Servette
Patrik Baumann: «Ich bin im besten Alter, um neu durchzustarten»

Der 26-jährige Riehener, der zuletzt bei Servette spielte, ist nach einer Knieverletzung seit eineinhalb Jahren ohne Ernstkampf. In Genf arbeitet er an seinem Comeback und zieht auch einen Gang in die Challenge League in Betracht.

Markus Brütsch
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Ende Mail 2011 avanciert Patrik Baumann (links) mit zwei Barrage-Toren zum Genfer Helden.

Ende Mail 2011 avanciert Patrik Baumann (links) mit zwei Barrage-Toren zum Genfer Helden.

Keystone

Tattoos sind seine Leidenschaft. Er hat sich viele stechen lassen und ein jedes hat seine Bedeutung. «Be grateful and appreciate» – «Sei dankbar und schätze, was du hast», so steht es auf seinem Unterarm geschrieben. Der schwere Unfall des Eishockeyspielers Ronny Keller in der letzten Woche hat ihm bestätigt, wie wichtig dieser Leitsatz ist. «Jetzt ist es mir fast ein bisschen peinlich, über meine Verletzungen zu sprechen», sagt Patrik Baumann. «Viele Menschen haben nicht die Möglichkeit, Sport zu treiben und ihr Hobby zum Beruf zu machen – wie ich.»

«Ich hatte ein Blackout»

Dabei hätte er, nüchtern betrachtet, durchaus einigen Grund, zu hadern. Denn just, als er sein grosses Ziel, die Super League, erreicht hatte, traf ihn am 22. September 2011 der Tiefschlag. Es war im Heimspiel gegen den FC Luzern, als Baumann den Gästespieler Adrian Winter foulte, einen Penalty verursachte und sich dabei schwer verletzte. «Ich hatte ein Blackout, meine Aktion war völlig unnötig», sagt Baumann.

Seit eineinhalb Jahren ausser Gefecht

Doch statt der üblichen sechs Monate Pause, die ein Kreuzbandriss einem Spieler aufzwingt, ist Baumann mittlerweile anderthalb Jahre ausser Gefecht. Nach der Operation in Genf und dem Rehabilitationstraining in Basel wähnte sich der Profi des FC Servette auf gutem Weg. Dann aber, im Januar 2012, machte sich unter der Kniescheibe eine Entzündung bemerkbar, die Baumann zu einer dreimonatigen Pause zwang und ihn weit zurückwarf.

Behandlung in Frankreich

Auf Empfehlung seines Teamkollegen Geoffrey Tréand liess er sich in Frankreich behandeln – mit Erfolg, die Entzündung verschwand. Langsam arbeitete sich Baumann zurück in die erste Mannschaft von Servette, und als er im Oktober letzten Jahres als Captain in einem Testspiel gegen Terre Sainte 45 Minuten problemlos überstand, schien das Comeback in der Super League nahe. Doch dann, an einem Freitag im Abschlusstraining, spürte er nach einem Torschuss einen stechenden Schmerz. Diagnose: Bluterguss im Knochen, drei bis sechs Monate Pause.

Vertrag mit Servette ist ausgelaufen

Im neuen Jahr begann Baumann erneut mit dem Aufbautraining. Zwar hatte ihm Servette im November mitgeteilt, dass der Vertrag nicht weiter laufe, doch zum Glück des Patienten zeigte sich Servettes U23-Coach Oscar Londono grosszügig, lud ihn ein, den Kraftraum im Trainingszentrum Balexert zu benützen und, wenn die Zeit reif dafür sei, mit dem Nachwuchs zu trainieren. «Das vordringlichste Ziel ist es jetzt, die Muskulatur des rechten Oberschenkels zu stärken», sagt Baumann.

Notfalls in die Challenge League

Im Sommer will der 26-Jährige wieder angreifen und seine Karriere neu lancieren. «Ich möchte in der Super League bleiben, könnte mir aber auch vorstellen, bei einem ambitionierten Challenge-League-Klub einzusteigen», sagt Baumann. «Ich bin im besten Alter, um neu durchzustarten.»

Genug Stoff, um ein Buch zu schreiben

Der Riehener, der einst vom FC Riehen über Amicitia Riehen und Concordia Basel zum Nachwuchs des FC Basel gestossen war, könnte ein Buch über seine Erlebnisse im Fussball schreiben. Zum Beispiel erzählen, wie er das Gymnasium abgebrochen hatte, um sich den Traum vom Profi zu erfüllen; wie er dann aber eine KV-Lehre eisern durchzog und abschloss, um «ein Papier in der Hand zu haben»; wie er in der Basler U21 von Trainer Heinz Hermann vom einen Tag auf den anderen vom zentralen Mittelfeldspieler zum Innenverteidiger umfunktioniert wurde; wie er für den FCB zwei Super-League-Spiele gegen Sion und YB absolvierte, für Solothurn, Kriens und die U21-Nati auflief; wie dankbar er dem Militär ist, dass er trotz seiner damaligen Vertragslosigkeit die Sportler-RS absolvieren durfte; wie er 2009 bei Concordia den Beinahe-Konkurs so hautnah miterlebte wie drei Jahre später bei Servette; wie er exakt am Tag, als er unter Trainer René Weiler einen Vertrag beim FC Schaffhausen unterschreiben sollte, von FC Schalke 04 zu einer Probetrainingswoche eingeladen wurde und erfuhr, weshalb Trainer Felix Magath auch als «Quälix» bekannt ist; wie er den Vertrag in Gelsenkirchen dann knapp nicht bekam, Schaffhausen jedoch in der Zwischenzeit einen anderen Spieler verpflichtet hatte; wie er zu Servette wechselte, mit den Genfern in der Challenge League eine unglaubliche Aufholjagd startete und gegen Bellinzona mit zwei Kopftoren zum Aufstiegshelden wurde; wie er sich beim zweiten Tor aber einen Muskelfaserriss zuzog und unter einer Standing Ovation den Platz verliess.

Fast Auftritt im Joggeli

Und: wie er einst gegen YB ein paar Sekunden vor seinem Traum stand, in den St.-Jakob-Park einzulaufen, der FCB jedoch exakt in diesem Moment, als er hätte eingewechselt werden sollen, ein Gegentor kassierte und Trainer Gross umdisponierte.

«Es ist nicht alles rund gelaufen in meiner Karriere», sagt Baumann. Wie ein unglücklicher Mann sieht er dabei nicht aus. «Be grateful and appreciate», steht auf seinem Unterarm.