinger. Stattdessen hockt sie in der heimischen Stube in Frenkendorf, den linken Arm in einer Schlinge.

Das Unglück geschah einen Tag vor der offiziellen Einkleidung der Athleten. Vanesse Utzinger wollte in Adelboden an den Start gehen. 20 Meter vor dem Starthäuschen schwang sie ab, fiel hin und renkte sich die Schulter aus. «Ich bin mit den Skiern gestolpert», sagt sie kopfschüttelnd.

Die Tragweite dieses Stolperers war ihr sofort bewusst. Bereits im September im Trainingslager auf Sardinien hatte sie sich die linke Schulter ausgerenkt. «Noch einmal», sagten damals die Ärzte, «und die Karriere ist zu Ende.» Nun ist es wieder passiert. Jetzt wartet Vanessa Utzinger auf den Operationstermin am 30. Januar.

Kein Weltuntergang

«In den ersten Tagen nach dem Karriere-Ende fühlte ich mich wie vom Zug überrollt», sagt Vanessa Utzinger, «ich lief rum wie eine Leiche.» Sie wurde krank. Doch die aufgestellte junge Frau liess sich den Lebensmut nicht nehmen. Mithilfe der Mentaltrainerin schaffte sie es in nur einer Sitzung, mit dem Vergangenen abzuschliessen und eine neue Türe zu öffnen.

Ihre Devise: «Wenn Plan A nicht funktioniert, keine Sorge, das Alphabet hat noch 25 weitere Buchstaben...» Rückschläge musste Vanessa Utzinger schon oft hinnehmen. Die Bilanz der letzten sechs Jahre: Kreuzbandriss, Kreuzbandanriss, Schlüsselbeinbruch, Schienbeinverletzung, Blinddarm-Operation und nun wieder die Schulter. «Ich habe das Spital oft von innen gesehen», sagt sie.

Vier Saisons fuhr sie Fis-Rennen, schaffte den Sprung ins C-Kader von Swiss-Ski. Als sie in den Jahren 2011 und 2012 wegen der Verletzungen nur zwei Rennen absolvieren konnte, wurde sie wieder ins Nationale Leistungszentrum West in Brig verbannt. Brig ist so etwas wie ihre zweite Heimat geworden, das hört man mitunter auch ihrem Dialekt an.

Vanessa Utzinger war noch keine 16 Jahre alt, als sie sich auf den Weg ins Wallis machte, um am Internat Spiritus Sanctus die Sportschule zu besuchen. «Anfangs war die Trennung schlimm», erinnert sich Mutter Doris, «Vanessa war unser Nesthäkchen.» Doch für die erträumte Ski-Karriere, für die Selbstständigkeit und ihre Disziplin war es der richtige Schritt, ist Vanessa Utzinger überzeugt.

Nun auf die Polizeischule

Seit über einem Jahr hat sie nun die Matura im Sack und sich seitdem aufs Skifahren konzentriert. Nebenbei jobbte sie bei einer grossen amerikanischen Fast-Food-Kette. Wenn alles rund gelaufen wäre, hätte sie im Frühjahr den Sprung ins B-Kader von Swiss-Ski angepeilt.

Doch nun folgt sie dem Rat der Ärzte. Nach der Schulter-OP muss sie drei Monate pausieren. Die Skiausrüstung hat sie an den Nagel gehängt, den Traum von der Sport-Karriere beendet. Ganz aufs Skifahren verzichten will sie freilich nicht. «Einmal in Kanada Heliski fahren, das wärs», sagt sie. Als Skilehrerein arbeiten, wie das ihre ältere Schwester Chantal im Nebenjob tut, möchte sie hingegen nicht.

Plan A hat nicht geklappt. Doch ihr ansteckendes Lachen hat Vanessa Utzinger nicht verloren. Nun muss eben Plan B her. Im Sommer will sie die Aufnahme-Prüfung für die Polizeischule absolvieren. «Ich hoffe, das klappt», sagt sie, «denn ein Plan C ist noch nicht wirklich vorhanden.» Die Mutter glaubt, die Sache mit der Gesetzeshüterin könnte passen.

«Vanessa ist ehrgeizig, verfügt über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ist unternehmungslustig», sagt sie. Und für die Tochter ist klar: «Ich bin nicht der Typ für ein Studium, und den ganzen Tag im Büro hocken könnte ich auch nicht.» Sie will mit Menschen zu tun haben, in einem Team arbeiten und einem abwechslungsreichen Job nachgehen.

Kein Selbstmitleid 

«Ich mag Spontaneität, ich will nicht wissen, was mich am Montag erwartet», sagt Vanessa Utzinger, «Polizistin ist ein taffer Job, das passt zu meinem Charakter.» Die 21-Jährige will nach vorne blicken. Das hat sie in ihrer Karriere gelernt. Genauso wie das Ausblenden von Schmerzen. «Ich habe mich auf die Universiade gefreut», sagt sie, «aber es bringt nichts, dem Verpassten nachzutrauern.»

Aus dem Kollegen- und Familienkreis bekam sie oft zu hören: «Du hast schon wahnsinniges Pech.» Selbstmitleid wolle sie nicht haben, entgegnet Vanessa Utzinger, und fügt nach einer kurzen Pause an: «Aber besonders viel Glück habe ich schon nicht gehabt.»