Da sass er also. Braune Locken, braun-grüne Augen, ein Rosenkranz um den Hals. Neben dem schüchternen Jungen sein Vater und FCB-Trainer Christian Gross. Letzterem war es geschuldet, dass Julio Hernán Rossi an diesem heissen Tag im August 2003 ins Radisson Blu Hotel an der Steinenstrasse schlenderte.

Er solle kommen, seinen Landsmann in Empfang nehmen, den 20-jährigen Matías Emilio Delgado. Ein Rohdiamant, das wusste Rossi vom Hörensagen. Aber einer, der Hilfe braucht, wie Rossi selbst, als er fünf Jahre zuvor den Schritt über den Atlantik wagte und bei Lugano anheuerte. Hilfe auf einem neuen Kontinent. In einem Land, von dem er weder Kultur noch Sprache kennt.

Matias Delgado, zu seiner Anfangs- und Schlusszeit beim FCB.

Matias Delgado, zu seiner Anfangs- und Schlusszeit beim FCB.

Rossi und Christian Giménez waren ausersehen, diesen Rohdiamanten unter ihre Fittiche zu nehmen und dafür zu sorgen, dass sie ihn in Basel in aller Ruhe zum Brillanten schleifen können. «Es gab so viel Neues für ihn damals», erinnert sich Rossi. Pünktlichkeit. Andere Essenszeiten. Das Angurten im Auto. Oder Zuverlässigkeit. «Wenn man in der Schweiz Abmachungen trifft, dann hält man sich daran. Diesbezüglich tickt Argentinien wohl schon ein bisschen anders», sagt Rossi und lacht.

«Du hast eh keine Chance»

Und so hat er seinen Landsmann mitgenommen, ihm Kultur, Menschen und Stadt näher gebracht. Oft kam Delgado zum Essen zu ihm. Am Aeschenplatz, wo Rossi wohnte. Anders als Christian Giménez, der mit seiner Familie in Ettingen hauste, lebte Rossi zusammen mit seiner Schwester Maria Laura nur wenige Fussminuten von Delgados Hotel entfernt. Oft kochte sie für ihren Bruder und den Jungen mit dem lockigen Haar. «Wir haben alles gemacht, dass er seine Heimat nicht vermisst, dass er sich wohl fühlt», sagt Rossi. Und irgendwie schienen sich dieser Jüngling und seine Schwester bestens zu verstehen. Oft sassen sie stundenlang am Tisch, redeten, lachten, flunkerten.

Rossi ahnt nichts, als Delgado eines Tages zu ihm kommt und sagt, dass er seine Schwester ausführen möchte, ob das für ihn als Bruder okay sei: «Ich dachte nie, dass es etwas Ernsthaftes ist und sagte ihm provokativ, dass er sie vergessen solle und eh keine Chance habe.» Es kam anders. Matías und Maria verliebten sich, sie heirateten. Heute haben sie zusammen drei Kinder: Victoria (4), Dolores (9) und Nicolas (11).

Captain Delgado feiert mit seiner Familie auf dem Barfi

Captain Delgado feiert mit seiner Familie auf dem Barfi

So schnell sich Delgado mit seinen Landsleuten beim FCB anfreundet, so
harzig verläuft sein Start fussballerisch. Er trifft selten bis nie, wird von Christian Gross nach ein paar Partien nicht mehr aufgeboten. Zu fahrig sein Defensiv-Verhalten, zu riskant seine Pässe nach vorne, zu selten verstanden. Sein Entdecker, FCB-Chefscout Ruedi Zbinden, sagte zur bz: «Im Winter mussten wir mit Matí Klartext reden.» Er musste sich auch fussballerisch anpassen. An ein schnelleres Spiel. An die Ansprüche seines Trainers.

Rossi sieht eine weitere Dimension: «Matí dachte schneller als der Rest des Teams. Er war immer einen Schritt voraus, sah Räume, die keiner sah ausser ihm. So veränderte er den mentalen Rhythmus auf dem Platz. Als wir begannen zu verstehen, war plötzlich alles wunderbar.»

Delgado blüht auf. Plötzlich schiesst er Tore. Und er schlägt Pässe wie kein anderer. Mitten ins Herz des Basler Publikums. Nach einer harzigen ersten Saison und zwei starken Folgejahren verabschiedet er sich in die Türkei. Er wird die Nummer 10 bei Besiktas Istanbul. Er wird Meister und Cupsieger. Die Fans lieben ihn auch am Bosporus.

Nur das FCB-Wappen geküsst

Nach einem Abstecher in die Wüste von Abu Dhabi kehrt er vor vier Jahren zurück nach Basel. Es ist ein Herzensentscheid, eine Heimkehr. Nie in seiner Karriere hat er ein Vereinswappen geküsst. Ausser jenes des FCB. Doch erneut ist sein Start holprig, die Erwartungen grösser als sein Einfluss auf das Spiel. Erst vor zwei Jahren unter Urs Fischer findet er zu alter Grösse
zurück. Das Vertrauen des Trainers zahlt er zurück mit Zuckerpässen, technischen Kabinettstückchen und Toren.

Delgado fühlte sich mit dem FCB stets verbunden.

Delgado fühlte sich mit dem FCB stets verbunden.

Im Winter 2017 verlängert er seinen Vertrag nach langer Bedenkzeit. Vermutlich spürte er schon damals, dass die Kräfte schwinden, der Wille ermattet. Doch da waren all diese Menschen, die unbedingt wollten, dass er weitermacht. Die Klubführung, die eigenen Kinder, seine Frau, die Fans – er konnte kaum Nein sagen. Kaum verlängert, wurde bekannt, dass Heusler und Heitz gehen. Ein Schock für Basel, ein Schock für Delgado. Tief in ihm drin beginnt es zu brodeln. Nach aussen ist nichts zu merken. Delgado ist immer da, immer motiviert, immer vorneweg. Das Herz in der Kabine, ein Führungsspieler auch ohne grosse Worte, ohne lautes
Gebrüll.

Dann der Rücktritt Ende Juli. Überraschend für alle. Aber er konnte nicht mehr. Er war leer und stand plötzlich vor der grossen Leere. Dennoch fühlte er sich erlöst. Er konnte und wollte nicht mehr. Ein neuerlicher Schock für den FCB. Basel weinte, als er ging. Er, der Pässe schlug wie kein anderer. Er, der sich trotz aller Glanzpunkte nie als etwas Besonderes sah. Er, der zwar ein Star war, aber nie wie einer auftrat. Ein FCB ohne Delgado? Schlicht nicht vorstellbar für viele Fans. Und so kam es, wie es kommen musste: Delgado spielt zwar nicht mehr für den FCB, und doch bleibt er den Baslern erhalten. Als Mitglied des Trainerteams und als Botschafter, wie der Klub am Freitag bekannt gab. Die Locken sind längst weg, die Liebe zum Klub ist geblieben.