Paralympische Spiele
Viel Gastfreundlichkeit und ein zu grosses Handicap: Warum für Karin Suter-Erath in Tokio keine Medaille drin lag

Karin Suter-Erath verpasst an den Paralympischen Spielen im Badminton die erträumte Medaille. Heimgekehrt ist sie dennoch zufrieden, weil sie mental bereit gewesen war. In den kommenden Wochen steht sie vor einer wegweisenden Entscheidung.

Simon Leser
Drucken
Teilen
Karin Suter-Erath spielte in Tokio erstmals Rollstuhlbadminton an Paralympischen Spielen.

Karin Suter-Erath spielte in Tokio erstmals Rollstuhlbadminton an Paralympischen Spielen.

Ennio Leanza/EPA

Zwei Tage nach ihrem letzten Einsatz an den Paralympischen Spielen in Tokio braucht Karin Suter-Erath frische Luft und Sonnenstrahlen. Sie setzt sich an ihrem Wohnort im aargauischen Wettingen auf ein elektronisch unterstütztes Vorspannbike und fährt los. Nicht, um sich sportlich nochmals herauszufordern. Dafür waren die letzten Tage intensiv genug. Sondern um mit einer «Spazierfahrt», wie sie es bezeichnet, das zu verarbeiten, was sie in Japan alles erlebte. «Ich war zwei Wochen weg, doch es fühlte sich wie zwei Monate an», sagt Suter-Erath. Deswegen müsse sie einfach mal den Kopf lüften.

Zu verarbeiten hat die 50-jährige Baslerin einiges. Sie war mit dem Traum nach Tokio gereist, eine Medaille zu holen. Erstmals konnte sie dies im Parabadminton versuchen – einer Sportart, die in Tokio paralympische Premiere feierte. Bei ihren bisherigen Teilnahmen spielte sie noch Rollstuhltennis. 2004 in Athen holte sie gar die Bronzemedaille im Doppel. Dass es schwierig werden würde, den Medaillensatz zu ergänzen, wusste sie bereits, bevor es in Japan losging, denn einige ihrer asiatischen Konkurrentinnen sind stark. Dazu weist Suter-Erath, die seit 24 Jahren querschnittgelähmt ist, gegenüber anderen Athletinnen eine schwerere Behinderung auf, ebenso wie ihre Doppelpartnerin Cynthia Mathez. Bei beiden ist die Rumpfstabilität schwach. Weil an paralympischen Spielen aber Athletinnen mit verschiedenen Behinderungsgraden gegeneinander antreten, waren die Voraussetzungen für eine Medaille nicht die besten.

Die Tür bleibt für Suter-Erath geschlossen

Bemerkbar machte sich dies im Doppel zunächst im Halbfinal. Und dann, als die letzte Chance bestand, sich eine Medaille zu ergattern: im Spiel um Bronze. «Wir hatten in beiden Spielen eine Gegnerin auf der anderen Seite, die über die volle Rumpfmuskulatur verfügt. Sie deckten zwei Drittel des Feldes ab», sagt Suter-Erath. Im Doppel reichte es für den vierten Platz, im Einzel scheiterte sie im Viertelfinal an der späteren Turniersiegerin. Auch wenn der Traum der zweiten paralympischen Medaille ein solcher blieb, ist sie mit ihrer Leistung zufrieden, denn mental sei sie bereit gewesen. «Hätte sich eine Tür geöffnet, hätten wir die Chance gepackt», ist sich Suter-Erath sicher. Doch die Tür zur Medaille, sie blieb zu. Auch deshalb fällt es ihr leicht, den undankbaren vierten Platz im Doppel zu akzeptieren.

Karin Suter-Erath (links) klatscht sich mit Doppelpartnerin Cynthia Mathez (rechts) ab.

Karin Suter-Erath (links) klatscht sich mit Doppelpartnerin Cynthia Mathez (rechts) ab.

Ennio Leanza/EPA

Suter-Erath hat in ihrer Karriere, die bereits zwei Jahrzehnte andauert, einiges erlebt. Doch die Spiele in Tokio waren auch für die erfahrene Baslerin eine neue Erfahrung. Eine, auf die sie sich monatelang akribisch vorbereitet hatte. Weil es im Rollstuhlbadminton anders als im Rollstuhltennis zuerst Gruppenspiele gibt, stand sie so oft auf dem Platz wie an paralympischen Spielen zuvor noch nie. «Ich habe mental viel gearbeitet, damit ich von Anfang an mit unerwarteten Situationen umgehen kann», sagt Suter-Erath. Einzig als im letzten Einzel-Gruppenspiel der von der Klimaanlage generierte Luftstrom in die andere Richtung blies als erwartet, war sie überrascht.

Eine wegweisende Entscheidung steht bevor

Und dann kam da noch die Erfahrung der ersten Paralympics in Zeiten einer Pandemie. Keine Zuschauer, dafür viel Maske. Keine Ausflüge wie noch 2008 in Peking, als sie die Chinesische Mauer bestaunte, dafür ein intensives Zusammensein im Schweizer Team. Die olympische Stimmung kam auch ganz ohne Zuschauer, die einen anfeuern, die einen aber auch unter Druck setzen können. «Ich fand mich damit ab und machte das Beste draus», sagt Suter-Erath. Besonders begeistert war sie von der japanischen Gastfreundlichkeit, vom liebevoll geschmückten Athletendorf, von der japanischen Medienpräsenz, von der professionellen Durchführung, die sie zum Beispiel dann bemerkte, als bei ihren Spielen acht Linienrichter dabei waren. «So viele hatte ich in meiner Karriere noch nie. Es gab keinen einzigen Fehlentscheid», sagt Suter-Erath und ergänzt: «Die Japaner gaben einem das Gefühl, willkommen zu sein. In dieser Form habe ich das noch nie erlebt.»

Suter-Erath muss zurück in der Schweiz nicht nur ob dieser Erlebnisse den Kopf lüften. Sie steht vor einer entscheidenden Frage: Weitermachen oder aufhören? Die ersten Gedanken sind gemacht. Doch spruchreif ist noch nichts. Es hängt auch davon ab, ob die Pandemie die Austragung der nächsten Para-Badminton-Weltmeisterschaften zulässt. Austragungsort wäre erneut Tokio. Ein Ort, den Suter-Erath am Montag zufrieden verliess. Auch ohne die erträumte Medaille im Gepäck.

Aktuelle Nachrichten